65.000 Besucher bei Open-Air-Konzert gegen Fremdenhass | Aktuell Deutschland | DW | 03.09.2018
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Chemnitz

65.000 Besucher bei Open-Air-Konzert gegen Fremdenhass

Ein starkes Signal gegen Ausländerfeindlichkeit: Zehntausende Menschen sind der Einladung mehrerer prominenter deutscher Musikgruppen zu einem Freiluftkonzert nach Chemnitz gefolgt. Dabei blieb es weitgehend friedlich.

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Konzert gegen Rassismus und Gewalt: Linda Vierecke aus Chemnitz

In der Chemnitzer Innenstadt haben am Abend bei einem Gratiskonzert zehntausende Menschen ein Zeichen gegen Fremdenhass und Gewalt gesetzt. Die Stadt sprach von schätzungsweise 65.000 Besuchern. Der Sänger der Band Die Toten Hosen, Campino, nannte am Ende des Konzerts sogar die Zahl 70.000. Mehrere bekannte Musiker und Bands, darunter die Toten Hosen, Marteria, Feine Sahne Fischfilet sowie Kraftklub, hatten die Veranstaltung nach den Ausschreitungen in der sächsischen Stadt auf die Beine gestellt. Die Polizei meldete während der Veranstaltung keine größeren Vorkommnisse.

Das Konzert unter dem Motto #wirsindmehr begann mit einer Schweigeminute für den 35-jährigen Daniel H., der vor gut einer Woche in Chemnitz durch Messerstiche getötet wurde. Anschließend war es wiederholt zu Demonstrationen rechter Gruppierungen gekommen, es gab auch Angriffe auf Ausländer. Zwei Männer aus Syrien und dem Irak sitzen wegen des Tötungsdelikts in Untersuchungshaft.

Nach dem Konzert verließen die Besucher zügig das Veranstaltungsgelände. Die Polizei meldete auf Twitter, "einige Personen" würden sich im Bereich des Gedenkortes für Daniel H. "nicht friedlich" verhalten, und kündigte die Entsendung weiterer Sicherheitskräfte an.

In einem Aufruf auf Facebook hatten die Initiatoren vor dem Konzert Solidarität mit jenen Ausländern gefordert, die insbesondere nach dem Tod des Mannes angegriffen worden waren. Zugleich wandten sie sich gegen eine Instrumentalisierung der Tat durch rechtsgerichtete Kräfte.

"Zeigen, dass man nicht allein ist"

Unmittelbar vor dem Konzert mahnten die beteiligten Musiker Unterstützung für diejenigen Menschen an, die sich tagtäglich gegen rechts engagieren. Es sei "wichtig zu zeigen, dass man nicht allein ist", sagte Felix Brummer von der Chemnitzer Band Kraftklub. Das Problem Rechtsextremismus werde "leider morgen nicht weg sein".

Deutschland, Chemnitz: Konzert gegen Rassismus Auftritt Kraftklub (picture-alliance/dpa/S. Willnow)

Der Sänger Felix Brummer der Band Kraftklub aus Chemnitz auf der Bühne

Campino sagte, es gehe bei dem Konzert nicht nur darum, Musik zu hören, sondern sich "solidarisch zu erklären mit denen, die hierbleiben, die den Kampf jeden Tag durchziehen". "Alles, was Anstand hat", müsse sich gegen den rechten Mob stellen.

Der aus Rostock stammende Rapper Marteria fühlte sich an die fremdenfeindlichen Ausschreitungen von 1992 in Rostock-Lichtenhagen erinnert. Er habe jahrelang damit zu kämpfen gehabt, dass Rostock als "Nazi-Stadt" abgestempelt gewesen sei. "Mir geht es darum, dass die Leute, die aus Sachsen, aus Chemnitz sind, auch sagen können: 'Hey, ich bin aus Chemnitz', ohne dass gesagt wird: 'Ah, Du musst also ein Nazi sein.'"

Geplante Gegenveranstaltungen des ausländer- und islamfeindlichen Bündnisses Thügida und der rechtspopulistischen Bewegung Pro Chemnitz waren von der Stadt untersagt worden, weil die vorgesehenen Veranstaltungsflächen bereits belegt seien. Zudem wurden nach Polizeiangaben jegliche Spontandemonstrationen untersagt.

Chemnitz - Konzert gegen Rassismus (Reuters/H. Hanschke)

Zehntausende strömten vor der Bühne in Chemnitz zusammen

Grüne rügen "Planungsversagen" der Polizei

Der Innenausschuss im sächsischen Landtag befasste sich in Dresden auf Antrag der Grünen auch mit der Unterbesetzung der Polizei angesichts tausender Demonstranten. Sie hatten die Sondersitzung des Innenausschusses nach den Ausschreitungen am Sonntag und Montag vergangener Woche beantragt. Die Grünen sprachen nach der Sitzung von einem "kompletten Planungsversagen". Die Polizeiführung habe auf die bundesweite Mobilisierung der rechten Szene zu spät und falsch reagiert. Sowohl die Grünen als auch die Linken im Landtag forderten personelle Konsequenzen in der Polizeiführung.

Der Fall Chemnitz wird an diesem Dienstag auch den Verfassungs- und Rechtsausschuss des sächsischen Landtags beschäftigen. Für Mittwoch hat Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) eine Regierungserklärung zum Thema "Für eine demokratische Gesellschaft und einen starken Staat" angekündigt.

kle/jj (afp, dpa) 

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