Mikrokredite: Kein Allheilmittel gegen Armut | Afrika | DW | 06.11.2019
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Afrika

Mikrokredite: Kein Allheilmittel gegen Armut

Mikrokredite galten einst als Wunderwaffe gegen Armut - auch in Afrika. Doch die Euphorie ist vorbei, manche Experten halten sie sogar für gefährlich und entwicklungshemmend. Waren die Erwartungen zu hoch?

Celine Yelpoe ist 39 Jahre alt, Mutter von drei Jungen und Geflügelzüchterin. Sie lebt mit ihrer Familie in der Stadt Bole im Norden Ghanas, wo sie seit 2007 eine Hühnerfarm betreibt. Einst startete sie mit 50 Tieren. Keine zwei Jahre später waren es schon 900 - finanziert durch einen sogenannten Mikrokredit. Eine Erfolgsgeschichte - erzählt von der Stiftung "Opportunity International", die solche Kredite vergibt. Das Prinzip: Geringe Summen werden verliehen, damit sich vor allem arme Menschen eine wirtschaftliche Existenz aufbauen können. Allein Yelpoes Kreditgeber "Opportunity International" (OI) hat in Ghana derzeit 150.000 Kreditnehmer.

Viele Jahrzehnte galten Mikrokredite als Wunderwaffe im Kampf gegen Armut und Arbeitslosigkeit. Muhammad Yunus, ein Wirtschaftswissenschaftler aus Bangladesch, der als Vater der Idee gilt, erhielt 2006 sogar den Friedensnobelpreis. Er glaubte, dass die Armut in der Welt Geschichte würde, wenn nur genug Mikokredite vergeben würden.

Zu hohe Erwartungen

Zahlreiche Entwicklungsorganisationen und Banken stiegen in das Geschäft mit den Kleinstkrediten ein. Auch in Afrika. 2018 nahmen rund 8 Millionen Menschen auf dem Kontinent Mikrokredite im Wert von insgesamt 8,5 Milliarden US-Dollar (umgerechnet rund 7,7 Milliarden Euro) auf. Die Zahl der Kredite ist zwischen 2002 und 2014 um 1.312 Prozent gestiegen.

Bildergalerie Bioanbau in Uganda Marktstand (DW/L. Schadomsky)

Der Schritt in die Selbstständigkeit soll durch Mikrokredite möglich werden

Doch nach Schätzungen der Weltbank lebt beinahe die Hälfte der Gesamtbevölkerung  Afrikas immer noch unterhalb der Armutsgrenze. Die Kleinstkredite haben daran wenig geändert. Die Erwartungen seien von Anfang an zu hoch gewesen, meint Rainer Thiele, Leiter des Forschungsbereichs Armutsminderung und Entwicklung an der Universität Kiel. "In der Entwicklungspolitik kommen immer neue Instrumente als Allheilmittel. Menschen sollen selbstständig werden, ein Business aufbauen, den Industriesektor stärken und die Armut bekämpfen", so Thiele zur DW. Das sei mit einem einzigen Instrument schwer zu erreichen.

Milford Bateman, Wirtschaftsprofessor an der Universität Paula in Kroatien, hält Mikrokredite sogar für entwicklungsfeindlich. Aus seiner Sicht festigen sie die Armut sogar. "Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Kleinstunternehmen wie in Afrika. Die Idee war, dass Afrika von diesem informellen Sektor Abstand nimmt, um sich zu entwickeln und die Armut zu bekämpfen", so Bateman im DW-Interview.

Denn die Beschäftigten im informellen Sektor arbeiten oft weiterhin zu Hungerlöhnen und bleiben arm.  Bateman glaubt, dass Armut nur dadurch bekämpt werden kann, dass neue Unternehmen und gut bezahlte Arbeitsplätze entstehen.  Stattdessen würden Spenden und kommerzielle Gelder in einen Sektor ohne Wachstumschancen gepumpt. "Das hat beispielsweise in Uganda zu einem Stillstand der Wirtschaft und zu einem Stopp der Armutsbekämpfung geführt", so Bateman. Mikrokredite nützten einzig und allein den Verleihern. "Mit Mikrofinanzen machen sie Millionen von Dollar – selbst wenn sie Gemeinden dafür zerstören."

