50+1-Regel: Fußball zwischen Volkssport und Kommerz | Sport | DW | 31.05.2019
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Fluch oder Segen?

50+1-Regel: Fußball zwischen Volkssport und Kommerz

Die 50+1-Regel soll deutsche Fußballklubs vor zu viel Investorenmacht schützen. Gleichzeitig kaufen englische Teams die Bundesliga leer. Das stellt den deutschen Fußball vor eine grundlegende Entscheidung.

Fußball 50+1 Protest | VfB Stuttgart - FC Bayern München (picture-alliance/augenklick/firo Sportphoto/S. El-Saqqa)

Fans fordern den Erhalt der 50+1 Regel beim Spiel des VFB Stuttgart gegen den FC Bayern München

Roberto Firmino, Pierre-Emerick Aubameyang, Mesut Özil, Antonio Rüdiger - diese Spieler begeisterten noch vor wenigen Jahren die Zuschauer in deutschen Stadien. Jetzt, im Zenit ihres Könnens, spielen sie alle für englische Teams und treten in den Finalspielen der großen europäischen Wettbewerbe an, aus denen alle deutschen Teams schon ausgeschieden sind.

Allein vor der gerade abgelaufenen Saison gaben englische Klubs mit 1,6 Milliarden Euro mehr als dreimal so viel Geld für neue Spieler aus wie ihre Konkurrenten aus der Bundesliga. Gleichzeitig gehen in keinem anderen Land so viele Menschen ins Stadion wie in Deutschland. Und mancher englische Fan beneidet die deutschen Fußballfreunde um die günstigen Tickets, die Stehplätze und die Choreographien in den Stadien. Auch ist ein Mitspracherecht der Fans in der Premier League völlig unüblich. Viele meinen, hier zeige sich Fluch und Segen der 50+1-Regel. Zugleich werden angesichts der zwei englischen Europapokal-Finals die Rufe nach mehr Investorengeld lauter.

Widerstand gegen 50+1 regt sich

Die Regel wurde 1998 eingeführt, als immer mehr private Kapitalgeber in den Fußball drängten. Sie legt fest, dass ein Verein nur maximal 49 Prozent seiner Stimmrechte an einen Investor verkaufen kann. Einerseits soll so sichergestellt werden, dass die Mitglieder weiterhin die Geschicke des Vereins steuern. Andererseits sollen Investoren in begrenztem Ausmaß Vereinsanteile kaufen können und so dem Klub zusätzliche Einnahmen bescheren. Nur Anleger, die seit mindestens 20 Jahren in einen Verein investieren, können von der Regel ausgenommen werden, so geschehen in Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim. In England dagegen können Investoren Vereine sofort komplett übernehmen. Diese sind daher als Anlage für Investoren attraktiver. Weil deren Geld anscheinend doch Tore schießt, wie die Europapokal-Saison gezeigt hat, wird in Deutschland wieder über die 50+1-Regel diskutiert.

Deutschland | Mitgliederversammlung von Eintracht Frankfurt (picture-alliance/dpa/F. Rumpenhorst)

In Deutschland dürfen Vereinsmitglieder - wie hier bei Eintracht Frankfurt - mitbestimmen

So sprach sich etwa Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef des FC Bayern, dafür aus, die Vorschrift abzuschaffen, Hannover 96-Präsident Martin Kind drohte gar mit einer Klage. Aber ist es wirklich so einfach? Reicht es, 50+1 zu kippen, damit künftig auch Vereine wie Borussia Mönchengladbach oder Werder Bremen um den Henkelpott mitspielen?

Massiv mehr TV-Einnahmen

Danach sieht es eher nicht aus, denn das viele Geld in England kommt nicht nur von Investoren. "Fußballvereine finanzieren sich auf unterschiedlichen Märkten", sagt Sportökonom Christoph Breuer von der Deutschen Sporthochschule Köln. Den größten Unterschied zwischen den beiden Ligen machten die TV-Erlöse aus. So haben in Deutschland Sky, Eurosport und die ARD insgesamt 4,64 Milliarden Euro für die Senderechte gezahlt. Davon fließen pro Saison gut eine Milliarde Euro an die Vereine der ersten und zweiten Liga. Obwohl sie mit diesem Vertrag ihren TV-Erlös fast verdoppelt hat, kommt die Bundesliga nicht annähernd an die Premier League heran. Nach einem knallharten Bieterwettbewerb zwischen mehreren Pay-TV-Sendern kassierte die englische Liga fast sieben Milliarden Euro für Senderechte und kann daher mehr als doppelt so viel an ihre 20 Profiklubs ausschütten wie die Bundesliga. Auch in der internationalen TV-Vermarktung liegt die Liga von der Insel vorne. "Hier war die Premier League schon immer besser aufgestellt, schon allein wegen der Sprache", erklärt Breuer. Mit Ticketverkäufen nehmen die englischen Klubs ebenfalls mehr als doppelt so viel ein, obwohl in England weniger Menschen ins Stadion gehen.

