Zum Musikstudium nach Deutschland | Deutschlehrer-Info | DW | 26.12.2019
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Deutschlehrer-Info

Zum Musikstudium nach Deutschland

Jeder zweite Studierende an einer deutschen Musikhochschule kommt aus dem Ausland. Wer hier sein Konzertexamen macht, hat auf dem internationalen Markt gute Chancen. Doch der Weg dahin ist nicht einfach.

Klavierprofessorin Gerlinde Otto hat in ihrem Büro ein Plakat aufgehängt: Studierende der Musikhochschule in Weimar können kostenlos Konzerte und Theateraufführungen besuchen. Ihre asiatischen Klavierschüler würden das nur leider nicht so richtig annehmen, meint sie: „Ich sage ihnen immer wieder, wie wichtig es ist, hier in Konzert und Oper zu gehen, um auch etwas über die klassische Kultur zu lernen und nicht nur das Instrument perfekt zu spielen.“

Von den 923 Studierenden der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar kommen über 46 Prozent aus dem Ausland und davon ein Drittel aus dem asiatischen Raum. Besonders Südkoreaner und Chinesen wollen hier studieren. Mit einigem Abstand folgen Studierende aus Russland und Spanien. An den anderen 24 deutschen Musikhochschulen in Deutschland sieht es ähnlich aus.

Deutschland – Klassikland

Ye Eun Choi in dem Stück Carmen an der Oper Köln (Oper Köln )

Ye Eun Choi (rechts) spielt in der Oper Carmen die Fransquita

Ye Eun Choi hat in Südkorea ihren Bachelor in Gesang gemacht. Für den Master und das Konzertexamen ist sie vor sechs Jahren nach Deutschland an die Musikhochschule in Frankfurt gekommen. Jetzt ist sie in Köln an der Oper. „In Deutschland gibt es viele Theater und Opernhäuser, da gibt es mehr Möglichkeiten als in Korea“, sagt sie gegenüber der DW. „Und das Niveau der Opern ist sehr hoch.“

Die Japanerin Kasumi Itokawa (siehe Artikelbild) steht gerade vor ihrer Masterprüfung für Harfe. „In Japan spielt man viel Harfe solo, aber ich wollte das Orchesterspiel lernen. In Deutschland, sagt sie, gebe es einfach viel mehr Angebote für klassische Musik.“ Tatsächlich gibt es in Deutschland nach Angaben des Deutschen Musikrats allein 129 öffentlich finanzierte Orchester, hinzu kommen Kammerorchester und Spezialensembles. Außerdem gibt es 80 feste Opernensembles, das sind fast so viele wie im Rest der Welt.

Klassikunterricht in Deutschland ist auch eine Prestigefrage

Klavierlehrerin Gerlinde Otto erklärt einer Schülerin etwas vor einem Klavier (Guido Werner)

Klavierlehrerin Gerlinde Otto setzt im Unterricht nicht nur auf gute Technik

Klavier ist unter den Instrumentalfächern besonders beliebt. Wer aus Deutschland mit einem Konzertexamen zurück in die Heimat kommt, hat gute Chancen, Karriere in einem Orchester zu machen oder eine Professur zu bekommen. Der gesellschaftliche Stellenwert einer Ausbildung in Deutschland ist gerade in asiatischen Ländern sehr hoch und eine Prestigefrage. „Gute Instrumente und Unterricht können ein Vermögen kosten, da gibt es dann hohe Erwartungen und viel Druck aus der Familie“, weiß Klavierlehrerin Gerlinde Otto.

Von 300 Bewerbern allein im Klavierfach würden am Ende ungefähr zehn genommen. Man muss nicht nur hervorragend spielen können, sondern auch die Sprache verstehen, mindestens auf dem Level B2. „Es kommt auch auf die musikalische Flexibilität und das Einfühlungsvermögen an“, so Otto, „nicht nur auf die Fingerfertigkeit.“

Ähnlich sei es im Dirigierkurs, sagt der Leiter des Weimarer Hochschulorchesters, Nicolás Pasquet: „Da sind wir sehr restriktiv. Wer hier dirigieren will, muss Deutsch sprechen, allein um sich mit dem Orchester zu verständigen.“ Weimar hat den Ruf einer „Dirigentenschmiede“. „Wir haben das hier uns in den letzten 20 Jahren aufgebaut und sind auf jeden Fall Nummer eins in Deutschland und auch in Europa.“

Vor dem Studium kommt die Aufnahmeprüfung

Gebäude der Musikhochschule Franz Liszt in Weimar (Alexander Burzik)

Die Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar

Gerlinde Otto hat zurzeit nur ausländische Klavierschüler, weil sie bei der Aufnahmeprüfung einfach besser waren. Das Level sei allgemein in den letzten Jahren rasant angestiegen, sagt sie – auch wegen der Asiaten, die technisch ein sehr hohes Niveau mitbrächten. Immer wieder wird in den Medien und an den Hochschulen diskutiert, ob die Prüfungen allgemein nicht anders gestaltet werden sollten: So soll es noch Raum für eine musikalische Entwicklung geben, die es sich lohnt abzuwarten, bevor man ein schnelles Urteil fällt.

