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KonflikteÄthiopien

Äthiopien: Krieg im Wartestand?

Martina Schwikowski
22. April 2026

Die Spannungen zwischen Äthiopien und Eritrea halten an. Auch der Konflikt in Tigray schwelt weiter. Auswirkungen des Iran-Krieges haben eine Eskalation zunächst aufgeschoben, sagen Experten.

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Äthiopien Soldaten sitzen auf einem Panzer, mit der Landesflagge am Fahrzeug
Erst 2022 wurde ein Bürgerkrieg in Äthiopien beigelegt (Archivbild 2021). Doch die Spannungen halten an.Bild: Minasse Wondimu Hailu/AA/picture alliance

Die politische Lage am Horn von Afrika ist weiter bestimmt von Spannungen zwischen Äthiopien und Eritrea. Daran lässt Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed wenig Zweifel: Bei einem Fernsehauftritt Anfang der Woche betonte er, es sei "zu keiner Zeit machbar", Äthiopien weiterhin als Binnenstaat zu betrachten.

Das Land hatte seinen Zugang zum Roten Meer verloren, als Eritrea nach jahrzehntelangem Krieg 1993 seine Unabhängigkeit erlangte. Zunächst erlaubte eine Vereinbarung es Äthiopien, über den Hafen von Assab zollfrei Waren einzuführen. Doch ein erneuter Grenzkonflikt Ende der 1990er Jahre beendete dieses Arrangement. Heute läuft ein Großteil des äthiopischen Handels über Dschibuti - eine kostspielige Angelegenheit für den Binnenstaat.

Sträuben gegen äthiopische Expansion

Abiy Ahmed wolle diese Abhängigkeit verringern, sagt der Politikanalyst Abduraham Sayed im DW-Gespräch. "Der Grund, warum er gerade jetzt darauf drängt, liegt nicht darin, dass es keinen Zugang zum Roten Meer oder zu Häfen in der Nähe Äthiopiens gibt", fügt er an. Dieser sei über die angrenzenden Länder Dschibuti und Somalia gewährleistet. 

Stattdessen wolle der Premierminister jedoch ein eigenes direktes Zugangsgebiet in das äthiopische Staatsgebiet eingliedern. Gegen diese Expansion sträubten sich die betroffenen Küstenstaaten, so der Analyst.

Dabei hätte das Friedensabkommen zwischen Äthiopien und Eritrea 2018 eine gute Gelegenheit geboten: Auf dieser Basis hätte sich Äthiopien laut Sayed einen einfachen Zugang zum Meer mit einigen Garantien für Nachhaltigkeit und Sicherheit sichern können. Die Friedensbemühungen hatten Abiy 2019 den Friedensnobelpreis eingebracht - jetzt stehen die Zeichen wieder auf Konfrontation mit dem Nachbarland.

Sayed vermutet, dass Äthiopiens Vorstoß für einen Meereszugang "stark von externen Interessen außerhalb der Region am Horn von Afrika angetrieben wird und die äthiopische Regierung diese Interessen lediglich als Teil ihrer eigenen Agenda umsetzt. Ansonsten wäre der Zugang damals gesichert worden."

Äthiopiens Partner unter Druck

Damit bezieht er sich auf Äthiopiens geostrategische Partner, in erster Linie die Vereinigten Arabischen Emirate. Doch die stünden unter Druck: "Aufgrund der Konflikte am Persischen Golf werden die Emirate früher oder später gezwungen sein, ihre Präsenz und Einmischung am Horn von Afrika zu reduzieren, um sich auf die Probleme in ihrem eigenen Land zu konzentrieren." Damit könne sich Äthiopien weniger Unterstützung bei einem möglichen Krieg gegen Eritrea erhoffen.

Vereinigte Arabische Emirate Abu Dhabi 2026 | Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed zu Arbeitsbesuch in den VAE
Die Vereinigten Arabischen Emirate gelten als Äthiopiens Verbündete (hier Premierminister Abiy Ahmed bei einem Besuch in Abu Dhabi). Doch der Iran-Krieg sorgt jetzt auch dort für Probleme.Bild: Office of the Prime Minister-Ethiopia

Premierminister Abiy fordert bereits seit 2023 einen eigenen Zugang zu einem Meerhafen für Äthiopien. Dabei habe sich seine Rhetorik über die Jahre verschärft, sagt Guido Lanfranchi, Mitarbeiter des niederländischen Instituts für internationale Beziehungen, Clingendael.

Anfang des Jahres berichteten mehrere Nachrichtenagenturen übereinstimmend, dass äthiopische Regierungssoldaten und Kämpfer aus Tigray entlang der Tausend-Kilometer-Grenze der Region zu Eritrea stationiert seien. Doch der drohende Krieg brach bisher nicht aus.

