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Afghanistan: Die Taliban teilen Gesellschaft in Klassen ein

Shabnam von Hein | Naser Ahmadi
6. Februar 2026

Das neue Strafgesetz der Taliban weist die Menschen in Afghanistan bestimmten Klassen zu. Gewalt und Willkür gegen Frauen, religiöse Minderheiten und ärmere Bevölkerungsschichten werden damit legalisiert.

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Afghanistan Kabul 2025 | Frauen in Burkas warten auf Lebensmittelhilfe während Ramadan
Archivbild: Frauen in Burkas warten auf Lebensmittelhilfe im Ramadan vergangenen Jahres.Bild: Wakil Kohsar/AFP

Seit der Machtübernahme der Taliban erleben die Menschen in Afghanistan eine anhaltende Spirale aus Gewalt, Unterdrückung und massiven Menschenrechtsverletzungen. Als jüngsten Schritt haben die Taliban ein neues Strafprozessgesetz vorgestellt, das auf ihrer extremistischen Auslegung religiöser Normen und auf absolutem Gehorsam gegenüber der Führung beruht.

Die Menschenrechtsorganisation "Tolerance" berichtete Ende Januar, dass ein entsprechendes Dokument an afghanische Gerichte übermittelt wurde. Darin wird die Gesellschaft bei der Beurteilung von Strafen in vier Gruppen eingeteilt: Gelehrte, Adlige wie Stammesführer und Kaufleute, der Mittelstand sowie die Unterschicht.

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"Damit wollen sie die Bevölkerung klassifizieren und benutzen bewusst herabwürdigende Begriffe", kritisiert Zabihullah Ebrahimi im Gespräch mit der DW. Ebrahimi war vor der Machtübernahme der Taliban Richter und Leiter der Berufungsgerichte der Provinz Kandahar.

Aus seiner juristischen und religiösen Fachkenntnis heraus weist er darauf hin, dass das Gesetz klar der islamischen Vorstellung von Menschenwürde widerspreche.

Ebrahimi bemängelt zudem, dass Regierungsvertreter in dem neuen Gesetz pauschal als Gelehrte dargestellt werden, wohlhabende Händler als höherwertig gelten und Macht sowie Reichtum plötzlich als Zeichen von Wissen oder moralischer Überlegenheit interpretiert werden.

Die vorgesehenen Strafmaßnahmen sind entsprechend ungleich. Für privilegierte Gruppen reichen milde Sanktionen wie Verwarnungen oder schriftliche Mahnungen aus, während Angehörige der ärmeren Bevölkerungsschichten mit körperlicher Züchtigung rechnen müssen.

Begriffe wie "Gholam" (Sklave) werden in dem Dokument als Rechtsbegriffe verwendet, und Gewalt gegen Frauen wird legitimiert. Frauen benötigen für nahezu jede Handlung, selbst für den Besuch ihrer Eltern, die Erlaubnis ihres Ehemanns. Ohne diese Zustimmung drohen Strafen.

Religiöser Absolutheitsanspruch statt Rechtsstaat

Gleichzeitig zielt das Gesetz auf die systematische Unterdrückung religiöser Minderheiten und Andersdenkender ab. Nur Anhänger der hanafitischen Rechtsschule gelten uneingeschränkt als Muslime; alle anderen werden als Abweichler oder Ketzer eingestuft.

Die hanafitische Rechtsschule ist eine der wichtigsten Rechtsschulen im sunnitischen Islam und Teil der islamischen Rechtswissenschaft (Fiqh), also der systematischen Auslegung von Koran und Sunna. Die Taliban nutzen diese Tradition jedoch als Instrument der Ausgrenzung und Repression.

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"Viele unter den Taliban können nicht einmal den Koran lesen, geschweige denn verstehen, was darin steht", kritisiert der Jurist und ehemalige Richter Abdul Momin Zia Badakhsh im Gespräch mit der DW.

"Religiöse Vorschriften müssen an die Gegebenheiten ihrer Zeit angepasst werden und können nicht bis zum Tag der Auferstehung unverändert bleiben. Die Taliban verstehen weder den Geist der Religion noch den der Gesellschaft, sonst würden sie nicht von Sklaverei sprechen", so Badakhsh.

Kern des Vorhabens sei die Abschaffung grundlegender Prinzipien eines fairen Verfahrens. Rechte wie die Unschuldsvermutung, das Recht auf anwaltliche Verteidigung, das Schweigerecht oder der Schutz vor Folter existieren faktisch nicht mehr.

Das Gesetz erlaubt es nicht nur Richtern, sondern auch Privatpersonen, gegen angebliche "Sünder" vorzugehen. Vage und unbestimmte Begriffe wie "Verderbnis", "Rebellion" oder "unmoralische Versammlungen" geben den Behörden nahezu unbegrenzte Macht, Gegner, Aktivisten oder ganz normale Bürger festzunehmen und zu bestrafen.

Aufrüstung der Repression bei wachsender Armut

Jede Kritik an dem Gesetz selbst sei eine Kritik an der Scharia und werde strafrechtlich verfolgt, erklärte das Justizministerium der Taliban in einer offiziellen Stellungnahme.

In der Erklärung heißt es, sämtliche Gesetzestexte würden auf Grundlage von Koran, Sunna sowie maßgeblichen Werken der hanafitischen Rechtslehre ausgearbeitet.

Afghanistan Aqcha 2025 | Burka-tragende Frauen am Straßenrand eines Marktes
Verzweifelte, Burka tragende Frauen bitten um Almosen. Über 17 Millionen Menschen sind in Afghanistan akut von Hunger bedrohtBild: Atif Aryan/AFP/Getty Images

Aus Sicht von Kritikern und Menschenrechtsorganisationen verleiht das neue Gesetz den Behörden weitreichende Eingriffsbefugnisse und dient dazu, individuelle Freiheiten dauerhaft zu unterdrücken sowie jede Form politischer Opposition bereits im Keim zu ersticken, um die eigene Macht rechtlich abzusichern.

Die Taliban investieren gleichzeitig massiv in ihren Sicherheitsapparat. Die Weltbank berichtet, dass sie in den ersten neun Monaten des Haushaltsjahres 2025 insgesamt rund 202,9 Milliarden Afghani ausgegeben haben. Davon flossen etwa 96,9 Milliarden Afghani in den Sicherheitssektor – fast 48 Prozent der gesamten Staatsausgaben.

Und das, obwohl die afghanische Gesellschaft weiter in Armut versinkt und sich die Wirtschaftskrise drastisch verschärft hat. Im Winter 2025/26 sind über 17 Millionen Menschen von akutem Hunger bedroht, und fast 95 Prozent der Bevölkerung können sich nicht ausreichend ernähren.

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