20 Jahre nach Columbine: Vieles bleibt unbegreiflich | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 19.04.2019
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USA

20 Jahre nach Columbine: Vieles bleibt unbegreiflich

In keinem Land gibt es mehr Massaker an Schulen als in den USA. "Columbine" hat sich als eines der schlimmsten ins Gedächtnis der Menschen eingebrannt. Auch weil die Täter das Attentat so minutiös planten.

APImages Best of the Decade Columbine High School Littleton Amoklauf (AP)

Am zehnten Jahrestag des Massakers, dem 20. April 2009, flatterten Tauben zum Gedenken an die 13 Toten auf

Es waren eindeutige Signale, die vor einigen Tagen bei Polizei und FBI die Alarmglocken schrillen ließen: Ein Elternpaar im US-Bundesstaat Florida meldete seine Tochter als vermisst. Mitschüler sagten aus, die 18-Jährige habe von ihrer "Besessenheit" von dem Schulmassaker an der Columbine High School in Littleton, Colorado, erzählt. Und dann stellte sich auch noch heraus, dass sie drei One-Way-Flugtickets nach Colorado gekauft hatte - und dort einen Waffenladen besucht hatte. Das alles wenige Tage, bevor sich die Bluttat mit 13 Toten zum zwanzigsten Mal jährt. Vorsorglich sperrten die Behörden in Colorado die Schulen. Der Spuk hatte ein Ende, als Beamte am Mittwoch die Leiche der Vermissten in einem abgelegenen Gebiet des bergigen Bundesstaats fanden. Die junge Frau hatte sich offenbar selbst getötet.

Diese kurze Episode, die viele Menschen in Colorado in Atem hielt, verdeutlicht, welch massive Auswirkungen das Massaker vom 20. April 1999 bis heute hat. Von einem "Tag, der uns alle verändert hat" sprach Bill Clinton, der damals US-Präsident war, am zehnten Jahrestag. "Columbine" ist zu einem Sinnbild geworden für den Schrecken, wenn Schüler mit Waffen auf ihre Mitschüler losgehen. "School shootings" gab es in den USA schon vorher, Frequenz und Opferzahlen steigen seit Jahrzehnten. Aber das Vermächtnis, das die Attentäter von Columbine hinterließen, die beide selbst dort Schüler waren, hatte eine neue Qualität: Vor ihrer Tat hatten sie in Videobotschaften detailliert dargelegt, was sie vorhatten. In ihrem kurzen Leben waren sie Außenseiter, posthum wurden sie für ihre Taten glorifiziert. So inspirierten sie offenbar auch die Schülerin aus Florida, die zum Zeitpunkt des Columbine-Massakers noch nicht einmal geboren war.

Der Tag, der alles veränderte

Eric Harris und Dylan Klebold hatten ihre Tat über Monate hinweg akribisch geplant: Sie wollten in ihrer Schule Bomben zur Explosion bringen und vom Parkplatz aus auf Flüchtende schießen. In ihren Wahnvorstellungen sollten dabei 250 Menschen sterben. Am 20. April 1999 - wenig zufällig dem 110. Geburtstag Adolf Hitlers - begannen sie, ihren Plan auszuführen: Sie betraten bis an die Zähne bewaffnet die Schule und deponierten zwei Sporttaschen mit selbst gebauten Bomben aus Propangasflaschen in der Cafeteria, allerdings funktionierten ihre Zeitzünder nicht. Als die 17 und 18 Jahre alten Bombenbauer das bemerkten, begannen sie, scheinbar wahllos auf Schülerinnen und Schüler zu schießen.

Columbine Highschool (picture-alliance/dpa/D. Zalubowski)

Das Leben geht weiter an der "Columbine High School" - obwohl sie wohl nie wieder eine normale Schule sein wird

Die meisten ihrer Opfer töteten sie in der Bibliothek der Schule. Dort gelang es einer Lehrerin, den Notruf zu wählen. Als Spezialkräfte schwer bewaffnet das Gebäude stürmten, war der Amoklauf bereits vorbei. Die Ermittler werteten später die Aufzeichnung des Notrufs aus. Warum die Täter anschließend noch einmal durch die Schule streiften, ohne zu schießen, bleibt rätselhaft. Zuletzt zogen Harris und Klebold sich ins Innere der Bibliothek zurück und begingen Seite an Seite Suizid. Die Täter hatten zwölf Schülerinnen und Schüler getötet und 24 schwer verletzt. Das dreizehnte Todesopfer war ein Lehrer der Columbine High School.

