Afrika ist noch immer unterversichert | Afrika | DW | 04.04.2020
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Naturkatastrophen

Afrika ist noch immer unterversichert

Als Wirbelsturm Idai letztes Jahr das südliche Afrika verwüstete, verloren viele Menschen ihre gesamte Existenz. Die Zahl solcher Naturkatastrophen soll noch zunehmen. Neue Versicherungen sollen die Not danach lindern.

Antananarivo Anfang des Jahres: Heftige Regenfälle sorgten in Madagaskar für Überschwemmungen

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Einst führte Peter Mutisi in der Stadt Kopa in Simbabwe mehrere Lebensmittelgeschäfte und ein Unternehmen für Soundanlagen. Vor einem Jahr verlor er alles: seine Frau, sein Haus, seinen gesamten Besitz. Schuld war Tropensturm Idai, der im März 2019 weite Teile des südlichen Afrikas verwüstete. Doch eine Entschädigung für seine Verluste habe er nie erhalten, sagt Mutisi der Deutschen Welle: "Wir hatten eine Versicherung für das Auto. Ich habe einmal deswegen nachgefragt, aber sie sagten, die galt nicht für Naturkatastrophen."

Damit Schäden durch Naturkatastrophen für Betroffene wie Peter Mutisi besser abgefangen werden können, hat die Afrikanische Union 2014 die African Risk Capacity ins Leben gerufen. Die baut auf zwei Säulen auf: einer Agentur, die Staaten dabei hilft, besser auf Katastrophen vorbereitet zu sein, und einem Versicherungszweig.

Mit Modellen gegen den Hunger

Derzeit gibt es nur Versicherungen gegen Dürren. Anders als andere Versicherer bietet ARC dabei sogenannte Index-Versicherungen an. "Wir müssen nicht auf das Feld gehen und nachsehen, wie groß der Schaden an den Früchten oder der Verlust der Ernte ist", erklärt Malvern Chirume, Versicherungsfachmann bei African Risk Capacity Limited in Südafrika.

Es ist zu trocken: Die zweite Saison in Folge liegen diese Felder bei Zvishavane in Simbabwe brach

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 Die Versicherung basiert auf Modellen, die viele Faktoren berücksichtigen - etwa Niederschläge und Bodenbeschaffenheit. Sie werden für jedes Land und sogar einzelne Regionen erstellt. So kann die ARC frühzeitig erkennen, ob sich eine Dürre und damit Ernteausfälle anbahnen. Sind vorher festgelegte Bedingungen erfüllt, beispielsweise wenn eine Niederschlagsmenge in einem bestimmten Zeitraum niedriger ausfällt als vereinbart, wird eine Auszahlung ausgelöst.

Geld oder Hilfsgüter sollen auf diese Weise schnell bei denen ankommen, die sie benötigen. Je mehr Zeit zwischen Ernteausfällen und Hilfe verstreicht, desto größer wird der Schaden. "Menschen, die mit der Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt verdienen, sind dann schon auf negative Mechanismen ausgewichen, indem sie ihr Vieh oder andere Wertgegenstände verkauft haben, um sich Essen leisten zu können. Oder sie nehmen ihre Kinder aus der Schule", sagt Chirume.

"Richtig gutes Konzept"

Debbie Hillier leitet bei der Beratungsfirma Oxford Policy Management eine Evaluation der ARC, die auf zehn Jahre angelegt ist. Das Konzept bezeichnet sie als "richtig gut". "African Risk Capacity ist ein sehr ambitioniertes Programm. Es ist das erste dieser Art in der Welt", sagt Hillier der DW. Noch ist es ihrer Meinung nach zu früh, den Effekt von ARC richtig messen zu können. Gerade im Bereich der Beratung von Regierungen, sich auf Katastrophen vorzubereiten, habe sich aber viel getan.

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Äthiopien: Dürre am Horn von Afrika

Einzelpersonen wie Peter Mutisi aus Simbabwe können sich jedoch nicht bei ARC versichern. Das können nur Staaten. Seit Kurzem testet ARC sogenannte Replica-Versicherungen. Hier bezahlt nicht der Staat den Versicherungsbeitrag, sondern Partner wie das Welternährungsprogramm. Neu ist auch, dass die African Development Bank die Beiträge einzelner Staaten bezuschussen kann.

