Zum Baden in den Wald - ohne Wasser | Wissen & Umwelt | DW | 01.08.2018
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Wissen & Umwelt

Zum Baden in den Wald - ohne Wasser

Wer Ruhe und Kraft braucht, findet diese im Wald. Erholungssuchende, die zwischen Bäumen spazieren oder diese sogar umarmen, können auf eine Tradition in Japan verweisen. Dort gibt es Waldbaden auf ärztliche Anordnung.

Einfach in den Wald gehen? Das geht so nicht mehr! Nicht nur, weil gerade jetzt auf Grund der anhaltenden Trockenheit akute Waldbrandgefahr herrscht und äußerste Vorsicht angebracht ist beim Betreten des Unterholzes.

Der Wald will in jedem Zustand und in allen Jahreszeiten mit allen Sinnen begriffen werden. Darauf weisen immer mehr Bücher, Anleitungen, Workshops und Seminare zum Thema "Waldbaden" hin.

Um es gleich vorweg zu sagen: Das hat nichts mit Baden in einem See zu tun, und auch nicht mit einer erfrischenden Pause an einem Waldbächlein mit den Füßen im Wasser. "Waldbaden" nennen Japaner den achtsamen Aufenthalt im Wald. Sicher hat auch der Forstwissenschaftler Peter Wohlleben mit seinen Bestsellern wie "Das geheime Leben der Bäume" dazu beigetragen, das Thema ins Gespräch zu bringen.

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Wertvoller Wald

Nun also werden allmonatlich Waldbade-Führer nebst praxisbezogenen Anleitungsbüchlein und Angebote für sensitive Waldtrainings auf den Markt gebracht - auf Basis der Natur-Therapie "Shinrin Yoku". Der Trend ist nicht neu, sagt die ausgebildete Natur- und Wildnispädagogin Ina Schmitt, die sich intensiv mit Waldbaden beschäftigt hat. In ihrem Buch geht es darum, dass der Mensch dabei eine besonders innige Verbindung zu der Natur eingeht. Sie nennt das den "biophilen Effekt". Dem zugrunde liegt der Wunsch nach qualitativ hochwertigem Leben, Spiritualität, Frieden und Umweltschutz. 

Die Philosophie der biophilen Waldbegegnung

Pionier der Bewegung ist Yoshifumi Miyazaki. Er bringt aktuelle umweltmedizinische Erkenntnisse, die Waldtherapieforschung japanischer Wissenschaftler und altes Wissen fernöstlicher Lebensweisen zusammen.

67 Prozent der Landfläche Japans besteht aus Wald - einerseits. Andererseits ist der Mensch ursprünglich Teil der Natur. Er lebt in Einklang mit Wald und Feld, während sich der Mensch in westlichen Kulturen anmaßt, über der Natur zu stehen.

Doch ist er nicht doch ein Teil von ihr? Dient der Wald doch seit Millionen Jahren als Schutz, seine Früchte und Tiere als Nahrungspotential, sein Holz als Heizung und Einnahmequelle. Und nicht zuletzt als Sauerstoffspeicher und Heiltherapie-Ort.

"Die Natur wird immer nur weiter genutzt", kritisiert Waldbaden-Expertin Ina Schmitt. "Wir könnten uns ein Beispiel an den Indianern nehmen. Deren Philosophie lautet: Wir sind die Hüter der Erde." Die Menschen könnten beginnen zu hinterfragen, ob die Natur die Menschen vielleicht auch brauche. Schmitt hat sich schon als Kind gern im Wald aufgehalten und bestätigt, dass regelmäßiger Aufenthalt im Wald das Immunsystem stärkt und das Stressempfinden gleichzeitig senkt. Das Grün der Pflanzen und die chemischen Botenstoffe der Waldbotanik wirken beruhigend auf reizüberflutete Zeitgenossen, ist sie überzeugt.

Japan Kyoto - Moosgarten Saiho Ji oder Koke-Dera (Imago/Leemage/M. Guillemot)

Es grünt so grün! - typisch japanischer Moosgarten in Kyoto

Gerade in Japan leiden die Menschen seit Jahrzehnten an Leistungsdruck, Reizüberflutung, Verpflichtungen, die die heimische Kultur vorgibt, am Wohnen auf engstem Raum. Sogar die Politik sah sich genötigt, einzugreifen: 1982 empfahl das Ministerium für Landwirtschaft, Forsten und Fischerei den Landsleuten, sich mehr in der Natur aufzuhalten.

Wenige Jahre später begannen Forscher, sich mit möglichen Wirkungen der Naturtherapie auseinanderzusetzen. Die Universität Chiba und das Forestry and Forest Products Research Institute arbeitete mit 756 Probanden, die sich regelmäßig im Wald aufhielten.

