Afrika: Mit dem Aus für AGOA öffnen sich neue Wege
29. September 2025
Der Countdown läuft: Das US-Gesetz, das den Handel zwischen den Vereinigten Staaten und afrikanischen Ländern südlich der Sahara erleichtert, bekannt als AGOA (African Growth and Opportunity Act), läuft am 30. September aus. Nach langem Bangen um eine Fortsetzung könnte das 25-jährige Programm, das Mitgliedsländern zollfreien Zugang zum US-Markt ermöglicht hatte, Geschichte sein.
"Studien zeigen, dass AGOA positive Effekte hatte. Die Exporte in die USA sind gestiegen, zum Beispiel in der Textilbranche", sagt Zoryana Olekseyuk, die am German Institute of Development and Sustainability (IDOS) zur Transformation von Wirtschafts-und Sozialsystemen forscht.
Auswirkungen auf Afrika sind begrenzt
Doch die Bilanz sei gemischt, sagt Olekseyuk zur DW: "Der Gesamteffekt für die Region ist begrenzt und die Wirkung ist von Land zu Land und von Sektor zu Sektor unterschiedlich." So hätten andere Handelspartner mit der Zeit an Bedeutung gewonnen.
Die Handelspartnerschaft war im Jahr 2000 unter Präsident Bill Clinton ins Leben gerufen worden. Doch die Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus 2025 bedeutete erneut eine protektionistische Politik und weltweit hohe Handelszölle ein - und bedeutet jetzt wohl das Aus für AGOA.
Bisher profitieren 35 afrikanische Länder vom Zugang zum amerikanischen Markt: Fast 7000 Produkte können zollfrei über den Atlantik transportiert werden. Ganze Sektoren - Textilindustrie, Landwirtschaft, Rohstoffindustrie - haben sich entwickelt, Tausende Arbeitsplätze wurden geschaffen, insbesondere in Madagaskar, Lesotho und Südafrika.
Heute sind diese Errungenschaften in Gefahr. Malick Sané, Spezialist für internationalen Handel an der Universität Cheikh Anta Diop in Dakar, warnt: "Afrikanische Unternehmen werden große Schwierigkeiten haben, weiterhin mit wettbewerbsfähigen Produkten auf den amerikanischen Markt vorzudringen." Diese Entwicklung werde zu einem Rückgang der Produktion und der Arbeitsplätze führen.
So befürchtet Südafrika, der größte afrikanische Exporteur in die Vereinigten Staaten, allein im Zitrusfrüchte-Sektor den Verlust von mehr als 35.000 Arbeitsplätzen.
US-Zölle werden auch auf Exporte von Platin, Gold, Diamanten oder seltenen Erden erhoben - wichtige Einkommensquellen für Länder wie Südafrika, Ghana, Lesotho, Namibia und Madagaskar. Madagaskar muss auf Vanille- und Textilexporte künftig eine Steuer von 47 Prozent abführen.
Lesotho, einem Spezialisten für die Fertigung von Jeans, drohte die US-Regierung mit einem Rekordzollsatz von 50 Prozent - eine Ansage, die sie im Juli wieder auf 15 Prozent reduzierte. Mauritius soll 40 Prozent auf seine Industrieerzeugnisse zahlen. Einige dieser Rohstoffe sind allerdings für die amerikanische Industrie unverzichtbar.
Handelsvorteile zu gering
Doch der Handel mit den USA sei in den vergangenen Jahren bereits gesunken, betont die Ökonomin Olekseyuk. "Schon 2017 gingen nur noch 8,5 Prozent der Exporte der AGOA-Länder in die USA. Das ist deutlich weniger als nach Europa oder nach China." Außerdem hätten wenige afrikanische Exporteure tatsächlich von AGOA-Vorteilen profitiert, fügt sie an: "Oft sind die Vorteile schlicht nicht groß genug."
Für die Länder lohne sich damit der bürokratische Aufwand für die Nutzung von AGOA nicht, sagt die Ökonomin. Hinzu komme die Unsicherheit: "Immer wieder musste das Programm verlängert werden, einige Länder wurden ausgeschlossen, Investoren schreckten zurück."