Schon seit über einem Jahr hätten sich die Spannungen zwischen Äthiopien und Eritrea zugespitzt und verharrten auf einem recht hohen Niveau, sagt Lanfranchi. "Nun scheint es, als sei die Gefahr vorüber und ein Krieg abgewendet - was unter anderem auf Probleme wie die Treibstoffknappheit in der Region im Zusammenhang mit der Krise im Iran zurückzuführen ist", sagt er zur DW. 

Kriegsgefahr nicht aufgehoben

"Das bedeutet jedoch nicht, dass die internationale Gemeinschaft ihre Aufmerksamkeit gegenüber dieser Krise verringern sollte, da die grundlegenden Ursachen für die Rivalität zwischen den beiden Parteien nach wie vor bestehen", warnt der Konfliktforscher.

Eritrea selbst hatte laut Lanfranchis Kollegen Amanuel Dessaglen Gedebo angesichts der schwächeren wirtschaftlichen und militärischen Position nie großes Interesse an einem direkten Konflikt. Stattdessen gebe es indirekte Manöver wie die Stärkung der Beziehungen zur Tigray People's Liberation Front (TPLF) und eine gewisse Unterstützung für bewaffnete Gruppen wie die ethnische Amhara-Miliz Fano. Zudem habe Eritrea seine Beziehungen zu den regionalen Gegnern Äthiopiens gestärkt, insbesondere zu Ägypten. 

Dschibuti | Äthiopische Tanklaster stehen aufgereiht in Dschibuti
Im Hafen von Dschibuti warten äthiopische Tanker auf Öl - der Nachschub ist durch den Irankrieg problematisch gewordenBild: DW

Da die Auswirkungen des Iran-Krieges auch in Äthiopien durch hohe Transport- und Lebensmittelkosten stark spürbar seien und die ohnehin schon fragile wirtschaftliche Lage verschärften, sei eine militärische Operation derzeit wenig realisierbar. Die derzeitige "Pause" sei jedoch nur ein Aufschub, sagt Amanuel zur DW. 

Der zentrale Konflikt in Äthiopien ist nach Einschätzung der Experten die anhaltende fragile Lage in Tigray. Die besteht fort, auch wenn der zweijährige Bürgerkrieg in der nordäthiopischen Region mit einem Abkommen vom November 2022 offiziell beigelegt wurde. Seitdem regiert in Tigray eine von Addis Abeba eingesetzte Übergangsregierung, deren Mandat im April um ein weiteres Jahr verlängert wurde - trotz Kritik vonseiten der TPLF.

Daraufhin kündigte diese vor wenigen Tagen die Wiedereinsetzung eines Regionalparlaments an, dessen Wahl einer der Auslöser für den Tigray-Krieg war. Beobachter fürchten, dass der bewaffnete Konflikt zwischen der äthiopischen Regierung und den regionalen Kräften wiederaufflammen könnte. 

Interner Konflikt mit Tigray schwelt weiter

Der interne politische Konflikt schwelt weiter, betont auch Analyst Gerrit Kurtz, Experte für das Horn von Afrika bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, in einem DW-Gespräch. Die außen- und geopolitischen Faktoren hätten den Konflikt in Äthiopien zwar verschärft, aber der Vielvölkerstaat lasse sich nicht auf die Interessen der Emirate oder anderer Partner reduzieren. 

Äthiopien Afar-Region | Vertriebene durch den Tigray-Krieg
Während des Tigray-Krieges wurden mehr als 300.000 Menschen in der äthiopischen Afar-Region vertrieben. Viele flohen in südliche Gebiete und ins benachbarte Amhara.Bild: Marco Simoncelli/DW

Wenn Tigray versuche, eine Gegenregierung aufzustellen, sei das der nächste Schritt in dieser Eskalationsspirale in Äthiopien. Das heiße nicht, dass der Krieg auch ausbrechen müsse. Es gehe um ein beiderseitiges Taktieren um die Dominanz. Die TPLF sehe zwar in Eritrea einen Partner, aber wie tiefgreifend diese Unterstützung im Falle eines Krieges mit Äthiopien werde, sei ungewiss.

Auch sind die bevorstehenden Parlamentswahlen am 1. Juni in Äthiopien für die Regierungspartei allein aus Legitimationsgründen für Abiy Ahmed wichtig, sagen die Experten.

Die 2019 von Abiy Ahmed gegründete Prosperity Party (PP) hat laut Lanfranchi die politische Dominanz und das ökonomische Netzwerk von der über mehrere Jahrzehnte regierenden Vorgängerpartei EPRDF geerbt, als er die Parteien zusammenschloss.

Die Opposition habe bei den Wahlen wenig Chancen. "Aus Abiys Sicht ist es wenig vernünftig, die Wahlen vor einem militärischen Einsatz zu verschieben." Vielmehr gelte es für ihn, die Wahlen erst einmal zu gewinnen.