YouTube sehen mit dem linken Auge | Politik & Gesellschaft | DW | 18.01.2020
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Internet

YouTube sehen mit dem linken Auge

Spätestens das Rezo-Video im vergangenen Jahr hat gezeigt: Social Influencer haben großen Einfluss. Was vor allem linke Youtuber rechten Pöbeleien und Hatespeech im Netz entgegensetzen, hat nun eine Stiftung untersucht.

Da sitzt er vor der Kamera, mit weißer Krawatte, in einer Art Latex-Hemd neben einer Weltkugel - und erklärt die Welt. Zum Beispiel, was es eigentlich mit "Queer" auf sich hat, und wie gut es ist, dass sich die Zeiten seit den 90ern geändert haben, wo etwa, wie der Influencer erklärt, homosexuelle Frauen als frigide Bücherwürmer denunziert worden seien ("a librarian - that needed a good f ..."). Politisch incorrect? Nur auf den ersten Blick. Shocking? Höchstens für verkniffene Zeitgenossen.

Oliver Thorn heißt der Mann im Latex-Hemd. Er zählt mit seinem Youtube-Kanal "Philosophy Tube" zu einer Generation von neuen Influencern, die sich linken Themen zuwenden. Auf unterhaltsame Weise, mit in Teilen aufwändig produzierten Videos.

 

Im Pelzmantel mit Schampus

Dass sich die YouTuberin Natalie Wynn mit ihrem Channel "ContraPoints" nach eigener Darstellung mit "sex, drugs, and social justice" beschäftigt, kann man nicht nur als Anspielung auf die wilden Zeiten etwa der Rolling Stones verstehen, sondern auch als aufklärerischen Anspruch. Kostprobe gefällig?

"I like stuff, and I like shiny things", flötet die selbsterkorene Luxus-Tussi. Im Video "What's wrong with capitalism (Part 2)", knallt sich die Wynn, deren Anhänger ihren bissigen Humor schätzen, im Pelzmantel vor ihre Kamera und nölt:  "I like this, and I like this, and I like this". Das und das und das sind: eine Nobelhandtasche, lackierte Fingernägel und eine Flasche - pardon, Werbung - Moet-Champagner. Ein Glas auf ex getrunken, ein wenig damenhafter Rülpser - und schon da könnte den Betrachtern klar sein, was falsch läuft im Kapitalismus. "Ich bin nur ein Dummkopf, der glänzende Sachen mag", schiebt die Kunstfigur noch nach.

Es ist nicht bekannt, ob die Digitalexperten der linken Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin da schallend gelacht oder zustimmend mit dem Kopf genickt haben. Auf jeden Fall ist ihnen die Influencerin sehr vertraut, weil sie zu den führenden Vertretern einer neuen YouTube-Szene gehört, die der Neuen Rechten entgegentreten. Die Stiftung hat in einem Bericht zusammengetragen, welche Webvideos es von "linken politischen Influencer*innen" gibt. Der Überblick kann denjenigen Mut machen, die über rechtsextreme Verschwörungstheorien und Hasstiraden mitunter verzweifeln könnten.

Wer achtmal am Tag lügt ...

"Die öffentliche Diskussion weist häufig auf die Gefahren durch rassistische, antisemitische, antifeministische und verschwörungstheoretische Inhalte auf YouTube hin", fasst Henning Obens das landläufige Bild zusammen. "Das ist ja ein Ort, wo man sehr schnell in den Strudel von Verschwörungstheorien geraten kann", sagt Obens, Referent für digitale Kommunikation der Rosa-Luxemburg-Stiftung, im Gespräch mit der Deutschen Welle. Nach seinen Worten hat die linke politische Szene erkannt, dass sie hier gegensteuern muss, "im Sinne einer linken politischen Aufklärung und der Wahrheit, der wir uns verpflichtet fühlen. Wenn ein Donald Trump achtmal am Tag im Internet lügt, nimmt ihm das seine Anhängerschaft nicht übel. Wenn ein Linker das tut, wird er im linken Spektrum nicht mehr ernst genommen." Trump, der ja mit Begriffen wie "Fake News" oder "Witch hunt" auf Twitter nicht gerade sparsam umgeht. 

 

Die Stiftung hat in der Studie - Autoren sind die Wissenschaftler Marius Liedtke und Daniel Marwecki - herausgefunden, dass sich gerade in den USA und Großbritannien etliche linke und radikal linke YouTuber etabliert haben. Sie sind im Netz unter den Suchbegriffen "LeftTube" oder "BreadTube" (der Name entstand in Anlehnung an das Buch "Die Eroberung des Brotes" des russischen Anarchisten Pjotr Kropotkin aus dem Jahr 1892) gebündelt zu finden. "BreadTube" firmiert dabei auch als "youtube, but good". Schon hier wollen die Macher deutlich werden lassen, dass sie "die Guten" sind.

In der Untersuchung mit dem Titel "Von Influencer*innen lernen - YouTube & Co. als Spielfelder linker Politik und Bildungsarbeit" wird auch deutlich gemacht, wie wichtig solche Kanäle für eine junge Zielgruppe sind. So nutzen der Studie zufolge 96 Prozent der 18- bis 24-jährigen US-amerikanischen Internet-User Youtube. 

Weiterbildungen für YouTuber

Diese Szene zu akzeptieren, war für linke Protagonisten nicht selbstverständlich. "Die politische Linke ist verständlicherweise skeptisch, was die Nutzung Sozialer Medien betrifft", schreibt Obens in der Studie. Denn Internetkonzerne verdienten dort Milliarden, und über Bot-Netzwerke würden dort systematisch Informationen verarbeitet. Aber seit dem Erscheinen der Studie "bekomme ich zum Beispiel sehr viel positives Feedback von Bundestagsabgeordneten", sagt Obens. Das Interesse an der Szene geht so weit, dass die Stiftung demnächst auch eine Weiterbildung für YouTuber anbietet, um zum Beispiel Netzwerke zu ermöglichen. "Eine Linke, die in zehn Jahren noch ernst genommen werden will, muss sich auch auf diesen Plattformen bewegen", betont Obens. 

Womit wir im deutschsprachigen Bereich wären. Und da sieht es nicht ganz so entwickelt aus. "Eine derart reichhaltige Landschaft linker Aktivisten auf YouTube wie im englischsprachigen Raum existiert im deutschsprachigen Raum nicht", heißt es in der Studie. Hintergrund: Nur wenige etablierte linke Größen wie Parteien, Stiftungen und Medien hätten es geschafft, "ihr gesellschaftliches Gewicht auch nur ansatzweise in den Webvideo-Bereich zu übertragen", so die Untersuchung. Bei den linken politischen Influencern ist der Rosa-Luxemburg-Stiftung unter anderem der Kanal von Rayk Anders aufgefallen (siehe oben). Dort reicht das Themenspektrum explizit "von Merkel bis Erdogan, von Religion bis Fußball." Und dass laufend Politiker zu Wort kommen oder zitiert werden, sieht man auf den ersten Blick. Die Studie weiß: Anders werde "häufig zur Zielscheibe rechter Hetze". Er beziehe sich dann oft auf "spezifische Videos von rechten YouTuber*innen wie Martin Sellner und kontert die Hetze, die aus diesen Sphären gegen ihn vorgebracht wird". Als Lohn für seinen Einsatz erhielt Rayk Anders 2018 den Deutschen Reporterpreis.