Zwei Jahre Germanwings-Absturz: ″Wir müssen unsere Trauer beweisen″ | Deutschland | DW | 24.03.2017
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Zwei Jahre Germanwings-Absturz: "Wir müssen unsere Trauer beweisen"

Sein Kind zu verlieren - allein das ist eine Katastrophe, sagt Vater Wolfgang Becker, dessen Sohn Andre vor zwei Jahren starb. Dass aber ein Pilot 149 Menschen mit in den Tod riss, das kann er bis heute nicht verkraften.

Wolfgang Becker und seine Frau (Namen geändert) verbringen den zweiten Jahrestag des Germanwings-Absturzes mit vielen anderen Hinterbliebenen in Le Vernet in den französischen Alpen. Dort sind sie der Stelle nah, wo ihr Sohn Andre am 24. März 2015 starb, als die Maschine der Lufthansa-Tochter Germanwings um 10.41 Uhr zerschellte. 150 Menschen waren an Bord beim Flug 4U 9525 von Barcelona nach Düsseldorf. Nach Ansicht der französischen Ermittler und der deutschen Behörden lenkte Copilot Andreas Lubitz die Maschine willentlich in das Bergmassiv. 149 Menschen aus 21 Nationen starben mit ihm.

Deutsche Welle: Herr Becker, wie geht es Ihnen?

Wolfgang Becker: Wie geht es mir? Unser Sohn Andre und 148 andere sind ermordet worden. Sie wurden durch einen Piloten, der Suizid begangen hat, mit in den Tod gerissen. Diese Umstände können Sie auch nach zwei Jahren nicht abschütteln. Man versucht, wieder Kraft zu finden. 

Als das passiert ist, sind wir alle in ein riesentiefes Loch gefallen, man hat nur funktioniert, kam gar nicht zur Ruhe. Man wusste anfangs nicht: Warum ist das passiert? Wir sagten: Den Piloten kann man keinen Vorwurf machen, die wollten ja auch nach Hause. Tage später hörte man, dass der Copilot das Flugzeug absichtlich in den Berg gelenkt hatte.

Wir waren eh am Boden, dann öffnete sich eine Klappe und wir fielen ins Bodenlose. Das ist das, was so schmerzt, dass eine Person, die Verantwortung für andere trägt, diese missbraucht hat. Man hat es nicht verstanden, über eine Sicherungskette festzustellen, dass diese Person nicht in der Lage ist, ein Flugzeug zu steuern. Dieser Umstand ist die absolute Katastrophe, das wird uns ein Leben lang begleiten.

Wie haben Sie vom Absturz erfahren?

Meine Tochter hatte im Fernsehen davon gehört, meine Frau bat mich heimzukommen. Am späten Nachmittag hat die Seelsorge bei uns an der Tür geklingelt. Dann hat die Welt aufgehört, sich zu drehen. Als sie sich weitergedreht hat, war nichts mehr so, wie es vorher war. Durch die Entscheidung einer Person wurde der Weg unseres Sohnes, der aller Beteiligten und Angehörigen weggerissen. Es ist, als wenn eine Sturzflut die Brücke wegreißt, über die man gehen wollte. Man muss hoffen, dass man einen neuen Weg findet.

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Dass Andre nicht mehr kommt, das wissen wir, aber es sind noch so viele Dinge offen. Die Familie Lubitz gibt eine Pressekonferenz. Will sie vielleicht am Ende behaupten, dass ihr Sohn gar nicht im Cockpit gesessen hat? Das ist eine Ohrfeige, ein Affront gegen die Angehörigen und die ums Leben gekommenen Passagiere.

Als die Staatsanwaltschaft im Januar sagte, Schuld trägt nur Copilot Andreas Lubitz, war das für Sie ein Schlusspunkt?

Nein. Wir Angehörigen möchten, dass auch die Lufthansa klar sagt: Hier ist in der Kette ein Fehler passiert, wir haben versäumt, den Copiloten frühzeitig aus dem Verkehr zu ziehen. Nicht sagen: Das ist nur Andreas Lubitz und alle anderen waschen ihre Hände in Unschuld. Alle machen Fehler, aber es ist wichtig, dass man zu seinen Fehlern steht.

Wir werden bewertet, wir Angehörige müssen ständig unsere Trauer beweisen mit Gutachten, nur dann bekomme ich Schmerzensgeld. Ich war in einer Rehabilitation, das hat gut getan, aber davon ist mein innerer Schmerz nicht weg. Man muss kämpfen, dass man nicht dem Alkohol verfällt, nicht zu depressiv ist, dass man wieder arbeiten kann. Man kann nicht sagen, der Eine trauert 80 Prozent, der 25 und der 36 Prozent. Wir haben alle das gleiche Schicksal, wir haben die Katastrophe unseres Lebens erlebt.

Keiner kann dafür sorgen, dass unser Kind zurückkommt, aber der juristische Streit sollte aufhören. Spanien hat ein anderes Luftfahrtgesetz, dort bekommen Angehörige pauschal eine größere Summe, ohne Beweise. In Deutschland werden Opfer mit 10.000 Euro bewertet. Etwa soviel bekommen Besitzer eines Diesel-Autos in den USA mit einer Schadstoff-Software. Wollen Sie einen Angehörigen, der ermordet wurde, damit vergleichen? Das ist beschämend.

Es geht uns nicht ums Geld, es geht um Wertschätzung! Unser Schicksal, unsere Trauer kann man nicht mit Geld bewerten. Es geht darum, Dinge abzufedern für die, die gar nicht mehr arbeiten können oder ihr Geschäft schließen mussten. Wir waren beide lange krank, meine Frau kann ihrem eigentlichen Beruf nicht mehr nachgehen. Ich musste es irgendwie schaffen, sonst könnten wir unsere Rechnungen nicht bezahlen.

