Zahl der Kirchenaustritte sprunghaft gestiegen | Aktuell Deutschland | DW | 19.07.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Zahl der Kirchenaustritte sprunghaft gestiegen

Die katholische Kirche dürfte so dem Missbrauchsskandal Tribut gezollt haben. Doch dies ist nicht der einzige Grund für den Exodus der Gläubigen. Denn auch die evangelische Kirche muss eine große Abwanderung hinnehmen.

Video ansehen 06:44

Opfervertreter fordert staatliche Aufarbeitung und Einbeziehung Betroffener

Insgesamt traten aus der evangelischen Kirche rund 220.000 Menschen aus, 11,6 Prozent oder etwa 20.000 mehr als im Jahr 2017. Aus der katholischen Kirche traten 216.000 Menschen aus, fast 50.000 mehr als 2017, womit die Zahl der Austritte um 29 Prozent stieg. Nur im Jahr 2014 hatte die Zahl mit 217.716 noch höher gelegen. Damit zählt die katholische Kirche nun noch 23,002 Millionen Mitglieder, über 300.000 weniger als im Jahr 2017. Die Zahl der Protestanten verringerte sich um 1,8 Prozent auf 21,14 Millionen.

"Misstrauen entstanden, Glaubwürdigkeit verspielt"

Beim Kirchenaustritt müssen keine Angaben zu den Gründen gemacht werden. Allerdings stand gerade die katholische Kirche in Deutschland im vergangenen Jahr wieder deutlich wegen ihres Missbrauchsskandals in der Kritik. Eine von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichte Studie hatte massive Missstände auch bei der Aufarbeitung des seit Jahren bestehenden Skandals offenbart.

Der Sekretär der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer (Foto: picture-alliance/dpa/M. Murat)

Der Sekretär der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer

Der Sekretär der Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer, nannte die aktuelle Statistik "besorgniserregend". Es gebe nichts zu beschönigen. "Wir verstehen, wenn durch Entfremdungsprozesse oder einen großen Vertrauensverlust Misstrauen entstanden ist und Glaubwürdigkeit verspielt wurde." Langendörfer verwies darauf, dass die Kirche mit dem sogenannten synodalen Weg das im Missbrauchsskandal verlorene Vertrauen wieder zurückgewinnen will.

"Jeder Austritt schmerzt"

"Jeder Austritt schmerzt", erklärte auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Anders als früher entschieden die Menschen heute frei, ob sie der Kirche angehören wollten - deshalb müsse diese noch deutlicher machen, dass die christliche Botschaft eine starke Lebensgrundlage sei.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (Foto: picture-alliance/dpa/C. Gateau)

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

In den Gemeinden der beiden großen christlichen Kirchen sorgt derzeit eine bereits vor Wochen veröffentlichte Langfristprognose der beiden Kirchen für Aufregung, die bis 2060 ein weiteres erhebliches Schrumpfen der Mitgliederzahlen prognostiziert. Als Konsequenz wird in den Kirche auch darüber diskutiert, wie die Finanzierung der bisherigen kirchlichen Aktivitäten und der Unterhalt der Gebäude gelingen kann.

"Reformprozess mutig und entschlossen vorangehen"

Katholische Laien forderten ihre Bistümer auf, als Konsequenz aus der Statistik Reformen anzugehen. Der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Stefan Vesper, erklärte, die Zahlen müssten Ansporn sein, den Reformprozess "mutig und entschlossen voranzugehen".

Die gegenüber der Amtskirche kritische Bewegung "Wir sind Kirche" erklärte, der synodale Weg müsse erst noch beweisen, dass grundlegende Reformen möglich seien. Außerdem hätten alle bisherigen wohlklingenden Ankündigungen zur Neugestaltung der Gemeinden keine Wirkung gezeigt, dies zeige sich an den "erschütternd" gesunkenen Zahlen der Gottesdienstteilnehmer. Demnach gehen im Schnitt nur noch 9,3 Prozent der Katholiken zum Sonntagsgottesdienst, nach 9,8 Prozent vor einem Jahr und 10,2 Prozent im Jahr 2016.

Beide Kirchen verlieren schließlich Mitglieder auch durch den demografischen Wandel. Die Zahl der Taufen, Neueintritte und Wiedereintritte liegt deutlich unter der Zahl der kirchlichen Bestattungen. So ging die Zahl der Taufen in der katholischen Kirche auf 167.787 zurück. Dem stehen rund 243.705 Bestattungen gegenüber. Die evangelische Kirche verzeichnete 170.000 Taufen und 340.000 Bestattungen.

sti/uh (afp, dpa, kna, epd)

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema