Äthiopien und die Sprache der Könige | Afrika | DW | 16.09.2018
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Afrika

Äthiopien und die Sprache der Könige

In Äthiopien bestimmt mit Amharisch eine lokale Sprache den Alltag - und nicht Englisch oder Französisch, wie in vielen anderen afrikanischen Ländern. Schulunterricht findet in den Muttersprachen der Kinder statt.

Bildungsexperten in Afrika fordern einen stärkeren Fokus auf lokale Sprachen. Vor allem in Grundschulen soll zunächst in den Sprachen unterrichtet werden, die die Kinder zuhause sprechen - und nicht in einer Fremdsprache, die sie zunächst noch lernen müssen. In Äthiopien ist das schon Realität. In dem Staat mit über 80 verschiedenen Völkern ist die Sprache einer der größeren Gruppen Amtssprache: Amharisch. Seit dem 13. Jahrhundert gilt es als Sprache der äthiopischen Könige und hat sich so als Nationalsprache durchgesetzt. Heute wird Amharisch - neben anderen Sprachen - auch in Grundkursen an Schulen angeboten. 

In vielen Ländern Afrikas ist die ehemalige Kolonialsprache - meistens Englisch oder Französisch - zur offiziellen Landessprache erklärt worden. Diese europäischen Sprachen werden vor allem in der Verwaltung und im Bildungssystem benutzt. Aber in Äthiopien kam es dazu nicht, denn die italienischen Kolonialherren regierten nur kurz: von 1935 bis 1941. "Es gibt daher keine koloniale Kultur, die Sprache beeinflusst hat", sagt der Journalist Merga Bula vom amharischen Programm der Deutschen Welle. 

Sprache ist Identität

"Seit die Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker (EPRDF) an der Macht ist, kann man in jeder der neun Regionen des Landes an Grundschulen in seiner eigenen Sprache unterrichtet werden. Amharisch wird als Zusatzkurs angeboten", berichtet Bula. Früher sei Amharisch ein Pflichtfach gewesen, fügt Bula hinzu, heute sei es die erste Fremdsprache. Nur in der Region Amhara, wo Amharisch als Muttersprache gesprochen wird, ist die erste Fremdsprache Englisch. 

Ein Klassenzimmer in einer Schule in Addis Abeba (picture-alliance/KEYSTONE/D. Steinmann)

Amharisch ist die erste Fremdsprache in Äthiopiens Schulen

Die Sprachenvielfalt in den Schulen habe positive Auswirkungen auf die Bevölkerung, sagt Bula, denn: "Sprache ist Identität." Zu Zeiten des Kaiserreichs hätten sich verschiedene Volksgruppen an den Rand gedrängt gefühlt. "Jetzt haben sie das Recht, ihre eigene Sprache zu sprechen und zu nutzen. Das ist ein großer Vorteil." Bula glaubt, der Unterricht in der Muttersprache motiviere die Schüler zum Lernen. Das Bildungssystem der Nation mit rund 100 Millionen Einwohnern stellt die Schüler vor große Herausforderungen. Viele Grundschulen sind schlecht ausgestattet und überfüllt; häufig brechen Kinder die Schule ab und verlieren so eine Chance, der Armut zu entkommen. Laut den Vereinten Nationen beträgt die Analphabeten-Rate rund 50 Prozent. 

Nach der Grundschule wird auch in Äthiopien auf Englisch gelehrt. "Natürlich ist es leichter, erst in der eigenen Sprache zu lernen", sagt der äthiopische Sprachwissenschaftler Amanuel Raga im DW-Interview. In den Ländern, die in der Sprache ihrer früheren Kolonialherren verkehrten, hätten die Schüler und Studenten ein doppeltes Problem: "Sie haben Schwierigkeiten, den Lerninhalten zu folgen - dann kommt noch die fremde Sprache hinzu. Das ist eine zweifache Belastung."  

Lehrer schlecht ausgebildet

Obwohl viele Menschen die Verkehrssprachen Amharisch oder Oromo sprechen, sieht Raga ein Problem: "Wenn die Menschen in die Stadtzentren kommen, müssen sie Amharisch sprechen, um Dienstleistungen der Verwaltung zu erhalten. Wenn sie aus anderen Regionen kommen, ist ihr Amharisch oft schlecht. Dann nutzen sie Englisch, aber auch das ist häufig ungenügend." Selbst an den Universitäten sei das Niveau niedrig, auch nach ihrem Examen könnten Studenten nicht fehlerfrei schreiben und sprechen. Der Grund liege in der schlechten Lehrerausbildung, fügte Raga hinzu.

Äthiopische Schüler mit Tablet-Computern (picture-alliance/dpa/M. Girma)

Nur die Hälfte der Äthiopier kann lesen und schreiben

Der Sprachwissenschaftler schlägt vor, Sprachinstitute für Lehrer einzurichten, wo diese besser Englisch lernen, das sie dann in Schulen und an Universitäten einsetzen können. Denn Privatschulen seien wegen der hohen Gebühren für die meisten Äthiopier kaum zu bezahlen. Dringend nötige Reformen seien noch nicht angegangen worden, meint Raga: "Der neue Premierminister Abiy Ahmed ist bestimmt offen für Verbesserungen im Bildungssektor, aber er hat derzeit wohl andere politische Probleme zu lösen, die im Vordergrund stehen."

Die Verwendung von Englisch als Unterrichtssprache in Äthiopien findet der Linguist "bizarr", denn historisch gesehen gebe es keine besonders starken Verbindungen zu englischsprachigen Ländern. Erst Kaiser Haile Selassie sei einige Jahre in England im Exil gewesen. Die Einführung des Englischen sei also ein Gefallen an die Briten gewesen, die die italienischen Besatzer aus Äthiopien vertrieben hatten.  

Zweisprachiger Alltag

Heutzutage sei Englisch allerdings als Weltsprache nicht aus Äthiopien wegzudenken. "Englisch ist nicht mehr die Sprache der Briten allein", sagt Raga. Wer der englischen Sprache in Äthiopien mächtig sei, habe bessere Aussichten auf Arbeit und bessere Bezahlung.

Eine vernachlässigte Sprache ist für den äthiopischen Sprachwissenschaftler Oromo - oder "Afaan Oromoo", wie es in der Sprache der Oromo heißt. Denn als Muttersprache der größten Volksgruppe im Land - und eine der Hauptverkehrssprachen - wird sie von mehr als 40 Millionen Menschen gesprochen. Raga wünscht sich, dass Oromo neben Amharisch als zweite Amtssprache eingeführt wird. Ein entsprechender Antrag liege der Regierung bereits vor.

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