Ägypten und die Türkei: Werden Rivalen zu Partnern? | Nahost | DW | 29.11.2022
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Diplomatie

Ägypten und die Türkei: Werden Rivalen zu Partnern?

Die Regierungen in Kairo und Ankara setzen nach einem Treffen der beiden Staatschefs auf Verständigung. Nach Jahren der Rivalität soll endlich wieder kooperiert werden. Doch die Annäherung dürfte begrenzt bleiben.

Die Staatspräsidenten Abdel Fatah al-Sisi und Recep Tayyip Erdogan drücken in Doha einander die Hände

Händedruck in Doha: Die Staatspräsidenten Abdel Fattah al-Sisi (l.) und Recep Tayyip Erdogan

Leicht und störungsfrei waren ihre Beziehungen seit langem nicht, nun aber wollen Ägypten und die Türkei ihr Verhältnis auf neue Füße stellen. So haben es der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan kürzlich am Rande der Eröffnungszeremonie der Fußballweltmeisterschaft erklärt. In Präsenz des Emirs von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani, drückten die beiden Staatschefs die Hände und bekundeten, künftig besser miteinander auskommen zu wollen.

Symbolischer Händedruck in Katar

Tatsächlich kam kurz nach dem Treffen Bewegung in die Beziehungen der beiden Länder. So trafen sich Agenturmeldungen zufolge Geheimdienstdelegationen beider Seiten am Wochenende in Ägypten. Zwischen diesen habe es "bedeutende" Gespräche gegeben, erklärte ein namentlich ungenannter hoher türkischer Beamter der Nachrichtenagentur Reuters. Beide Seiten erörterten militärische, politische und kommerzielle Fragen, einschließlich Energieprojekten, so der Beamte. Zudem, erklärte der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu am Montag (28.11.), wollten beide Staaten wieder volle diplomatischen Beziehungen aufnehmen und "in den kommenden Monaten" ihre jeweiligen Botschafter ernennen. Die beiden Länder hatten ihre diplomatischen Beziehungen auf Botschafterebene 2013 abgebrochen.

Unmittelbar nach dem Treffen der beiden Staatschefs hatte auch das ägyptische Außenministerium bereits erklärt, auf das Treffen würden weitere Schritte folgen. Ziel sei, die bilateralen Beziehungen nach "Jahren der Spannungen" wieder zu normalisieren. Allerdings hätten die bisher geführten Gespräche noch nicht zu einer Beilegung der bestehenden Meinungsverschiedenheiten geführt, hieß es einschränkend.

Konflikte und Rivalitäten

Die Liste der Meinungsverschiedenheiten und Rivalitäten beider Länder ist lang. Zurück gehen diese vor allem auf das Jahr 2013. Damals hatte die türkische Regierung die Absetzung des damaligen, den Reihen des Muslimbrüder entstammenden ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi durch die Armee wiederholt als illegitim bezeichnet. Erdogan nannte al-Sisi einen "Putschisten". Nachdem Ägypten die Muslimbrüder als Terrororganisation eingestuft und verboten hatte, fanden viele Muslimbrüder dann entsprechend Schutz in der Türkei.

Die ägyptische Regierung warf Ankara umgekehrt vor, islamistische Organisationen - insbesondere die Muslimbrüder - zu unterstützen. Über Jahre blieb das Verhältnis angespannt. Im Frühjahr 2019 hatte Erdogan sogar noch erklärt, er habe nicht die Absicht, sich mit al-Sisi zu versöhnen. "Ich lehne es ab, mich mit einer antidemokratischen Person zu treffen, die Mursi und seine Freunde zu Gefängnisstrafen verurteilt hat", so Erdogan damals.

Kundgebung der Muslimbrüder in Istanbul, 2015

Auch in der Türkei präsent: die Muslimbrüder - hier eine Kundgebung in Istanbul im Jahr 2015

Zuletzt hatte Ankara die in der Türkei tätigen ägyptischen, den Muslimbrüdern oder anderen oppositionellen Gruppen verbundenen Fernsehsender aber aufgefordert, ihre Kritik an der ägyptischen Regierung zu mäßigen. Tatsächlich würden die Möglichkeiten der ägyptischen Opposition immer stärker eingeschränkt, sagt Kristian Brakel, Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in der Türkei. Eine Reihe von ägyptischen Oppositionellen spiele inzwischen mit dem Gedanken, sich anderswo niederzulassen. "Es ist nicht auszuschließen, dass diese Tendenz noch zunehmen könnte", meint Brakel.