Tilmann Claus ist Prorektor an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln. Auch dort kennt man das Problem und sucht nach Lösungen. „Hier in Deutschland gibt es Wettbewerbe wie 'Jugend musiziert' mit hohen Anforderungen“, sagt er. „Von den Preisträgern kommen aber nur wenige an die Musikhochschulen.“ Er vermutet, dass sich einige wegen der starken Konkurrenz erst gar nicht trauen.

Im Orchester spielen ist nicht leicht

Das Studium selbst ist aber auch für internationale Studierende aus anderen Kulturkreisen nicht einfach. Das wird besonders beim Orchesterspiel deutlich. „Für mich war es schwer, Deutsch im Orchester zu sprechen und die Anweisungen zu verstehen, aber mit der Zeit ging es besser“, sagt die Harfistin Kasumi Itokawa.


Nicolás Pasquet mit Taktstock in der Hand (Guido Werner)

Nicolás Pasquet kann mit seinen Schülern auch Spanisch sprechen

Diese Schwierigkeit kennt auch Nicolás Pasquet aus seinem Hochschulorchester. Viele müssten lernen, beim Musizieren auch auf die anderen zu hören. „In Deutschland gibt es die musikalische Früherziehung. Da hat man schon in Schulorchestern gespielt“, sagt Pasquet. „Bei jemandem aus Panama ist da nicht im Traum dran zu denken.“ Der Hochschulprofessor kommt selbst aus Uruguay und wollte in Deutschland Geige studieren. „Ich hatte niemals in einem Orchester gespielt und plötzlich saß ich im Hochschulorchester und zitterte.“

Tilmann Claus unterrichtet Tonsatz und Musiktheorie an der Musikhochschule Köln und weiß, woran es oft hapert: „Abendländische klassische Musik hat viel mit Sprache, Atem und Formgebung zu tun.“ Da müsse man sich erst einmal hineindenken, wenn man nicht aus der abendländischen Kultur komme. „Man muss wissen, was ein Menuett ist und man muss Mozarts Musik kennen.“

Auslandsbeziehungen sind wichtig

Trompeter des Hochschulsinfonieorchesters der Musikhochschule Franz Liszt in Weimar (Maik Schuck)

Gemischte Truppe: das Hochschulorchester in Weimar

Um voneinander zu lernen, gibt es zahlreiche Austauschprogramme an den Hochschulen. Jens Ewen ist in Weimar unter anderem Direktor für Internationale Beziehungen. Gerade plant die Hochschule zum Beispiel zwei komplimentäre Dirigentenausbildungen in den USA mit der Jacobs School of Music an der Indiana University in Bloomington. „Dirigieren in Weimar hat ein hohes Niveau mit vielen umliegenden Profiorchestern, mit denen man arbeiten kann“, sagt Ewen. Das gäbe es in Bloomington nicht. „Dort haben sie dafür sehr gut ausgebildete Hochschulorchester, so dass der Unterricht immer mit dem Orchester stattfinden kann, während in Weimar vieles in der Theorie gelernt wird.“

Um die Orchesterlandschaft im Umland von Weimar beneidet Prorektor Tilman Claus aus Köln seine Weimarer Kollegen. Die Hochschule für Musik und Tanz in Köln, mit 1500 Studierenden die größte in Deutschland, ist unter anderem spezialisiert auf Alte Musik, Komposition und Jazz. Außerdem kooperiert sie mit dem internationalen Opernstudio Köln. Acht talentierte Nachwuchssänger oder -sängerinnen erhalten für ein bis zwei Jahre intensiven Unterricht an der Musikhochschule – inklusive der Möglichkeit, auf der großen Opernbühne aufzutreten.

In Deutschland bleiben oder zurück in die Heimat

Gebäude der Hochschule für Musik und Tanz in Köln (picture-alliance/R. Hackenberg)

Die Hochschule für Musik und Tanz in Köln

Ye Eun Choi gehört zu diesen talentierten Sängerinnen und würde gerne in Deutschland bleiben. „In Deutschland werden Solisten an einem Opernhaus fest engagiert.“ In Korea dagegen würden Agenturen die Sänger nur für bestimmte Aufführungen vermitteln. Ihre Familie ist stolz, dass sie in Deutschland Karriere macht, besonders weil sie bei der aktuellen Produktion der Oper Carmen auf der großen Bühne in Köln dabei ist.

Kasumi Itokawa will nach ihrem Master einige Zeit in einem deutschen Orchester spielen. „Dann werde ich zurückgehen nach Japan oder in andere asiatische Länder.“ Doch der Markt ist hart umkämpft. Ohne Konzertexamen ist es in Deutschland wie in asiatischen Ländern gleichermaßen schwer, eine Anstellung zu finden. Kasumi Itokawa hat in Weimar allerdings schon Erfahrungen mit den Profiorchestern gemacht und hofft deshalb, doch eine Stelle zu finden. Freunde hätten es schließlich schon geschafft. Warum also nicht auch sie?

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