Afrika: Jagd auf Menschen mit Albinismus | Wissen & Umwelt | DW | 12.06.2022
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Menschenrechte

Afrika: Jagd auf Menschen mit Albinismus

Sie verfügen angeblich über geheime Kräfte, einzelne Teile ihres Körpers sollen Wunder bewirken können. Wegen dieser Mythen werden Menschen mit Albinismus in Afrika gejagt, verstümmelt und ermordet.

Portraitfoto eines Menschen mit Albinismus

Menschen mit Albinismus wrden vielerorts diskriminiert

Allein schon wegen ihres Äußeren fallen Menschen mit Albinismus in Afrika besonders auf. Ihre Haut ist weiß, genauso wie ihre Haare. Sie werden ausgegrenzt, erfahren Hass. Menschen mit Albinismus sind Anfeindungen ausgesetzt, aber auch Mord und Totschlag.

Fischer glauben, dass sie einen besseren Fang haben werden, wenn sie die weißen Haare von Menschen mit Albinismus in ihre Netze knüpfen. Und Knochenpulver soll sich in Diamanten verwandeln, wenn man es eingräbt, davon sind manche Bergleute überzeugt. Andere Körperteile sollen als Amulette einfach nur eines bringen: Reichtum.

Die Mythen und der Aberglaube, die sich um Menschen mit Albinismus ranken, sind in einigen afrikanischen Ländern nach wie vor sehr lebendig. Sie seien Hexen oder verflucht, und aus ihren Knochen ließen sich Heilmittel gewinnen. Durch solchen Irrglauben kommt es auch im 21. Jahrhundert in einigen Regionen noch zu grausamen Ritualmorden. 

Aber sie werden auch attackiert und verstümmelt, denn schon einzelne Körperteile von Menschen mit Albinismus versprechen den Menschenjägern Gewinne von etlichen tausend Euro auf dem Schwarzmarkt. Für den kompletten Körper eines Menschen mit Albinismus – egal ob tot oder lebendig – werden bis zu 65.000 Euro gezahlt. Grund für den Albinismus: Die Betroffenen haben einen Gendefekt. Der bezieht sich ausschließlich auf das Äußere, die körperliche und geistige Entwicklung sind in keiner Weise beeinflusst.

Kind mit Albinismus und afrikanisches Kind mit dunkler Haut

Gerade in afrikanischen Ländern fallen die weißhäutigen Menschen besonders auf

 

Albinismus: Mangel an Melanin

Um uns vor UV- und Sonnenstrahlung zu schützen, benötigen wir alle Melanin, unabhängig von unserer Hautfarbe. Gebildet werden diese rötlichen, braunen oder auch schwarzen Pigmente in den sogenannten Melanozyten der Haut, in der Netzhaut und in der Iris des Auges. Der Anteil an diesem Pigment bestimmt, ob wir dunkelhäutig sind, helle Haut haben oder eben selten auch weiße Haut und damit keinen natürlichen Sonnenschutz durch Melanin.

Bei Menschen mit Albinismus ist die Biosynthese von Melanin durch einen Gendefekt gestört. So kommt es zu den typischen Merkmalen, zu einer extremen Lichtempfindlichkeit und damit zu einem erhöhten Risiko, an Hautkrebs zu erkranken und so kann Sonneneinstrahlung tödlich sein. Starker Sonnenschutz ist für Menschen mit Albinismus überlebenswichtig.

Bislang ist Albinismus nicht behandelbar und auch nicht heilbar, die Lebenserwartung aber ist die gleiche wie bei Personen, die nicht unter dieser Erbkrankheit leiden. Beide Elternteile müssen das Gen in sich tragen, um es weiterzugeben, müssen aber nicht selbst betroffen sein.

Corona: Sündenbock gesucht

Gerade während Corona haben Menschen mit Albinismus besonders gelitten. So gab es beispielsweise kaum Sonnenschutzmittel. Und nicht selten wurden diese Menschen zu Sündenböcken für die Pandemie gemacht. Schließlich besagt der Aberglaube u.a. dass Menschen mit Albinismus geheime Kräfte hätten.