Hinter der englischen Finanzkraft steht also eine insgesamt kommerziellere Fußballkultur. Obwohl einzelne Klubs wie Manchester City hunderte Millionen Euro durch Investoren einnehmen, steht deren Beitrag zu den Gesamteinnahmen nicht an erster Stelle. Es ist daher unwahrscheinlich, dass die Bundesliga die finanzielle Lücke zur Premier League allein mit Investorengeld schließen kann. Experten halten dennoch Mehreinnahmen in Milliardenhöhe für möglich. Sollte man 50+1 also abschaffen oder zumindest lockern?

Reform mit Augenmaß?

Jörg Jacob, Chefredakteur des Kicker, sagt: "Die 50+1 Regel wird fallen. Sie sollte realpolitisch auch fallen." Investoren seien kein Allheilmittel, aber ohne "Geld von außen, ohne Business" sei die Bundesliga international bald nicht mehr konkurrenzfähig. Gleichzeitig warnt der Sportjournalist: "Wenn ich das Herz der Menschen vor Ort nicht anspreche, habe ich sowieso verloren."

Fußball Besitzer des FC Liverpool John Henry mit Frau (Reuters/P. Noble)

Multimilliardär John Henry (r.), Besitzer des FC Liverpool und des Baseballteams Boston Red Sox, mit seiner Ehefrau

Als Kompromiss verweist der 55-Jährige auf Vorschläge wie die so genannten Haltefristen. Diese sollen es Investoren verbieten, gerade erworbene Vereinsanteile direkt weiterzuverkaufen. Auch soll die Bonität von Anlegern beim Lizenzierungsverfahren geprüft werden, damit nur solvente, langfristig denkende Anleger Vereinsanteile kaufen.

Jacob nennt die US-amerikanischen Besitzer des FC Liverpool als positives Beispiel. Allerdings ist fraglich, wie wirksam solche Vorkehrungen sind. So gibt es auch in England die "fit and proper"-Regel, die die Bonität von Anlegern garantieren soll. Dennoch wurden Traditionsvereine wie Coventry City oder der FC Wimbledon durch Investoren-Missmanagement in den Ruin getrieben. In Deutschland stürzte selbst unter 50+1-Bedingungen der TSV 1860 München nach einem Investoreneinstieg in die vierte Liga ab.

Domino-Effekt zum Ausverkauf?

Fußball Sportdirektor FC St. Pauli | Andreas Rettig (picture-alliance/dpa/C. Charisius)

St-Pauli-Sportdirektor Andreas Rettig

Andreas Rettig, Geschäftsführer des FC St. Pauli, kämpft für den Erhalt von 50+1 und fürchtet um die Fankultur, sollte die Regel abgeschafft werden. "Wenn in Freiburg vor dem Anpfiff das ganze Stadion das Badner Lied singt, oder wenn in Köln alle aus voller Kehle die Kölner Hymne singen – da kriegt man Gänsehaut", schwärmt der 56-Jährige. Er sieht eine "besondere Emotionalität" in Deutschland, weil die Fans gleichzeitig die Besitzer der Vereine sind. Auch dank dieser Fan-Mitbestimmung seien Ticketpreise nach wie vor vergleichsweise niedrig, obwohl sie - wie in England geschehen - betriebswirtschaftlich gesehen längst hätten erhöht werden müssen. Bei Manchester United etwa - einem Klub in US-Investorenhand und aus Steuergründen auf den Kayman-Inseln registriert - sind die Dauerkartenbesitzer inzwischen durchschnittlich über 40 Jahre alt, weil sich jüngere Fans die Tickets nicht mehr leisten können. Rettig sieht die Gefahr einer "Gentrifizierung des Fußballs" und fordert, "nicht immer nur nach mehr Geld zu schreien", sondern auf Nachwuchsarbeit und Trainerausbildung zu setzen, sowie die Attraktivität des Standortes Deutschland zu erhöhen - mit dem Ziel, beispielsweise die nachhaltigste Liga in Europa zu werden.

Fußball 2. Bundesliga 23. Spieltag FC St. Pauli 1. FC Union Berlin (Joern Pollex/Bongarts/Getty Images)

Fans des FC St. Pauli im Millerntor Stadion, dessen Name qua Mitgliederbeschluss nicht verkauft wurde

Auch die Mehrheit der Fans in den Stadien scheint klar positioniert. Über 1000 Fangruppen haben im vergangenen Jahr die Erklärung "50+1 bleibt!" unterschrieben, in der es heißt: "Der Fußball gehört keinen Einzelpersonen, Unternehmen oder Investoren. Er gehört uns allen." Das finden offenbar auch viele englische Fußballfans, die regelmäßig zu Bundesligaspielen anreisen, weil sie zu Hause auf der Insel Stehplätze, Choreographien und Bier auf der Tribüne vermissen.

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