AfD-Spitzenkandidaten: Sieg der Radikalen | Deutschland | DW | 25.05.2021
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Bundestagswahl

AfD-Spitzenkandidaten: Sieg der Radikalen

Die AfD-Mitglieder haben Alice Weidel und Tino Chrupalla zum Spitzenduo für die Bundestagswahl gewählt. Sie sind die Kandidaten des extrem rechten Parteiflügels. Das ist eine Niederlage für Parteichef Jörg Meuthen.

Die Gräben sind tief in der AfD. Auch wenn die Partei darüber nicht gern reden will. Aber die Wucht des Misstrauens und der persönlichen Ablehnung innerhalb der größten deutschen Oppositionspartei lassen sich nicht so einfach unter den Teppich kehren.

Dienstag, 25. Mai 2021. Alice Weidel und Tino Chrupalla präsentieren sich der Presse. Sie sind das frisch nominierte Spitzenduo der AfD für die anstehende Bundestagswahl. Die Basis der Partei hat die beiden mit 71 Prozent der Stimmen aufgestellt. Es ist ein großer Erfolg. Denn Parteichef Jörg Meuthen wollte sie verhindern und hatte mit Unterstützung der weniger radikalen Parteimitglieder eigene Kandidaten ins Rennen geschickt. Die sind jetzt krachend bei der Basis durchgefallen.

Keine persönliche Gratulation vom Parteichef

Die Frage eines Journalisten an das Spitzenduo scheint eigentlich bei einer Selbstverständlichkeit nachzuhaken: ob denn Parteichef Meuthen den beiden schon persönlich gratuliert habe. Alice Weidel antwortet kühl und flapsig: Sie habe so viele Glückwünsche bekommen, dass sie noch gar nicht dazu gekommen sei, alle zu lesen. "Ich habe noch nicht direkt mit ihm geredet. Timo Du?", fragt sie in Richtung ihres Mitstreiters Chrupalla. Der antwortet ebenso flapsig: "Och, die offizielle Erklärung reicht mir eigentlich." In der gratuliert Meuthen den beiden schmallippig und wünscht ihnen viel Erfolg. Es scheint Funkstille zu herrschen zwischen den verschiedenen Lagern in der Partei. Das bemerkenswerte daran: Chrupalla und Weidel sind ja auch nicht irgendwer: er ist neben Meuthen Co-Vorsitzender. Und sie ist eine der beiden AfD-Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag.

Aber das alles scheint Alice Weidel und Tino Chrupalla an diesem Dienstag nicht weiter zu bekümmern. Sie sind entspannt bei ihrem ersten offiziellen Auftritt als Spitzenduo. Sie nennen ihre Nominierung einen großartigen Erfolg. Und sie sehen die AfD nach monatelangen Machtkämpfen jetzt wieder auf einem gemeinsamen Kurs.

Gegen Corona-Politik der Regierung

Ihre Schwerpunkte sehen die beiden im Kampf gegen die Corona-Politik der amtierenden Bundesregierung. "Der Lockdown ist völlig überzogen", kritisiert die Wirtschaftswissenschaftlerin Weidel. Sie warnt vor dem wirtschaftlichen Niedergang Deutschlands. Vor allem die Grünen würden das Land mit ihrer Klima- und Energiepolitik in den Kommunismus führen wollen, behauptet sie.

Flensburg Coronavirus - Hinweisschild zur Maskenpflicht

Die AfD macht Wahlkampf gegen die Corona-Politik der Bundesregierung

Tino Chrupalla beschwört den berühmten deutschen Mittelstand. Er ist selbst gelernter Handwerksmeister und warnt vor einer Gängelung der kleinen Betriebe. Was genau die beiden aber ändern wollen, das erzählen sie nicht bei dieser Pressekonferenz. Sie wirken routiniert nüchtern. Klar ist ja auch: Chancen, Deutschland zu regieren, werden sie nach der Bundestagswahl nicht haben. Die AfD geht auf harte Konfrontation zu allen anderen Parteien - und alle anderen Parteien zur AfD.

Unterstützung des extrem rechten Parteiflügels

Beide Kandidaten waren mit der Unterstützung des extrem rechten Parteiflügels ins Rennen gegangen. Der ist seit Monaten im Visier des deutschen Inlandsgeheimdienstes: ein Gutachten des Verfassungsschutzes hatte auf 1.000 Seiten etliche Belege für die Verfassungsfeindlichkeit des inzwischen formal aufgelösten "Flügels" gesammelt. Deswegen war Parteichef Jörg Meuthen zunehmend auf Distanz gegangen. Daraus hat sich in den vergangenen Monaten ein erbitterter parteiinterner Machtkampf entwickelt.

Dresden Bundesparteitag AfD | Jörg Meuthen

Jörg Meuthen beim AfD-Parteitag in Dresden am 10. April

In der Folge hatte Parteichef Meuthen versucht, mit einem eigenen Kandidatenduo die Wahl von Weidel und Chrupalla zu verhindern. Der Versuch ist jetzt krachend gescheitert. Im Fernsehsender Phoenix sagte der Politikwissenschaftler Frank Decker: "Die Karten für Parteichef Meuthen sind schlechter geworden. Er muss damit rechnen, dass er den nächsten Parteitag nicht überlebt." Der findet allerdings  erst nach der Bundestagswahl im September 2021 statt.

Gegen Zuwanderung, Gender und Islam

Bis dahin herrscht Wahlkampf. Die AfD fordert für Deutschland einen radikalen Gesellschaftsumbau: Sie will Einwanderung stark begrenzen. Die deutsche Staatsbürgerschaft soll wieder abhängig von der Herkunft werden. Und zahlreichen Projekten gegen Rassismus oder für ein modernes Geschlechterverständnis sollen die Gelder gestrichen werden. Den menschengemachten Klimawandel bezweifelt die AfD: sie setzt auch weiterhin auf Kohle- und Atomenergie. Die EU lehnt die Partei ab und fordert den Austritt Deutschlands aus dem Staatenverbund. Das Wahlkampf-Spitzenduo Alice Weidel und Tino Chrupalla gab als Hauptgegner für die Wahl die regierenden Christdemokraten aus. Ihr Wahlziel sei es, stärker als die schwächelnden Sozialdemokraten zu werden. Die liegen in aktuellen Umfragen bei rund 16 Prozent der Stimmen.

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