Angesichts der wirtschaftlichen Entwicklungen haben sich einige Länder - wie Simbabwe - entschlossen, ihre eigenen Zollschranken aufzuheben, um die Lage zu beruhigen. Südafrika und Madagaskar bemühen sich weiterhin um gezielte Ausnahmeregelungen.
Historische Chance: Aus der Abhängigkeit befreien
Der malische Ökonom Etienne Fakaba Sissoko sieht die Gelegenheit für einen Aufbruch: "Die Länder sollten diese historische Chance nutzen, um sich aus ihrer Abhängigkeit zu befreien. Seit 25 Jahren wird AGOA als Geschenk dargestellt. In Wirklichkeit hat es jedoch vor allem den geografischen Interessen der Vereinigten Staaten gedient."
AGOA habe Chancen eröffnet, aber die Volkswirtschaften nicht verändert. "Das Ende muss zum Anlass genommen werden, um von einer Logik der Hilfe zu einer Logik der Autonomie für unsere Staaten überzugehen", sagt Fakaba.
Die eigentliche Herausforderung bestehe darin, in die Infrastruktur und den technologischen Aufstieg zu investieren. "Wir müssen eine afrikanische Wirtschaftssouveränität aufbauen, die nicht mehr von den Launen Washingtons oder irgendeines anderen Landes abhängig ist."
Die Afrikanische Union drängt schon länger darauf, die kontinentale Freihandelszone (AfCFTA), die seit 2021 in Kraft ist, voranzubringen, um die wirtschaftliche Unabhängigkeit des Kontinents zu stärken. Die Freihandelszone, die 54 afrikanische Länder mit rund 1, 55 Milliarden Einwohnern umfasst, könnte jetzt für Unternehmen an Attraktivität gewinnen, schätzt auch der Handelsexperte Sané.
Es zeichnet sich jedoch auch ein anderer Trend ab: die Neudefinition der afrikanischen Handelspartnerschaften mit anderen Regionen. China, das kürzlich seine Zölle für 33 afrikanische Länder abgeschafft hat, profiliert sich dabei als Ersatzpartner.
Neue Partnerschaften stärken
Dass Afrika mit dem Ende von AGOA seine Partnerschaften weiter diversifizieren muss, steht für Mamady Kamara, Berater für Regierungsführung, Entwicklungspolitik und Unternehmertum, außerfrage. Neben China werde die Europäische Union über das Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (WPA) ein wichtiger Partner bleiben. Andere Staaten wie Indien, die Türkei, Brasilien oder Russland versuchten ebenfalls, ihre Präsenz auf dem Kontinent zu verstärken.
Kamara warnt indes davor, alte Abhängigkeiten durch neue zu ersetzen: "Die Herausforderung für Afrika besteht darin, ausgewogene Abkommen auszuhandeln, die tatsächlich die Wertschöpfung vor Ort fördern."
Wie nun wird sich das Ende von AGOA bemerkbar machen? 2024 erreichten die afrikanischen Exporte im Rahmen des Programms einen Wert von acht Milliarden US-Dollar. Im gleichen Jahr wuchs der Handel zwischen China und Afrika laut den vom chinesischen Zoll veröffentlichten Zahlen um 4,8 Prozent auf 295 Milliarden Dollar.
Spürbar werden dürften die Veränderungen am Ende eher in einzelnen Ländern, die für einen großen Teil der acht Milliarden stehen, so Südafrika mit Exporten in die USA in Höhe von 3,76 Milliarden Dollar - oder Ländern, deren Wirtschaft sehr stark auf die USA ausgerichtet ist. "Zum Beispiel könnte Lesotho fast sechs Prozent der Gesamtexporte verlieren, Madagaskar über drei Prozent, Botswana und Tschad circa zwei Prozent im Szenario mit höheren länderspezifischen Zöllen", zählt IDOS-Expertin Olekseyuk auf. Indirekt drohten dann noch sinkende Investitionen, geschwächte Lieferketten, steigende Armut und wachsende Finanzprobleme für ohnehin hoch verschuldete Länder.
Für Olekseyuk steht am Ende ein Appell: "AGOA war wichtig, hat aber an Attraktivität verloren. Sein Ende zeigt um so mehr, wie dringend Afrika seine Handelsstrukturen diversifizieren muss und wie sehr Europa gefordert ist, diese Transformation zu unterstützen."