Youtube in der Schule: Digitale Revolution im Klassenzimmer | Kultur | DW | 04.06.2019
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Studie

Youtube in der Schule: Digitale Revolution im Klassenzimmer

Beinahe unbemerkt von Lehrern und Eltern spielt Youtube in der Schule eine enorme Rolle. Laut einer Studie nutzen rund die Hälfte der Schüler Videos zum Lernen. Das hat pädagogische Konsequenzen.

Youtube galt bisher vor allem als heiße Adresse für Musikvideos oder Tummelplatz für Beautyblogger und Fitnessfreaks. Doch schon das Video des Youtubers Rezo mit dem unmissverständlichen Titel "Die Zerstörung der CDU" machte kürzlich klar, dass Youtube mehr kann als Unterhaltung und Freizeitspaß. Es ist auch ein machtvolles Instrument in der politischen Auseinandersetzung und kann etablierten Parteien das Fürchten lehren.

Fast zeitgleich hat jetzt eine Studie unter 800 Schülerinnen und Schülern noch etwas anders herausgefunden. Und das ist fast so erstaunlich wie Rezos Riesenerfolg: Youtube ist ein Ort der Bildung geworden. Fast 50 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler aus Deutschland nutzen die digitale Plattform als Bildungsquelle. Sie schätzen das vielfältige Angebot an Erklärvideos. Oder wie es der Auftraggeber der Studie, der Rat für Kulturelle Bildung, ausdrückt: "Youtube ist Leitmedium und digitaler Kulturort von Jugendlichen geworden."

Youtube verändert das Lernen

Bei der Vorstellung der Studie in Berlin kritisierte Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, dass die pädagogische Dimension dieser selbsttätigen Nutzung von Youtube noch gar nicht erkannt wurde: "Die autonome Rezeption eines neuen Mediums durch Schüler wird immer wichtiger. Allerdings wird sie von Eltern und Lehrern stark unterschätzt". Dass sich die Lerngewohnheiten der Jugendlichen massiv geändert haben, ist demzufolge beinahe unbemerkt geblieben. Eine pädagogische Revolution, die sich im Stillen vollzogen hat.

Thomas Krüger (Imago Images/C. Grube)

BPB-Chef Krüger: "Von Eltern und Lehrern stark unterschätzt"

Laut Studie nutzen die Schüler Youtube vor allem, um den Lernstoff zu wiederholen, den sie in der Schule nicht verstanden haben. Auch für die Hausaufgaben, zur generellen Wissensvertiefung und zur Vorbereitung von Prüfungen finden die Schüler auf der Videoplattform viele Informationen. Nicht ganz so populär, aber doch bemerkenswert ist, dass Youtube auch für den Musik-, Kunst- und Theaterunterricht Quelle der Inspiration ist.    

Da überrascht es nicht, dass laut Umfrage neben dem Unterhaltungs- und Funfaktor auch die Kreativität und die Form der Wissensaufbereitung auf Youtube geschätzt wird.

Konsequenzen für Lehrerausbildung

Die veränderten Lerngewohnheiten müssen auch Konsequenzen für die Lehrerausbildung haben, fordern die Verfasser der Studie. Dabei geht es ihnen nicht nur darum, das sich Lehrer bei Youtube und anderen sozialen Medien auf dem neuesten Stand halten. Genau so wichtig ist es, die Selbstlern- und Selbstrezeptionsszenarien in den Unterricht einzubauen und mit der herkömmlichen Pädagogik zu verschränken. Gehe die Entwicklung hin zum selbsttätigen Lernen weiter, wird Lehrern immer stärker die Rolle des Bildungs-Coaches zuwachsen, sagen die Experten vom Rat für Kulturelle Bildung voraus.

Videostill Youtube Mathe verstehen am Beispiel einer Gleichung. Man sieht einen jungen Lehrer der an der Tafel Gleichungen aufschreibt.

Mathe-Erklärvideo auf Youtube: Bei Schülern populär

Dabei sollten die Lehrkräfte den Schülern auch Partner sein bei der kritischen Bewertung der Webvideos. Denn wie bei den politischen Nachrichten fällt es auch bei Bildungsvideos nicht leicht, die Qualität zu prüfen und richtig einzuschätzen. Wer etwa das falsche Gitarrenvideo erwischt, der bringt sich selbst eine falsche Spielhaltung bei. Auch für die kommerziellen Abhängigkeiten im Geschäftsmodell von Influencern und Youtubern müssten die Schüler sensibilisiert werden, so die Verfasser.

Doch die Experten sehen insgesamt ganz klar die Vorteile der Nutzung von Youtube-Videos. Mit dem Beschreiten neuer Wege neben den "klassischen Bildungsanstrengungen" werde sich die Qualität von Bildung spürbar verbessern. Angesichts schlechter Bewertungen für das deutsche Schulsystem in nationalen und internationalen Bildungsrankings ist das auch dringend nötig.

Auch mit Blick auf den kulturellen Bereich sehen die Experten viel Positives in den Youtube-Videos. Deren Anregungspotenzial sei so hoch, dass sich damit eine neue Form der kulturellen Teilhabe eröffne.  

Spachlosigkeit zwischen Lehrern und Jugend

Doch die Frage bleibt: Wie konnte diese Entwicklung weitgehend an Pädagogen und Elternhaus vorbeigehen? Thomas Krüger von der Bundeszentrale für politische Bildung zieht Parallelen zwischen den jüngsten Wahlergebnissen bei der Europawahl und dem Bildungssektor: So wie die Analyse zur Europawahl eine Sprachlosigkeit zwischen den ehemaligen Volksparteien und der jungen

 Youtuber Rezo mit blauen Haaren und gestikulierend

Youtuber Rezo: Ermutigende Neuigkeiten aus dem Klassenzimmer

Generation konstatiert habe, gebe es auch zwischen Lehrern und Eltern auf der einen und Schülern auf der anderen Seite ein Kommunikations-Defizit: "Das kann man durchaus parallel stellen", sagt Krüger. "Es gibt eine gewisse Sprachlosigkeit zwischen dem Curriculum, den Lehrern und der Lebenswelt der Schüler". Allerdings verweist Krüger darauf, dass im Bildungsbereich die schon existierenden digitalen Schulungs-Tutorials Brücken zwischen den Generationen bauen.

Rezo macht Hoffnung

Dass es in der Schule jetzt schon anders geht, hat auch der Youtuber Rezo berichtet: "Mich erreichen in den letzten Tagen so viele Nachrichten von Lehrern und Schülern, die gemeinsam in der Schule das Video gucken und darüber diskutieren", hat er auf Twitter verbreitet. So macht am Ende sogar der Youtuber Rezo Hoffnung für die digitale Revolution im Klassenzimmer.

Der Rat der für Kulturelle Bildung sieht sich als unabhängiges Beratungsgremium, das sich mit Lage und Qualität kultureller Bildung in Deutschland befasst. Er ist eine Initiative von Institutionen wie der Bertelsmann Stiftung, der Deutsche Bank Stiftung oder der Robert Bosch Stiftung.

Die Studie "Jugend/Youtube/Kulturelle Bildung. Horizont 2019" basiert nach eigenen Angaben auf einer repräsentativen Umfrage von unter 12- bis 19-Jährigen zur Nutzung kultureller Bildungsangebote an digitalen Kulturorten.      

Wir empfehlen ebenfalls einen Blick auf die Youtube Charts, die in Deutschland vor allem von der Jugend angeklickt werden. 

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