Afrika-Museum vs. US-Firma: Kolonialer Rohstoffdaten-Streit
6. März 2026
In den Regalen des Afrika-Museums im belgischen Tervuren lagern auf einer Länge von knapp 500 Metern Millionen von handgeschriebenen, empfindlichen und noch nicht vollständig inventarisierten Dokumenten. Sie belegen, wie der Mineralreichtum der heutigen DR Kongo in der Kolonialzeit von Belgien kartiert und das Land ausgebeutet wurde.
1885 hatte der belgische König Leopold II. den Kongo in Besitz genommen. Das Gebiet wurde geplündert und die Bevölkerung extremer Brutalität ausgesetzt. Der König regierte es als sein Lehen, 1908 wurde es zu einer belgischen Kolonie, 1960 unabhängig.
Der globale Wettlauf um Seltene Erden
Heute, im Jahr 2026, nimmt der weltweite Wettbewerb um kritische Rohstoffe immer mehr zu - und die DR Kongo ist nach wie vor reich an Bodenschätzen: Es gibt Vorkommen von Lithium, Kupfer, Kobalt und Coltan. 90 Prozent davon seien noch unerschlossen, schätzt das kongolesische Bergbauministerium.
Die Zahl der Interessenten, die hier investieren möchten, ist dementsprechend hoch. Auch Washington hat kürzlich seine strategische Partnerschaft mit Kinshasa vertieft, um die Versorgung zu sichern und bei Materialien für Batterien, Elektronik und Verteidigung die Abhängigkeit von China zu verringern.
Das private Bergbau-Startup KoBold Metals, das von den Milliardären Jeff Bezos und Bill Gates unterstützt wird, ist eines von mehreren US-Unternehmen, die in der DR Kongo expandieren. Seine Firma habe angeboten, das Land bei der Digitalisierung des im Afrika-Museum gelagerten Archivs zu unterstützen, erklärte Benjamin Katabuka, Generaldirektor von KoBold Metals in der DR Kongo. "Wir scannen und digitalisieren die Dokumente und machen sie der Öffentlichkeit sofort zugänglich", so Katabuka.
"Unethisch, dies einem Unternehmen zu überlassen"
Das Afrika-Museum hat das jedoch wiederholt abgelehnt. "Wir möchten mit ihnen an bestimmten Dateien zusammenarbeiten - was wir jedoch nicht akzeptieren konnten, war ihr Vorschlag, unser gesamtes geologisches Archiv zu übernehmen", so Museumsdirektor Bart Ouvry gegenüber der DW. "Die Privatisierung eines kompletten Archivs ist für uns nicht möglich. Wir würden es als unethisch empfinden, dies einem Unternehmen zu überlassen."
Ouvry argumentiert hier in Übereinstimmung mit der belgischen Regierung, die die gelogischen Archive als öffentliches Eigentum sieht. "Belgien kann unter keinen Umständen einem ausländischen Unternehmen oder einer privaten Einrichtung, mit der es keine vertragliche Beziehung unterhält, exklusiven Zugang gewähren", sagte Sprecherin Florinda Baleci.
KoBold Metals steht im Verdacht, kommerzielle Interessen zu verfolgen und die wertvollen Daten aus den alten Karten zu Geld machen zu wollen.
Digitalisierung: Afrika-Museum und DR Kongo arbeiten bereits zusammen
Um die Digitalisierung zu bewerkstelligen, gibt es zudem bereits ein laufendes Projekt des Museums, erklärt Ouvry - und zwar zusammen mit dem Nationalen Geologischen Dienst der DR Kongo und unterstützt von der EU: "Wir haben vor zwei Jahren mit der Entwicklung begonnen. Als sie [KoBold Metals] letztes Jahr zu uns kamen, waren wir mit unserem Projekt bereits recht weit fortgeschritten. Die Produktion hat tatsächlich im Januar begonnen. Wir haben Mitarbeiter für diese Arbeit eingestellt, da ein Teil davon technisch, der größte Teil jedoch wissenschaftlicher Natur ist und von unseren eigenen Wissenschaftlern durchgeführt werden muss."
Auch Künstliche Intelligenz wird dabei verwendet, bestätigt der Museumsdirektor. "Es gibt heute kaum noch ein wissenschaftliches Projekt, bei dem keine KI zum Einsatz kommt."
Wer darf über die Archive entscheiden?
Vergangenes Jahr hatte KoBold die Genehmigung bekommen, in der DR Kongo nach Lithium und anderen Mineralien zu suchen. Mit Kinshasa schloss das Unternehmen zudem Vereinbarungen zur Digitalisierung von Daten ab - einschließlich der in Belgien aufbewahrten Aufzeichnungen.
Laut einem Bericht der britischen Zeitung Financial Times hatte der kongolesische Bergbauminister Louis Watum Kabamba im Februar den Wunsch geäußert, die Weitergabe der belgischen Daten zu beschleunigen - er habe dem nationalen geologischen Dienst entsprechende Anweisungen erteilt. Auf einer Konferenz des afrikanischen Bergbausektors in Kapstadt hatte er sich später gegen den Vorwurf verteidigt, das Bergbaupotenzial der DR Kongo an die USA "verschleudert" zu haben.
Laut KoBold-Generaldirektor Katabuka ist der Antrag auf Zugang zu den Archiven von der kongolesischen Regierung gestellt worden. KoBold verwies auf ein belgisches Gesetz aus dem Jahr 2022, das einen Rahmen für die Rückgabe von Sammlungen aus der Kolonialzeit an afrikanische Staaten schafft. Archive sind davon allerdings ausgenommen.
Ouvry: "Die Archive sind belgische Archive"
Aus Sicht Bart Ouvrys reicht die Zuständigkeit der DR Kongo ohnehin nicht so weit: "Die Archive sind belgische Archive. Sie befassen sich mit dem Kongo, aber auch mit anderen Ländern wie Ruanda, Burundi und Ländern in der Nachbarschaft, in denen belgische Unternehmen seit jeher aktiv sind. Daher ist es nicht Sache der kongolesischen Regierung oder eines privaten Unternehmens, über diese Archive zu entscheiden. Wir erkennen natürlich an, dass es (...) aus moralischer und politischer Sicht wichtig ist, diese Archive mit der kongolesischen Regierung zu teilen", stellt der Museumsdirektor klar. "Aber das müssen wir selbst realisieren."
Der Nationale Geologische Dienst der DR Kongo habe dem Afrika-Museum zudem "Vorrang eingeräumt", betont er. "Wir werden drei Regionen priorisieren, die für die kongolesische Regierung derzeit am wichtigsten sind und deren Daten dann sehr bald an sie übertragen werden."
Bereits jetzt ist das Archiv des Afrika-Museums eingeschränkt zugänglich: Kopien können auf Anfrage zur Verfügung gestellt werden und private Unternehmen müssen ein Unterstützungsschreiben der Regierung der DR Kongo vorlegen, um geologische Karten einsehen zu können.
Innerhalb von vier bis fünf Jahren soll dann das gesamte Archiv in Übereinstimmung mit belgischem und europäischem Recht digitalisiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, so Ouvry.
Gerüchte, die Trump-Administration habe Druck auf sein Museum ausgeübt, das Archiv für KoBold Metals zu öffnen, weist er gegenüber der DW übrigens zurück. "Soweit ich weiß, haben wir dringende Anfragen von KoBold erhalten. Mir sind keine weiteren Schritte anderer Regierungen bekannt."