Adam Ondra: ″Je schwieriger, desto interessanter das Klettern″ | Sport | DW | 05.11.2018
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Sportklettern

Adam Ondra: "Je schwieriger, desto interessanter das Klettern"

Der Tscheche Adam Ondra gilt als derzeit weltbester Kletterer. Im DW-Interview spricht der 25-Jährige darüber, was ihn antreibt, über die schwierigste Route der Welt - und auch über seine Olympiapläne.

Tschechischer Extremkletterer Adam Ondra (picture alliance/EXPA/APA/picturedesk.com/J. Groder)

Adam Ondra beim Wettkampfklettern, hier bei der WM in Innsbruck im vergangenen September

DW: Adam Ondra, Sie klettern, seit Sie ein kleiner Junge waren. Können Sie sich vorstellen, eines Tages die Nase davon voll zu haben?

Adam Ondra: Ich denke, in einem solchen Moment wäre ich einfach nur müde, aber nicht unbedingt vom Klettern. Manchmal ist es einfach notwendig, die Batterien wieder aufzuladen und sich wieder frisch zu fühlen. Aber das hat nichts mit dem Klettern zu tun. Klettern ist so toll. Ich glaube nicht, dass ich es leid werde, denn es gibt so viele verschiedene Disziplinen. Es ist doch etwas ganz anderes, einen zwei Meter hohen Felsbrocken oder eine 1000 Meter hohe Wand zu klettern. Ich glaube, ich kann meine Motivation immer sehr hoch halten, wenn ich zwischen den Disziplinen wechsele.

Was machen Sie, um sich zu entspannen?

Jeden Dezember nehme ich mir eine Kletter-Auszeit von zwei oder drei Wochen. Nach einer kompletten Saison Training und Klettern braucht mein Körper das. Und mental hilft es mir wie gesagt, zwischen Kletterhalle und Felsklettern zu wechseln, zwischen Wettkämpfen und Klettern im Freien. All das hilft mir, immer zu 100 Prozent motiviert zu sein.

Muss man vielleicht auch ein wenig verrückt sein, um solche beeindruckenden Routen zu klettern?

Was mich wirklich motiviert, immer härter zu klettern, ist nicht unbedingt, dass ich meine Grenzen verschieben will, mich darüber freuen will oder den anderen zeigen möchte, wer der Beste ist. Es ist vielmehr, dass es irgendwie mehr Spaß macht, immer härtere Routen zu klettern. Je schwieriger sie sind, desto interessanter wird das Klettern und desto mehr verrückte Moves musst du dir ausdenken. Und sobald du weißt, wie es sich anfühlt, auf einem bestimmten Level zu klettern, willst du es nicht mehr darunter tun, weil du weißt, dass du dann nicht mehr das Gleiche fühlen würdest.

Sie haben in einer Höhle bei Flatander in Norwegen die erste Route der Welt im französischen Grad  9c [12.Grad auf der Skala des Weltverbands der der Kletterer und Bergsteiger UIAA - Anm. d.Red] eröffnet. Zuerst haben Sie die Route "Hard Project" getauft, hartes Projekt. Nachdem Sie sie gemeistert hatten, nannten Sie sie "Silence", Stille. Warum?

Wenn ich das Ende einer superharten Route erreiche, schreie ich normalerweise meine Freude heraus. Aber in diesem Moment war die Emotion so stark, dass ich nichts sagen konnte. Eine Minute lang schwieg ich.

Aus welchem Grund?

Ich weiß es nicht. Vielleicht konnte ich einfach nicht fassen, dass es jetzt wirklich passiert war. Wenn du 14 Wochen lang an einem einzelnen Projekt arbeitest und rund zwei Saisons lang speziell darauf hintrainiert hast, dann geschieht es wohl einfach auf diese Weise.

Worin liegt denn die besondere Herausforderung Ihrer Route?

Es ist die Route, in die ich so viel Zeit investiert habe, wie in keine andere zuvor. Ich bin die meisten 9b+ Routen weltweit geklettert und denke, dass diese Route wirklich zu meinem Stil passt. Deshalb hatte ich den Mut zu sagen: Das ist die erste 9c der Welt. Wäre ich mir nicht ganz sicher gewesen, hatte ich sie eher mit 9b+ bewertet. Aber sollte sie jemals heruntergestuft werden, wäre mir das schon total peinlich. (lacht).

