Zwei Brüder, eine Ausstellung: ″Wilhelm und Alexander von Humboldt″ im Deutschen Historischen Museum | Kunst | DW | 20.11.2019
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Geschichte

Zwei Brüder, eine Ausstellung: "Wilhelm und Alexander von Humboldt" im Deutschen Historischen Museum

Alexander und Wilhelm von Humboldt gelten als Weltbürger und Abenteurer. Die erste große Schau zu den Brüdern in Deutschland erzählt aber keine Heldengeschichte, sondern verortet sie in ihrer historischen Wirklichkeit.

Auf der ganzen Welt steht der Name des Berliner Brüderpaars Humboldt als Synonym für Bildung und Wissenschaft. Alexander von Humboldt sammelte und dokumentierte alles, was ihm zwischen die Finger kam - von Pflanzen über Gesteine bis hin zu Tieren und menschlichen Knochen. Der zwei Jahre ältere Wilhelm von Humboldt galt immer als weniger reisefreudig und wird gern auf seine Verdienste im Bildungsbereich reduziert. Unzählige Publikationen beschäftigen sich mit ihnen.

"Doch das, was unter uns ist, hat oft mehr mit Mythos als mit der historischen Wirklichkeit zu tun", stellt das Deutsche Historische Museum fest, und betrachtet die beiden Brüder daher in seiner Schau "Wilhelm und Alexander von Humboldt" vor allem als Produkt ihrer Zeit und ihres Raums - Europa um 1800.

"Gefühl für Leben um 1800"

Das Kuratorenteam Bénédicte Savoy und David Blankenstein haben hierfür 350 Objekte aus 70 verschiedenen Institutionen zusammengetragen - Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Tagebücher, Briefe, Sammlungs- und Forschungsgestände. Leihgeber sind unter anderem die Vatikanischen Museen, der Louvre oder das Windsor Castle. Auch alle Berliner Museen hätten mitgemacht, betont Savoy, "das ist nicht selbstverständlich". 

Savoy erklärt, dass über die ersten drei Jahrzehnte des Lebens der Humboldt-Brüder wenig Wissen vorhanden sei. Sie und ihr Kollege Blankenstein hätten intensiv geforscht und so Belege gefunden, dass zum Beispiel auch Wilhelm - entgegen jeder Annahme - viel gereist sei: und zwar 9000 Kilometer durch Frankreich und das Baskenland bis an die Südküste Spaniens, um anthropologische Studien durchzuführen. In einem kleinen Museum im Baskenland hätten sie ein Gemälde gefunden (s. Bildergalerie), auf dem wahrscheinlich Wilhelm und seine Familie während ihrer langen Reise verewigt sind.

Auch den für die damalige Zeit typischen Reitsattel gibt es in der Schau zu sehen, der einen Eindruck vermittelt, wie beschwerlich Humboldts Exkursion gewesen sein muss. "Die Besucher sollen ein Gefühl dafür bekommen, wie das Leben um 1800 war", so Savoy.

Deutschland Ausstellung WILHELM UND ALEXANDER VON HUMBOLDT (DW/B. Baumann)

Der baskische Reitsattel, Cacolet, lässt erahnen, welchen Strapazen Wilhelm von Humboldt auf seiner Reise ausgesetzt gewesen sein dürfte

Wissenschaft im Mittelpunkt

Zu Beginn widmet sich die Schau im Deutschen Historischen Museum der Kindheit der beiden Brüder. Wilhelm (1767-1835) und Alexander (1769-1859) wuchsen im Schloss Tegel am Rande des damaligen Berlins auf und genossen eine umfassende Bildung im Sinne der Aufklärung - nach Rousseau sollte besonders der Forschungsdrang der Kinder gefördert werden. Theologische Dogmen und protestantische Moral hatten in ihrer Schulausbildung keinen Platz.

Im Anschluss wird das Umfeld der Berliner Gesellschaft geschildert, in der Intimität, Freiheit und Selbstbestimmung um 1800 neu verhandelt werden. Wilhelm von Humboldt praktizierte etwa mit seiner Frau Caroline - Mutter seiner acht Kinder - über vier Jahrzehnte eine offene Ehe.

Den größten Raum nehmen jedoch die wissenschaftlichen Forschungen der Humboldt-Brüder ein - mit den Amerikanischen Reisetagebücher Alexanders im Mittelpunkt. Ergänzt werden sie von einigen Instrumenten, die er auf seiner Expedition von 1799 bis 1804 nutzte, sowie von Objekten seiner Sammlungen.

Deutschland Ausstellung WILHELM UND ALEXANDER VON HUMBOLDT (DW/B. Baumann)

Um Pflanzen während der Reise vor dem Verfall zu schützen, behalf sich Alexander von Humboldt damit, sie mit Tinte zu bestreichen und auf Papier zu pressen

Bewusstsein für fragwürdige Forschungspraktiken

Naheliegend ist, dass für die Kuratoren Savoy und Blankenstein auch die aktuelle Debatte um Kolonialgut und seine Präsentation in Museen eine Rolle bei der Konzeption der Schau spielte. Bénédicte Savoy erklärt, dass man sich bewusst dagegen entschieden habe, den Schädel, den Alexander bei der Plünderung eines Grabes des indigenen Atures-Stammes an sich nahm, auszustellen. "Es ist der Kopf eines toten Menschen, den wollten wir nicht zeigen." 

Trotzdem wird das Thema in der Ausstellung nicht ausgeklammert: Ein Briefwechsel zwischen Alexander und dem Naturforscher Johann Friedrich Blumenbach belegt, dass schon damals die Plünderung eines Grabes nicht richtig erschien - aber dennoch verübt wurde. "Armes Volk, selbst in den Gräbern stört man deine Ruhe", kommentierte Alexander den Raub. 

Die Schau führt vor Augen, dass die Humboldt-Brüder von der Expansion Europas profitierten und ohne Kolonialismus das meiste Material wohl nicht nach Europa gelangt wäre.

Die Ausstellung "Wilhelm und Alexander von Humboldt" ist vom 21. November bis 19. April im Deutschen Historischen Museum zu sehen. Ein umfassendes Begleitprogramm aus Führungen, Vorträgen, Diskussionen und Filmen ergänzt die Schau.

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