Abtreibung in der Türkei: praktisch verboten | Europa | DW | 25.01.2019
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Europa

Abtreibung in der Türkei: praktisch verboten

Abtreibung ist in der Türkei legal. Und doch stehen Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch planen, vor etlichen Hürden. Beobachter sprechen von einem De-facto-Verbot. Das hat auch mit Präsident Erdogan zu tun.

"Eigentlich dachte ich, ich würde in eine Art Krankenhaus kommen. Doch stattdessen war es ein Appartement im zweiten Stock eines dreistöckigen Hauses. Ein Mann mit Zigarette in der Hand öffnete mir die Tür. Ich betrat eine Wohnung mit Wohnzimmer und Küche. Das Bad im so genannten Elternschlafzimmer war als Abtreibungszimmer umfunktioniert worden. Der Behandlungstisch war schmutzig und voller Blut."

Wenn Gül den Ort im Istanbuler Stadtteil Alibeyköy beschreibt, wo sie eine Abtreibung vornehmen lassen wollte, kommt ihr das Grauen. Sie war auf eine illegale Abtreibungspraxis gestoßen, die häufig in umfunktionierten Appartements untergebracht sind. Dabei sind Abtreibungen in der Türkei eigentlich legal. Im Gesetz heißt es dazu: "Bis zum Ende der zehnten Schwangerschaftswoche kann, solange es keine Bedenken für die Gesundheit der Mutter gibt, auf ihren Wunsch eine Abtreibung vorgenommen werden." In Ausnahmefällen sind auch Abbrüche bis zur 20. Schwangerschaftswoche gesetzlich erlaubt. Doch die Realität sieht anders aus.

Verbot vom Krankenhaus

Die DW hat mehrere Krankenhäuser kontaktiert, aber kein Vertreter war zu einem Gespräch bereit. Stattdessen: dürre Auskünfte. Schwangerschaftsabbrüche gebe es hier nur in Ausnahmefällen, hieß es beim staatlichen Krankenhaus in Rize am Schwarzen Meer. Eine offizielle Begründung dafür gibt es nicht: "Wir machen das eben nicht". Auch im staatlichen Krankenhaus im zentralanatolischen Nevsehir werden Abtreibungen nur in besonderen, vom Arzt definierten "gesundheitsgefährdenden Fällen" vorgenommen. Eine Privatklinik in Gaziantep, im Osten der Türkei, erklärt dagegen offenherzig: "Uns ist es nicht erlaubt, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Das Ministerium verbietet es uns." Das Gesundheitsministerium widerspricht und verweist auf die Gesetzeslage. .

Nursen hat 30 Jahre als Krankenschwester gearbeitet. "In den staatlichen Krankenhäusern gibt es immer weniger Abtreibungen. Manche sagen zwar, die Frauen könnten das dort machen lassen, dann aber geben die Krankenhäuser den Frauen einen Termin etliche Wochen später. Krankenhäuser, die Abtreibungen organisieren, können unter Druck gesetzt werden. Man versucht die Abtreibungen zu verhindern, indem Aufgabenverteilungen innerhalb der Krankenhäuser verändert oder ihre Buchhaltung stärker kontrolliert wird."

Schwester Nursen, die mittlerweile im Ruhestand ist, berichtet von einem Vorfall in einem staatlichen Krankenhaus auf der asiatischen Seite von Istanbul: "Eine unverheiratete schwangere Frau kam ins Krankenhaus mit dem festen Vorsatz, abtreiben zu lassen. Die leitende Krankenschwester und der leitende Arzt besuchten die Frau daraufhin zuhause und überredeten sie, das Kind doch zu bekommen. Das hat sie dann auch getan."

In der Geburtsstation eines staatlichen Krankenhauses arbeitete G. zweieinhalb Jahre als Krankenschwester. Bei Abtreibungen habe man Frauen immer an private Krankenhäuser verwiesen, berichtet sie. "Bei uns konnten Frauen nicht abtreiben. Höchstens, wenn sie jemanden kannten, der im Krankenhaus arbeitete."

Polen Proteste gegen Abtreibungsgesetz (picture-alliance/NurPhoto/M. Moskwa)

Symbolbild

Eine Frage des Geldes

Einer Studie der Istanbuler Kadir Has Universität zufolge lehnen staatliche Krankenhäuser in 53 der 81 Provinzen der Türkei Abtreibungen alleine auf den Wunsch der Mutter ab. In den Regionen an Mittelmeer und am Schwarzen Meer erlaubt demnach kein Krankenhaus mehr Schwangerschaftsabbrüche. In der gesamten Türkei ermöglichen von den insgesamt 431 staatlichen Krankenhäusern lediglich 7,8 Prozent Abtreibungen alleine auf Wunsch der Frauen. 11,8 Prozent lehnen Abtreibungen grundsätzlich ab.

Die Uni-Dozentin Mary Lou O´Neil kritisiert diese türkische Praxis: "Wenn eine Frau nicht abtreiben kann, wenn sie das wünscht, ist das eine Verletzung ihres Rechts. Frauen mit wenig Geld haben es durch diese staatliche Beschränkung besonders schwer."

Die Kosten für eine Abtreibung variieren. Eine von der DW angefragte Privatklinik berechnet bei Abtreibung bis zur sechsten Schwangerschaftswoche 900 Türkische Lira (TL), jede weitere Woche kostet zusätzliche 100 TL. Ein Abbruch nach der zehnten Woche kostet dementsprechend 1.600 TL - umgerechnet rund 270 Euro. 

Eine Hebamme im staatlichen Krankenhaus in Istanbul, die ihren Namen nicht nennen möchte, verweist darauf, dass der Staat bei Abtreibungen, die auf Wunsch der Frau erfolgen, die Kosten nicht übernimmt. "Die Leistung der Ärzte wird nach einem Punktesystem bewertet, aber das bringt den Krankenhäusern nichts. Also sagt man sich, es ist besser, das nicht durchzuführen." Die Ärzte könnten nur Abtreibungen vornehmen, wenn das Wohl von Mutter oder Kind gefährdet sei. Die Frauen verweise man ansonsten an andere Krankenhäuser oder Einrichtungen.

Video ansehen 05:50

Gewalt gegen Frauen in der Türkei

"Frauen sitzen in der Klemme"

Şule Dursun arbeitet in der Stiftung für Familiengesundheit und Planung. Die zahlreichen Einschränkungen für Frauen habe aus ihrer Sicht politische Gründe: "Hinter diesem faktischen Verbot steckt Panik, weil die Bevölkerung nicht mehr so schnell wächst."  In ihren Aufklärungsprogrammen treffe sie immer wieder auf Frauen, die nicht über Verhütungsmethoden aufgeklärt seien - auch weil die Krankenhäuser das nicht übernehmen würden: "Die Atmosphäre wird immer konservativer und das spiegelt sich auch im Gesundheitssystem wider. Es gibt keine Informationen und gleichzeitig ein De facto-Abtreibungsverbot. Die Frauen sitzen also in der Klemme", so Dursun.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte 2008 damals noch als Ministerpräsident erklärt, jede Frau solle mindestens drei Kinder bekommen. Seine Einstellung zur Abtreibung machte er 2012 noch einmal deutlich: "Für mich ist Abtreibung Mord." Der sogenannte "Zehnte Entwicklungsplan" seiner aktuellen Regierung sieht vor, das Bevölkerungswachstum stufenweise zu beschleunigen.

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