Über Geld spricht man! | Wirtschaft | DW | 17.12.2019
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Gender Pay Gap

Über Geld spricht man!

Männer und Frauen sind in Deutschland zwar gleichberechtigt. Zwischen Anspruch und Realität klafft aber immer noch eine Lücke. Das gilt in vielen Lebensbereichen und vor allem bei der Bezahlung. Sabine Kinkartz, Berlin.

Ein Grundstücksimperium aufzubauen und alle anderen Beteiligten in die Pleite zu treiben, das ist das Ziel des Brettspiels Monopoly. Erfunden wurde es 1933 und erfreut sich seitdem ungebrochener Beliebtheit. Inzwischen gibt es zahlreiche Editionen, die Regeln blieben aber stets die gleichen. Bis vor ein paar Monaten. Seitdem gibt es Ms. Monopoly: "Das erste Spiel, bei dem Frauen mehr verdienen als Männer", heißt es in der Beschreibung.

Henrike von Platen findet die neue Edition "einfach zu schön, denn die realen Verhältnisse werden in diesem Spiel komplett umgedreht". Seit vielen Jahren setzt sich die Unternehmensberaterin für die gleiche Entlohnung von Frauen und Männern und eine paritätische Besetzung in den Führungsetagen der Wirtschaft ein. Seit 2017 verfolgt sie dieses Ziel mit dem Fair Pay Innovation Lab, einer gemeinnützigen Organisation, die Unternehmen dabei unterstützen will, für faire Bezahlung zu sorgen.

Gesellschaftsspiel Monopoly (picture-alliance/dpa/F.-P. Tschauner)

Monopoly: Gleiche Regeln für alle

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit?

In Deutschland gibt es eine statistische Lohnlücke zwischen Männern und Frauen von 21 Prozent. In den Führungsetagen der Wirtschaft sind es sogar 30 Prozent. Die Ursachen für den sogenannten Gender Pay Gap sind komplex. Frauen arbeiten oft in weniger gut bezahlten Berufen und überdurchschnittlich oft in Teilzeit, Sie werden weniger oft befördert, übernehmen seltener Verantwortung und verhandeln anders als Männer. "Die Lohnlücke ist in Stein gemeißelt und ändert sich nicht, obwohl doch klar ist, dass dieser Missstand abgeschafft gehört", klagt von Platen.

Seit zwei Jahren gilt in Deutschland ein Gesetz, das Entlohnung transparent machen soll. Es schreibt vor, dass große Unternehmen auf Anfrage Auskunft müssen, nach welchen Kriterien sie ihre Arbeitnehmer bezahlen. Bislang würden allerdings nur vier Prozent der Beschäftigten davon Gebrauch machen, berichtet Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) aus einer Evaluierung des Gesetzes, das im Juni stattgefunden hat. "Die Befragung ergab aber auch, dass schon 45 Prozent der Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern ihre Entgeltstrukturen überprüft haben."

Der Fachkräftemangel und seine Folgen

Ganz freiwillig werden sie das nicht getan haben. Doch der zunehmende Fachkräftemangel erzwingt Bewegung. "Familienfreundlichkeit und Gleichberechtigung am Arbeitsplatz sind nicht mehr nur ein Nice to have, sondern ein harter Standortfaktor, der tatsächlich dazu führt, ob eine Fachkraft sich für das Unternehmen A oder B entscheidet", sagt Ministerin Giffey.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey beim Fair Pay Initiative Summit (DW/S. Kinkartz)

Ministerin Franziska Giffey (2.v.r.) mit Henrike von Platen, Frank Rohde (li.) und Randolf Bursian

Das kann Frank Rohde nur bestätigen. Er ist Personalchef beim Softwareriesen Adobe und stellt in Einstellungsgesprächen immer häufiger fest, dass die Bereitschaft seines Unternehmens, eine faire Entlohnung umzusetzen, Früchte trägt. "Wir haben da Kandidatinnen, die sagen, ich kann mir den Job eigentlich aussuchen, aber ich wollte genau zu euch, weil ich gelesen habe, dass ihr Gender Pay Parity erreicht habt."

Von Äpfeln und Birnen

Im Oktober 2018 war das der Fall. Zwei Jahre, davon sechs Monate in Europa, hatte Adobe darauf verwendet, die rund 22.000 Stellen in 37 Ländern zu überprüfen. "Wir haben uns angesehen, ob wir die richtigen Mitarbeiter auf den richtigen Jobprofilen haben und ob Männer und Frauen das gleiche bei gleicher Leistung verdienen", berichtet Rohde. Das sei viel Arbeit gewesen. "Viel Puzzle, um auch darauf zu achten, dass man Äpfel mit Äpfeln und nicht Äpfel mit Birnen vergleicht."

Im Ergebnis waren fünf Prozent der Beschäftigten betroffen. "Das waren übrigens nicht nur Frauen, sondern da waren auch ein paar Männer dabei." Ihre Gehälter wurden angeglichen, nach oben, wie Rohde betont. "Das Ganze geht aber nicht, wenn der Vorstand es nicht von oben mit der richtigen Haltung unterstützt." Eine Erkenntnis, die Henrike von Platen vom Fair Pay Innovation Lab nur bestätigen kann. "Man muss es wollen, dann klappt es auch."

Geld bedeutet Macht

Mit ihrer Organisation hat die 48-jährige einen Leitfaden erstellt, der in vier Schritten zur fairen Entlohnung führt. Am Anfang steht die Transparenz. Man müsse offen über Gehälter sprechen. Geld sei der Schlüssel zur Gleichstellung, weil Geld immer auch Macht bedeute. Faire Bezahlung habe daher das Potenzial, die Arbeitswelt und die Gesellschaft grundlegend zu verändern.

Gleiche Bezahlung für Männer und Frauen (Imago Images/Ipon/S. Boness)

Der Tag im Jahr, bis zu dem Frauen statistisch umsonst arbeiten, war 2019 der 18. März

Randolf Bursian, Personalchef beim Chemiekonzern Evonik Industries, sieht das ähnlich, geht aber noch einen Schritt weiter. In seiner Branche reiche eine gerechte Bezahlung allein nicht mehr aus, um weibliche Fachkräfte rekrutieren und an das Unternehmen binden zu können. Evonik zahlt Zuschüsse für die Kinderbetreuung, bietet Kinderprogramme für die Schulferien an und belohnt Eltern finanziell, wenn sie früher als geplant aus den Erziehungszeiten zurück ins Unternehmen kommen. "Das hat heute alles eine strategische Dimension", sagt er.

Deutschland steigt auf

Familienministerin Franziska Giffey freut sich über diese Entwicklungen. Es sei noch gar nicht so lange her, da hätten ihr Unternehmenschefs, mit denen sie über Frauenförderung diskutierte, gesagt: "Wir sind ein technisches Unternehmen, wir haben hier keine guten Frauen." Das könne sie nicht akzeptieren, betont die Ministerin resolut.

Sie hofft, dass sich die Gleichberechtigung, auch bedingt durch den Fachkräftemangel, in der Zukunft beschleunigt durchsetzen wird. Hoffnung gebe es ja, sagt sie mit Blick auf den jährlichen "Global Gender Gap Report" des World Economic Forum (WEF). In dem Ranking ist Deutschland in diesem Jahr von Platz zwölf auf Platz zehn aufgestiegen. "Top Ten", freut sich die Ministerin.

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