Markt Goto Beira (DW/J. Beck)

Experten bemängeln: informelle Geschäfte behindern die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes

Thiele hingegen glaubt, dass Mikrokredite die Armut nicht verfestigen würden.  "Untersuchungen haben gezeigt: Die Rückzahlungsquote ist sehr hoch, Kleinunternehmen vergrößern sich und die Gewinne steigen." Enttäuschend sei, dass Mikrokredite keinen großen Einfluss auf die Armutsquote oder die Einschulungsraten hätten. Manche Menschen werden nach seinen Angaben durch die Kredite in eine Schuldenfalle gedrängt.

Investitionen in die Familie

Anke Luckja von "Opportunity International" sieht die Kredite positiv. In zehn afrikanischen Ländern ist die Stiftung aktiv. "80 Prozent unserer Kreditnehmer sind Frauen, die Arbeitskapital benötigen." Von ihrem Einkommen würden sie im Schnitt 76 Prozent in ihre Familien, Ernährung und Bildung zurückinvestieren. Die Rückzahlungsquote betrüge bei OI 98 Prozent.

Dass Mikrokredite zu Verschuldung führen, läge an den Kreditgebern, so Luckja. "Es geht nicht darum, einen Kredit zu exorbitanten Zinsraten zu vergeben. Man muss schauen: Kann der Mensch den Kredit bedienen? Ist es der richtige Betrag? Ist ein Markt gegeben? Wenn es neun Tomatenstände gibt, ist es nötig, in einen zehnten zu investieren?"

Bauern bleiben draußen

Doch laut Bateman geht es genau um diese "Tomatenstände": Nicht die Mikrokredite seien das Problem, sondern dass sie nur zur Unterstützung von Kleinstunternehmen genutzt werden können. 

Doch damit Kleinstunternehmer irgendwann wohlhabender werden, müsse die Politik aktiv werden, meint sein Kieler Kollege Thiele. "Um weiter zu wachsen, brauchen informelle Unternehmen irgendwann einen formalen Kredit. Der ist in Entwicklungsländern aber schwer zu bekommen." Anfallende Steuern würden zudem den Eintritt in den formellen Sektor für viele Kleinunternehmer unattraktiv machen.

Spargruppe in Mosambik (picture-alliance/dpa/B. Pedersen)

Experten betonen, dass auch Sparen wichtig ist

Zweites Problem: Mikrokredite seien für städtische Bevölkerung gedacht. Für Bauern sei die Rückzahlung aufgrund eines unregelmäßigen Einkommens schwierig, so Thiele. Nach dem Weltagrarbericht lebt aber mehr als die Hälfte aller Afrikaner von der Landwirtschaft  – ein Grund, warum Mikrokredite in Afrika weitaus weniger präsent sind als beispielsweise in Asien.

'Sparen hat eine bessere Wirkung'

Der Hype um die Mikrokredite ist vorbei – doch das macht ihn trotz allem nicht überflüssig, meint der Kieler Wirtschaftswissenschaftler Thiele. "Es gibt einen Bedarf bei armen Menschen, die Unternehmen gründen wollen und keinen Zugang zum Kapitalmarkt haben."  Mikrokredite seien durchaus gerechtfertigt, wenn dadurch die arme Bevölkerung wohlhabender werde – auch ohne Effekt auf die gesamte Wirtschaft eines Landes.

Anke Luckja von "Opportunity International"  sieht neben den Mikrokrediten noch einen weiteren Bedarf. "Die ganze Branche hat gelernt, dass die Wirkung von Sparen viel größer ist als die von Krediten. Wir machen Klienten darauf aufmerksam, dass sie für Notfälle wie Krankheiten oder Unglücke sparen sollen, damit sie dann nicht auf den Kredit zurückgreifen müssen."

In einem UN-Bericht heißt es: "Allein kann der Mikrokredit die afrikanischen Volkswirtschaften nicht grundlegend verändern. Dennoch ist es wünschenswert, den Armen Finanzdienstleistungen zur Verfügung zu stellen - einschließlich Kredite für kleine und kleinste Unternehmen." Mikrokredite bleiben, wenn richtig angewandt, ein Instrument der Armutsbekämpfung – nur ein Allheilmittel, das waren sie nie.

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