Die Frage nach dem "Warum"

Als die Schüsse verklungen waren, wurde eine Frage ohrenbetäubend laut: Warum? Von besonderer Bedeutung für die Ermittler war eine Reihe selbst gedrehter Videos, mit denen die Täter beeinflussen wollten, wie die Nachwelt sie und ihre Motive wahrnehmen würde. Die meisten drehten sie im Keller von Harris' Elternhaus, deshalb wurden die Bänder als "Basement Tapes" bekannt. Weil die Behörden nicht riskieren wollten, dass die Videos Nachahmer inspirierten, zerstörten sie sie nach gründlicher Auswertung.

Vorher konnten Reporter des "Time Magazine" Ausschnitte daraus ansehen, in ihrer Reportage schrieben sie, das erste Band sei "fast unerträglich anzusehen" gewesen. Die Hauptbotschaft sei nach einem Zitat von Harris aus dem Video: "Glaubt nicht, wir versuchten, irgendjemanden nachzumachen." Sie hätten ihre Idee vor anderen Attentätern in Schulen gehabt, und ihr Plan sei besser, "nicht wie diese Idioten in Kentucky (...), die versuchten nur, von anderen akzeptiert zu werden". Was Harris und Klebold antrieb, darüber haben Psychologen und Profiler verschiedene Theorien geäußert. Sie stimmten aber darin überein, dass die beiden Täter Außenseiter im sozialen Gefüge der Schule waren, und dass sie es denen heimzahlen wollten, von denen sie nicht akzeptiert wurden. Klebold schrieb in einem Aufsatz: "Drei Schüsse trafen den größten der Streber in den Kopf."

USA Emma Gonzalez, Aktivistin für schärfere Waffengesetze | March for Our Lives (picture-alliance/abaca/Mike Stocker/Sun Sentinel/TNS)

Nach einem Massaker an ihrer Schule in Parkland 2018 wurde Emma Gonzalez zur Anti-Waffen-Aktivistin

Auch die Eltern der beiden gerieten in den Fokus der Öffentlichkeit. Wie konnte es sein, dass unter ihrer Erziehung zwei Monster herangewachsen waren? Die Klebolds sagten, ihr Sohn sei nicht wegen, sondern trotz ihrer Erziehung auf Abwege geraten. In einem der Videos zitierte Harris aus Shakespeares "Der Sturm": "Good wombs hath borne bad sons" - gute Gebärmütter hatten schlechte Söhne geboren. Der Filmemacher Michael Moore arbeitete das Massaker in seiner Dokumentation "Bowling for Columbine" auf, für die er 2003 mit einem Oscar ausgezeichnet wurde.

20 Jahre voller Massaker

Columbine war zwar ein besonders schlimmes Schul-Massaker, aber nicht das erste und auch bei weitem nicht das letzte. Ins Gedächtnis eingebrannt hat sich auch die Bluttat von Sandy Hook im Jahr 2012, wo ein Mann 20 Grundschüler und sieben Erwachsene tötete. Oder die von der Virginia Tech, der technischen Hochschule, an der ein Schütze 2007 insgesamt 32 Menschen ermordete.

Nach diesen beiden, und auch nach vielen weiteren Massakern, wurden in den USA Forderungen laut, den Zugang zu Schusswaffen generell oder wenigstens Schnellfeuerwaffen stärker zu beschränken. Größere Reformen scheiterten jedoch bislang am Widerstand der mächtigen Waffenlobby. Die pocht auf den Zweiten Verfassungszusatz, der es dem US-Staat verbietet, seine Bürger zu entwaffnen.

Ein gutes Jahr zurück liegt das Massaker von Parkland, Florida, in dem ein ehemaliger Schüler der Marjory Stoneman Douglas Highschool 14 Schüler und drei Erwachsene erschoss. Schülerinnen und Schüler aus Parkland, allen voran die heute 19-jährige Emma Gonzalez, starteten größere Kampagnen für eine strengere Regulierung von Schusswaffen. Ein Höhepunkt war der "March for Our Lives" mit Kundgebungen in Hunderten Städten. Die "Generation Columbine", also die Schülergeneration nach dem Massaker von 1999, zeigte, dass sie die ständige Gefahr  nicht mehr länger hinnehmen will, in ihren Schulen oder anderswo Opfer von Waffengewalt zu werden. Allein in den ersten dreieinhalb Monaten 2019 wurden bei "Mass Shootings" - ein Begriff, den es in der deutschen Sprache gar nicht gibt - laut Daten des "Gun Violence Archive" mindestens 112 Menschen getötet.

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