Aktuell haben sich elf Staaten bei ARC gegen Dürren abgesichert, überwiegend westafrikanische Länder. 2014, als die ersten Verträge angeboten wurden, waren es erst vier. Insgesamt 61 Millionen Dollar wurden seitdem ausgezahlt - an Niger, Mauretanien, Malawi, Senegal und die Elfenbeinküste.

Versicherungsfachmann Chirume hält es für problematisch, dass sich Länder jeweils pro Anbauperiode versichern und nicht laufend. Aber er hat dafür Verständnis: "Einige Staaten müssen sich entscheiden, ob sie ein Krankenhaus bauen oder eine Dürre-Versicherung abschließen", sagt Chirume.

Es gibt bereits Pläne, Versicherungen auch gegen andere Katastrophen wie Überflutungen, Epidemien und Wirbelstürme anzubieten. Chirume hofft, dass Versicherungen gegen Zyklone Ende dieses Jahres an den Start gehen können. Gelder sollen hier im Schadensfall in zwei, spätestens drei Tagen ausgezahlt werden.

Mosambik vor einem Jahr: Wirbelsturm Idai hat diese Bar vollständig zerstört

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Das Angebot auszudehnen ist dringend nötig - die verheerenden Wirbelstürme Idai und Kenneth haben es 2019 gezeigt. Deutlich wird dies auch, wenn man sich den Index für Schadanfälligkeit durch Naturgefahren des britischen Beratungsunternehmens Verisk Maplecroft ansieht. Er misst, wie weit Staaten in der Lage sind, sich auf Naturgefahren vorzubereiten und mit den Auswirkungen fertig zu werden. 

Weiter anfällig für Katastrophen

Malawi, Mosambik und Simbabwe sind drei der Länder, die von den Stürmen im vergangenen Jahr besonders schwer betroffen waren. In dem Ranking fallen sie alle in die Gruppe der Staaten, die einem hohen Risiko ausgesetzt sind. Mosambik stand im zweiten Quartal 2019 von 194 Staaten auf Platz neun. "Mosambik liegt im Vergleich zu anderen Staaten besonders beim Gesundheitssystem und dem Zugang zu Geldern und der Katastrophenhilfe zurück", sagt Niall Smith von Verisk Maplecroft. Zum Vergleich: Deutschland belegte in demselben Zeitraum Platz 164, die Schadanfälligkeit war gering.

Smith spricht noch einen anderen Punkt an: Die Wirtschaft ist in vielen afrikanischen Staaten stark auf die Landwirtschaft angewiesen. Das mache sie sehr anfällig für Ausfälle durch den Klimawandel und Naturkatastrophen.

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Keine Versicherungen oder nicht die richtigen zu haben, das ist in Afrika bei Katastrophen eher die Regel als die Ausnahme erklärt Malvern Chirume, von ARC. Das liege an mangelndem Bewusstsein, dass man sich gegen mögliche Schäden absichern sollte. Aber auch am Misstrauen vieler Menschen: In der Vergangenheit hätten manche Versicherer im Schadensfall nicht zahlen wollen. Und drittens sei es eine Geldfrage: "Das Pro-Kopf-Einkommen der Durchschnittsperson auf dem Kontinent ist ziemlich niedrig. Daher wird eine Versicherung als Luxusgut angesehen."

Das sei sie aber nicht. "Wenn mir etwas passiert, ich in einen Unfall verwickelt werde oder aus welchen Gründen auch immer nicht mehr arbeiten kann, muss ich wissen, dass für meine Familie oder meine Lebensqualität gesorgt ist", so Chirume. Wenn ein Unglück aber den Hauptverdiener der Familie trifft, könne so eine Situation weitreichende Konsequenzen haben, weil Kinder beispielsweise nicht mehr zu Schule gehen können.

Für Peter Mutisi in Simbabwe kommen die Weiterentwicklungen beim ARC und im Versicherungsbereich in Afrika zu spät. Er lebt nun in einem der kleinen Lebensmittelgeschäfte, das er vor dem Sturm betrieb. Als die Deutsche Welle mit ihm sprach, drohte ihm der Rauswurf. Der Eigentümer hatte die Miete erhöht. Die kann sich Mutisi nun nicht mehr leisten. "Regierungen sollen ein paar Gesetze schaffen, um solchen Problemen in Zukunft umgehen zu können", findet er.

Mitarbeit: Privilege Musvanhiri

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