Bei allen ergaben Messungen niedrigere Werte bei Pulsfrequenz, der Produktion des Stresshormons Cortisol und in der Aktivität des Sympathikus. Die für die Immunabwehr relevanten NK-Zellen hatten sich indes erhöht. Dieser Anstieg ließ sich in den Studien auch noch sieben Tage, bei einzelnen männlichen Probanden sogar bis 30 Tage, nach dem letzten Waldbesuch nachweisen.

Wo die Sinne Entfaltung erfahren und die Seele zu baumeln beginnt

Voraussetzung ist das achtsame Erfahren des Waldes: Mit tiefen Atemzügen nimmt der Organismus den reichlich vorhandenen Sauerstoff auf. Barfuß tasten sich die Füße über federndes Moos oder weichen Humus, stellen den Kontakt zur Erde her. Finger erkunden strukturreiche Baumrinde oder die einzelnen Ähren von Kiefernzapfen.

Die Augen saugen die unterschiedlichen Grün- und Brauntöne auf und den individuellen Wuchs der Bäume. Sie entdecken den Unterschied zwischen einer dunklen Nadelbaumschonung und einem lichten Buchenhain, spüren bei der Umarmung eines Baumstammes, die Kraft, die sich von der Wurzel bis zur Krone erstreckt. 

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Waldgeflüster

 Die Nase erschnuppert den Duft von frischem Baumharz, den modrigen Geruch zerfallenden Laubs im Unterholz, organische Duftstoffe (Terpene). Zwischendurch ruht der Körper auf einer harten Bank oder der Geist meditiert auf einem unebenen Baumstumpf. Die Zunge labt sich an gesammelten Heidelbeeren.

Man sieht die zarten sich entwickelten Knospen im Frühjahr, spürt die kühlende Wirkung der Blätter im Sommer, erblickt den aufsteigenden Nebel im Herbst und hört die Stille des Waldes im Winter, die nur durch ein Knirschen unterbrochen wird, dass der Waldgänger selbst beim Gehen durch frisch gefallenen Schnee verursacht. 

Im Seminar lernen, die Lebensqualität zu verbessern

Ina Schmitt organisiert Wald-Seminare. Bei ihr lernen die Teilnehmer praxisnah, bewusst zu entspannen, Kraft aus der Natur zu schöpfen, Selbstvertrauen zu gewinnen, eigene Grenzen zu erfahren, den Wert der Natur zu erkennen und zu schätzen, sich in der Natur heimisch zu fühlen. "Man kann auch mit dem Wald kommunizieren", sagt die passionierte Waldgängerin: "Als ich einmal traurig war, sah ich im Wald einen Baum mit einem Astloch, das einem tränenden Auge glich. Ich dachte, der Baum teilt mit mir mein Leid und ich fühlte mich gleich besser." 

Deutschland Internationaler Tag des Waldes (picture-alliance/dpa/P. Pleul)

Sich von der Sonne küssen lassen - Lichtblicke im Fichtenwald

Schmitt animiert ihre Gäste, eine Fährte aufzunehmen, sich einmal von Neugier führen zu lassen oder intuitiv einen herumliegenden Gegenstand aufzuheben. Ein Manager, der sehr gestresst wirkte, habe eine Feder aufgegriffen. Das Symbol habe ihm gezeigt, mehr Leichtigkeit in seinem Leben zu integrieren.

"Der Wald hat immer Antworten, sofern man sich auf eine Kommunikation einlässt", sagt Ina Schmitt. Man müsse jedoch erst einmal den Alltag hinter sich lassen und zu sich kommen. "Der Wald wirkt als Ganzes: die Farben, die Lichtspiele, die sauerstoffreiche Luft, die unterschiedlichen Formen, die Geräusche, der Wind, die Feuchtigkeit. Er wirkt auf Körper, Geist und Seele", erläutert die Autorin des Buches "Die heilsame Kraft des Waldes".

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Der Wald als Lebensgrundlage

Zwei bis drei Stunden solle man sich schon in bewaldetem Terrain aufhalten, empfiehlt sie, ohne Handy und keinesfalls rennen, sondern mit Bewusstheit schreiten, im Jetzt sein. "Wir müssen uns mehr der Natur zuwenden und ehrfürchtig ihr gegenüber sein, um ihre Wertigkeit zu erkennen", betont Ina Schmitt. Sie selbst frage sich regelmäßig, wie die Menschen der Natur nützlich sein können. Die Zeit im Wald nutzt sie zur Wahrnehmungsschulung , in dem sie die Frage stellt: "Was kann ich noch sehen, was dem Auge bisher verborgen blieb?" 

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