Sie nehmen auch an Kletterwettbewerben teil. Bei der Weltmeisterschaft in Innsbruck im vergangenen September waren Sie Zweiter in der Olympischen Kombination aus Speedklettern, Lead (Vorstieg) und Bouldern. Sind die Olympischen Spiele in Tokio 2020 für Sie ein Ziel?

Ja, definitiv. Im nächsten Jahr werde ich sowohl im Boulder-Weltcup starten, als auch im Lead-Weltcup. Das ist meine Vorbereitung für die Saison 2020, in der die Olympischen Spiele mein größtes Ziel sein werden.

Als beschlossen wurde, dass Sportklettern in Tokio zum ersten Mal olympische Disziplin wird, gehörten Sie zu den Kritikern des neuen Formats. Haben Sie Ihre Meinung geändert?

Dass ich immer noch gegen das Format bin, ändert ja nichts daran. Ich wollte immer schon bei Olympischen Spielen starten. Da spielt es keine Rolle, wie kritisch ich dem Format gegenüberstehe. An meiner kritischen Haltung hat sich nichts geändert. Aber wenn ich teilnehmen will, muss ich das Format akzeptieren. Eine andere Option gibt es nicht - außer auf die Spiele zu verzichten.

Es ist also die bittere Pille, die Sie schlucken müssen.

Ja, genau.

Tschechischer Extremkletterer Adam Ondra (picture alliance/APA/picturedesk.com/B. Gindl)

Bei der WM 2018 wurde Ondra Zweiter hinter dem Österreicher Jakob Schubert und vor dem Deutschen Jan Hojer (v.l.n.r.)

Können die Olympischen Spiele das Klettern in irgendeiner Weise voranbringen?

Ich würde immer noch zwischen der Welt der Wettkämpfe und der des Kletterns im Freien unterscheiden. Ich glaube, dass es die Wettkämpfe selbst definitiv verbessern kann. Sie werden größer werden, das Interesse der Mainstream-Medien wird zunehmen. Es könnte sich sogar zu einer besseren Show entwickeln. Gleichzeitig muss es nicht unbedingt einen negativen Einfluss auf das Felsklettern haben, denn das ist eine Welt für sich. Ich glaube nicht, dass es zwangsläufig so kommen muss, dass unser Sport irgendwann zu groß wird und unsere Klettergebiete überfüllt sein werden. Ich erwarte, dass die Wettbewerbe immer beliebter werden und dass auch viel mehr Leute in die Kletterhalle gehen. Vielleicht wird auch die Anzahl derer steigen, die im Freien klettern, aber nicht in so beträchtlichem Umfang.

Sie sind erst 25 Jahre alt, aber der Tag wird kommen, an dem Sie merken, dass Ihre körperliche Stärke nachlässt. Haben Sie schon darüber nachgedacht, was nach dem Sportklettern kommen könnte?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich so lange Sportklettern werde, wie ich kann. Ich bin davon überzeugt, dass ich mein Sportkletterniveau steigern kann, bis ich 35 Jahre alt bin. Danach wird es dann wahrscheinlich nicht mehr möglich sein. Gleichzeitig würde ich gerne alles, was ich gelernt habe, in die größeren Wände bringen - nicht unbedingt an einem Achttausender, aber vielleicht an einem Sechstausender, wo die Hauptschwierigkeit das Klettern selbst ist und man noch mit bloßen Händen und Kletterschuhen unterwegs sein kann. Das würde mich für die fernere Zukunft reizen.

Sie fürchten sich also nicht vor der Kälte, die Sie an Sieben- oder Sechstausendern aushalten müssten?

Doch. Aber das ist Teil des Spiels: ein wenig Abenteuer, um das Klettern interessanter zu machen.

Adam Ondra gilt als der derzeit beste Kletterer der Welt. Schon mit 13 Jahren kletterte der Tscheche eine Route im Schwierigkeitsgrad 9a auf der in der Sportkletterszene üblichen französischen Skala - was in der Bewertung des Weltverbands der Bergsteiger und Kletterer (UIAA) einer Route im elften Grad entspricht. Zum Vergleich: Reinhold Messner beherrschte zu seinen besten Zeiten als Felskletterer den siebten Grad. 2017 meisterte Ondra in einer Höhle in Norwegen eine extrem überhängende Route - die weltweit erste 9c. Im Wettkampfklettern sammelte der 25-Jährige  im Lead (Vorstieg- bzw. Schwierigkeitsklettern) und Bouldern (Klettern in Absprunghöhe) insgesamt drei WM-Titel und drei Weltcup-Gesamtsiege.

Das Interview führte Stefan Nestler.

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