Politisch und ökonomisch standen sich die beiden Länder auch im Bürgerkrieg in Libyen als Rivalen gegenüber: Während Ägypten den starken Mann der Exilregierung in Tobruk, Khalifa Haftar, unterstützte, um mit dessen Hilfe die mögliche Bildung einer Regierung unter Beteiligung von Islamisten zu verhindern, stand sich die Türkei dem damaligen Premier der international anerkannten Regierung, Fajis al-Sarradsch, zur Seite. 2019 hatte sie mit diesem ein international kritisiertes Abkommen geschlossen, das die Seegrenzen beider Länder neu definierte. Demnach hätte sich das türkische Hoheitsgebiet bis in die Nähe der griechischen Insel Kreta ausgedehnt. Dort vermutet die Türkei erhebliche Gasvorkommen.

Bislang stand Ägypten im Streit um die Gasvorkommen eindeutig an der Seite Griechenlands. Im Sommer 2020 hatten beide Länder ein Abkommen unterzeichnet, in dem sie ihre jeweiligen Wirtschaftszonen im östlichen Mittelmeer festlegten. Die türkische Regierung hatte diese Vereinbarung damals als "Piraten-Abkommen" kritisiert.

Präsident Erdogan an Bord des neuen türkischen Bohrschiffs Abdulhamid Han

Erkundungsbereit und an Gas-Geschäften interessiert: Erdogan an Bord eines türkischen Bohrschiffs, Sommer 2022

Signale auch an Ägyptens Partner

Nun aber setzt Ankara offenbar verstärkt auf Versöhnung und neue Partnersuche. Entsprechende Signale sende die Türkei auch in Richtung zweier traditioneller Partner Ägyptens, nämlich Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), so Brakel. Diese drei Ländern waren über Jahre Partner in der von Saudi-Arabien geführten internationalen Militärkoalition gegen den Aufstand der Huthis im Jemen. Außerdem teilen die beiden Golfstaaten die Haltung der ägyptischen Regierung gegenüber den Muslimbrüdern, in denen sie eine ideologische und machtpolitische Herausforderung und damit auch Gefahr für ihre eigene, autokratisch geführte Herrschaft sehen.

Nicht zuletzt aufgrund der hohen Inflation sehe sich die Regierung in Ankara zu einer Anpassung ihres Kurses genötigt, meint Brakel:  "Aus diesen Ländern kommen jetzt auch beträchtliche Finanzspritzen im Vorlauf des türkischen Wahlkampfs", sagt er. Es sei durchaus denkbar, dass die beiden wohlhabenden Golfstaaten dafür die Lösung der ägyptisch-türkischen Probleme zur Voraussetzung gemacht hätten.

Zugleich seien sich die beiden Golfstaaten aber auch der geostrategischen Bedeutung der Türkei bewusst, heißt es in einer Analyse des Online-Magazin Al Monitor. Ebenso sähen sie die vielfältigen Investitionsmöglichkeiten, die der türkische Markt biete. Erdogan hatte den VAE bereits im Februar dieses Jahres einen Besuch abgestattet. Mit beiden Ländern hat die Türkei inzwischen mehrere Kooperationsabkommen unterzeichnet.

Präsident Erdogan zu Gast beim Emir von Dubai, Muhammad bin Raschid Al Maktum, Februar 2022

Neuordnung der Beziehungen auch am Golf: Präsident Erdogan zu Gast beim Emir von Dubai, Muhammad bin Raschid Al Maktum, Februar 2022

Athen für Kairo wichtiger als Ankara?

Das dürfte auch Ägypten ermutigen, die Handelsbeziehungen zur Türkei auszubauen. In den vergangenen 15 Jahren hat sich das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern laut einer Studie des Carnegie Middle East Center ohnehin bereits mehr als verdoppelt. Beide Länder versuchten auf diese Weise auch die durch die Corona-Pandemie entstandenen Lieferengpässe aus Asien, insbesondere China, auszugleichen, heißt es ergänzend in der englischsprachigen Ausgabe der türkischen Tageszeitung al-Sabah. Auch im östlichen Mittelmeer setzten beide Staaten auf Verständigung. "Dies ist für Ägypten und die Türkei das wichtigste Thema", zitiert Al-Sabah den an der Al-Azhar Universität lehrenden Ökonomen Ahmed Zikrallah. "Mir scheint, beide Länder mühen sich, gemeinsam Lösungen zu finden."

In der Summe dürfte die Regierung in Kairo an der Annäherung jedoch ein erheblich geringeres Interesse haben als die in Ankara, sagt Experte Brakel. Denn in Kairo habe man weiterhin vor allem einen wichtigen Grund, im Mittelmeerraum eher auf Griechenland als auf die Türkei zu setzen: dessen Mitgliedschaft in der EU. "Griechenland bietet Ägypten den Zugang zum europäischen Markt. Auch dadurch wird es aus ägyptischer Sicht zu einem viel attraktiveren Partner als die Türkei es jemals ein könnte."