Wenn viele Länder betroffen sind und alle in einem Flugzeug saßen, dann kann man doch nicht die Spanier so behandeln und die Deutschen abwatschen. Das sind zusätzliche Verletzungen. Wir Angehörigen wollen irgendwann einen Abschluss, Ruhe, damit wir uns der Trauer widmen können.

Den Jahrestag verbringen Sie wieder in Frankreich, wie wichtig ist das?

Da sind wir am besten aufgehoben, wir sind unter unseresgleichen, kennen einige über die Notfallseelsorge. Man kann sich dort austauschen und steht das gemeinsam durch. Schlimm sind die Tage vorher - da müssen wir Kraft sammeln - und die Rückkehr. Wenn wir Samstag wieder zu Hause sind, werden wir drei, vier Tage brauchen, bis es wieder einigermaßen geht.

Le Vernet ist ein schöner und besinnlicher Ort, weg von allem Trubel. Dieser Ort hat das, was da passiert ist, nicht verdient. Meiner Frau und mir ist die Ruhe dort wichtig. Wir können dort unserem Sohn näherkommen. Es gibt einen schön gestalteten Andachtsraum und den Gedenkstein auf dem Friedhof. Wir reisen zweimal im Jahr dorthin. Wenn wir zu zweit oder mit der Familie dort sind, finden wir noch mehr zu innerer Einkehr.

Zu Hause können viele die Trauer nicht mehr nachvollziehen?

Genau. Für sehr viele im Umfeld ist das eben zwei Jahre her, wir haben also "keinen Grund mehr, das zu dramatisieren oder immer den Trauerkloß zu spielen". Für uns ist das aber nicht so weit weg. Nur bei anderen Angehörigen oder in Trauergruppen kann man noch frei sprechen und Tränen vergießen, da wird man aufgefangen. Im nahen Umfeld geht das nicht mehr. Auch im Beruf wird irgendwann keine Rücksicht mehr genommen.

Wir sind zwei Jahre weiter, aber immer noch in einem Vakuum, weil wir keinen Schlussstrich ziehen können, um uns nur noch der Trauer zu widmen. Wir sitzen beim Frühstück und hören im Radio, dass Familie Lubitz eine Pressekonferenz gibt, ich gehe zum Bäcker und lese es in der Boulevardzeitung, da ist der Tag gelaufen.

Unsere Lebensqualität wird nie mehr, wie sie war, unseren Kindern hat man die Zukunft geraubt. Alles, was früher Freude gemacht hat, hat heute einen Schatten.

Was haben Sie gerne mit ihrem Sohn gemacht?

Wir haben uns beide für Fußball begeistert, selbst gespielt und Bundesliga- und Champions-League-Spiele geschaut. Ich kann mir das heute nicht mehr ansehen. Wir vermissen ihn beim Frühstück, beim Abendbrot und auch die laute Musik, die er gehört hat.

Sie sind alle in eine Psychotherapie gegangen?

Ja. Das kostet alles unheimlich viel Kraft. Wir versuchen, unsere Energie wieder aufzuladen durch Rehabilitation, Seelsorge-Angebote und wir besuchen eine Gruppe verwaister Eltern. Wir haben vielleicht noch 20 bis 30 Jahre vor uns. Die müssen wir gut gestalten, das würde auch Andre wollen. Wir versuchen, sein Andenken weiterzutragen. Ich habe mir seinen Namen eintätowieren lassen, das hat richtig gut getan.

Überführung von Opfern des Germanwings-Absturzes nach Düsseldorf (picture-alliance/dpa/M. Hitij)

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Wie wichtig war es, Ihren Sohn zu Hause zu begraben?

Wir haben dafür gebetet, unser Kind nach Hause zu bekommen, damit wir es hier beisetzen können. Wir haben auch gehofft, dass in Frankreich noch Dinge gefunden werden. Man muss auf einer Webseite nachsehen und sagen: Die Schuhe oder das T-Shirt, das ist von unserem Sohn. Wenn das überprüft ist, wird es geschickt. Das sind Schockmomente. Einerseits ist man dankbar, dass man etwas bekommt, aber wenn es eintrifft, fällt man in ein tiefes Loch. Wir haben sogar noch sein Handy bekommen, dafür sind wir sehr dankbar. Darauf haben wir das einzige Bild gefunden, das es von Andre mit unserem Enkelkind gibt, dem Sohn unserer Tochter.

Haben Sie auch Bilder aus Barcelona gefunden?

Wir haben nicht alles durchsucht wegen der Intimsphäre unseres Sohnes, aber es gibt Fotos aus Barcelona. Ein Bild ist für mich besonders schmerzhaft: Unser Sohn und sein Freund sitzen auf der Lehne einer Parkbank, essen und genießen ihre Siesta - junge Menschen, die kurz danach mitten aus dem Leben gerissen wurden. Bei uns zu Hause ist das Zimmer von unserem Sohn unverändert. Da meint man, das Leben ist stehengeblieben, der müsste gerade hier durch die Tür kommen.

Was tun Sie, um den Schmerz auszuhalten?

Sport, Sport, Sport. Ich muss mich auspowern, Endorphine freisetzen, damit es mir einigermaßen geht und ich versuche, viel zu schlafen, meinen Akku aufzuladen. Ich sage, ich bin in einem großen See und bin am Ertrinken. Ich muss gegenpaddeln, damit ich nicht absaufe.

Was hilft Ihnen, Trost zu finden?

Das ist unser Enkelkind. Für meine Frau ist das der Fels in der Brandung, mir gibt er auch Halt und Kraft. Er gleicht Andre, als er klein war. Es ist gut, dass er da ist, der Bursche.

Das Interview führte Andrea Grunau.