So heißt es in einem UN-Bericht: "Bereits während früherer Epidemien hat der Glaube ans Übernatürliche zugenommen. In Afrika war dies zuletzt während der Ausbrüche von HIV/Aids und Ebola der Fall." Und laut der Menschenrechtskommissarin der Vereinten Nationen, Michelle Bachelet, hat sich seit 2020 beispielsweise in Malawi die Zahl der Angriffe auf Menschen mit Albinismus verdreifacht.

Menschenrechtsexperten der UN und der Afrikanischen Union entwickelten 2019 einen Fünf-Jahres-Plan, dessen Ziel es ist, die Lebensqualität für Menschen mit Albinismus zu verbessern und die grausamen Morde zu stoppen. 

Filmcrew am Set - Afrika Filmproduktion Nigeria Nollywood

Seit den 1990er Jahren werden in Nigeria sogenannte Nollywood-Filme produziert

Stacheln Nollywood-Filme zu Ritualmorden an?

Seit Anfang der 1990er Jahre werden in Nigeria die sogenannten Nollywood-Filme produziert. Meist befassen sie sich mit spirituellen und mystischen Themen und das in einer oft überzeichneten Darstellung. Für die Zunahme der Ritualmorde macht die nigerianische Regierung unter anderem diese Filme verantwortlich. Der Vorwurf: Junge Menschen könnten durch Nollywood-Filme dazu angestiftet werden, die Filme als Vorlage für Ritualmorde zu nehmen, um damit das schnelle Geld zu machen.

Auch im von Nigeria weit entfernten Malawi, in Südostafrika, sind so manche der Ansicht, Nollywood-Filme könnten ein Grund sein, dass die Zahl der Morde wieder zunimmt, so auch das Ergebnis einer Umfrage der DW für die Sendung "The 77 Percent".

Die Menschen in Malawi glaubten daran, was sie in den Nollywood-Filmen sehen, so eine der Befragten. Ein anderer ist davon überzeugt, dass einige der Filme das Töten von Menschen mit Albinismus anheizten und dass die Filme einen großen Einfluss auf die Menschen ausüben. Es seien vor allem die Szenen, in denen es um Ritualmorde, um Mythen und Aberglaube gehe, die einige dazu anstifteten zu töten. Viele glaubten, das sei die Realität. 

Eine der Befragten ist der Überzeugung, dass das, was in den Filmen gezeigt werde, in weitab gelegenen Dörfern passiere und es reflektiere, woran diese Menschen glauben, wenn es um Kultur und Tradition geht. Sie sähen so etwas im Fernsehen und wollten es ausprobieren. Das Tragische daran ist, dass es dabei dann um Mord geht, um Menschenleben und um die Realität und nicht bloß um Filmszenen.

UN wollen aufklären

Weltweit kommt die Erkrankung mit einer Häufigkeit von etwa 1:20 000 vor. In Europa ist etwa einer von 17.000 Menschen von der Pigmentstörung betroffen, in Afrika ist es einer von 5.000. Die meisten von ihnen leben in Tansania, wo die Prävalenz sogar bei 1:1400 liegt.

Um über Menschen mit Albinismus weltweit zu informieren, haben die Vereinten Nationen den Internationalen Tag der Aufklärung über Albinismus ins Leben gerufen. Zum ersten Mal fand er am 13. Juni 2014 statt. Dieser Tag soll dabei helfen, Menschen mit Albinismus weltweit zu integrieren, sie nicht wie Aussätzige zu behandeln. Aktionen sollen vermitteln, wie Albinismus entsteht, welche Auswirkungen die Erkrankung hat und was es für Betroffene bedeutet, damit zu leben. Am wichtigsten dabei ist es, den Aberglauben und all die Mythen aus den Köpfen zu kriegen und die brutale Menschenjagd endlich zu beenden.

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