Wohnheimzimmer verzweifelt gesucht | Bildung | DW | 20.10.2013
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Bildung

Wohnheimzimmer verzweifelt gesucht

Sie schlafen in Turnhallen, Containern und Hostels: Viele Studierende haben zum Semesteranfang noch kein Zimmer. Doppelte Abiturjahrgänge stellen den Wohnungsmarkt in Unistädten unter Stress.

Eine Zimmerbesichtung, ein Handschlag und den Mietvertrag in der Tasche - das war gestern. Heute stehen Dutzende von Studenten in Deutschland stundenlang in einem überfüllten Treppenhaus Schlange und warten auf Einlass in eine zu vermietende Wohnung. Die Suche nach einem Zimmer in der Unistadt ist zu einem nervenaufreibenden Zeitvertreib geworden, den sich viele Studierende so schlimm nicht vorgestellt hatten.

"Ich suche schon seit Wochen nach einer Wohnung", erzählt ein Kölner Student. "Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich einen Platz bekomme, ist ganz gering, denn zu diesen offenen Wohnungsbesichtigungen kommen oft 60 Leute." Für ein bis zwei Tage reist der junge Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte, in die Studentenstadt und wohnt dann in einer kostenlosen Notschlafstelle für wohnungssuchende Erstsemester. Bis zu 15 Studierende können dort spontan unterkommen, nach insgesamt drei Wochen wird das Notlager wieder geschlossen.

Erste Hilfe: Das Notlager für Studenten

Ein Blick in die Notunterkunft im Tanzsaal eines Studentenwohnheims in Hürth-Efferen (Foto: DW/Cornelius Kämmerling)

Die Notunterkunft ist zwar spartanisch eingerichtet, aber sie bietet immerhin ein Dach über dem Kopf

Die Zeit, eine dauerhafte Bleibe zu finden, wird also knapp. Doch die Studenten sind froh, dass sie nicht mehr in teuren Pensionen oder Hostels wohnen müssen. "Schon im August und September haben Studierende mit Panik in den Augen bei uns nachgefragt, ob wir ihnen bei der Zimmersuche helfen könnten", erzählt Christopher Kohl, Referent für Soziales und Internationales beim Allgemeinen Studierenden-Ausschuss der Universität zu Köln. "Daraufhin haben wir vor einem Monat zusammen mit dem Kölner Studentenwerk ein Auffangbecken geschaffen."

Auch Andrej Homola nutzt die Notunterkunft, um von hier aus täglich weiter nach einem bezahlbaren Zimmer zu suchen. Der Erasmus-Student kommt aus der Slowakei und ist geschockt über den angespannten Wohnungsmarkt in deutschen Universitätsstädten. "Meine Mutter hat viele Freunde in Deutschland, die mit uns nach einem Zimmer gesucht haben", sagt er. Bislang ohne Erfolg. Die Verzweiflung ist dem slowakischen Studenten anzumerken. Zumal die Notunterkunft in einem ehemaligen Tanzraum des Kölner Studentenwohnheims nicht gerade gemütlich ist. Auf dem Boden liegen nur ein paar Matten, auf denen die Studierenden schlafen können.

Studentenansturm in Nordrhein-Westfalen

Wohnungsgesuche am Schwarzen Brett der Uni Köln (Foto: DW/Cornelius Kämmerling)

Wohnung, WG, Wohnheimplatz gesucht: Das Schwarze Brett an der Kölner Uni platzt aus allen Nähten ...

Köln ist nicht die einzige deutsche Studentenstadt, die mit Notunterkünften in Tanzsälen, Turnhallen oder Polizeiwachen auf den Studentenansturm reagiert. Rund 2,5 Millionen Studenten sind mittlerweile an deutschen Hochschulen eingeschrieben. So viele wie noch nie. Besonders im einwohnerstärksten Bundesland Nordrhein-Westfalen wird es seit diesem Wintersemester in den Universitätsstädten eng.

Durch die diesjährige Verkürzung der Schulzeit von 13 auf zwölf Jahre beendeten diesen Sommer zwei Jahrgänge ihr Abitur gemeinsam. Mit rund 123.000 Studierenden ist der Ansturm auf die Hochschulen in NRW fast ein Drittel höher als in den Jahren davor. Obwohl die Hochschulen schon seit 2004 mit diesem Zuwachs rechnen konnten, sind sie nur unzureichend darauf vorbereitet.

Kirchen und Kliniken schaffen Wohnraum

Aktion an der Uni Köln gegen die studentische Wohnungsnot (Foto: DW/Cornelius Kämmerling)

Die Aktion "Mein Zuhause in Köln" wirbt bei den Bürgern um freien Wohnraum für Studierende

Seit Anfang des Jahres haben sich die Bewerberzahlen auf einen Wohnheimplatz des Kölner Studentenwerks mit 19 Prozent deutlich erhöht. Die Geschäftsführung suchte daher aktiv nach Zwischenlösungen und hat in der katholischen Kirche einen Partner gefunden. Von der Kirche mietet das Studentenwerk für drei bis sechs Jahre ein Haus in Köln, um es in der Rolle als Generalmieter an Studierende weiterzugeben. Ab Mitte November wird dieses Übergangswohnheim bezugsfertig sein. Des Weiteren ruft die Initiative "Mein Zuhause in Köln" die Kölner Bürger auf, ihren freien Wohnraum Studierenden zur Verfügung zu stellen. Seit Anfang des Jahres sind auf dem Portal 1200 Wohnplätze registriert und knapp 1000 vergeben worden.

Ähnliche Hilferufe haben die Studentenwerke auch in anderen Städten gestartet. Denn trotz des Studentenansturms ist die Zahl der Wohnheimplätze in Deutschland insgesamt kaum gestiegen. Für die rund 2,5 Millionen Studierenden gibt es gerade mal 230.000 öffentlich geförderte Wohnheimplätze. Um die Not zu lindern, wird in Bochum ein Priesterseminar zum Wohnheim umgebaut, in Siegen ein Schwesternwohnheim. Die Zimmer, die die Studentenwerke vermieten, sind mit 200 Euro pro Monat günstig - und deshalb besonders begehrt. Doch die Wartezeit beträgt etwa in Berlin, wo für 160.000 Studierende nur 9500 Wohnplätze des Studentenwerks zur Verfügung stehen, zwei Jahre.

Teure, aber schnelle Lösung: Schiffscontainer

Ein Arbeiter einer Möbelfirma räumt im Studentendorf Plänterwald in Berlin Möbelstücke in einen Schiffscontainer (Foto: dpa)

Klein, aber fein: In die Schiffscontainer in Berlin-Treptow sollen bald die ersten Studenten einziehen

Eine private Alternative für Studierende ist deutlich kostenintensiver, aber auch mit mehr Coolness-Faktor behaftet: In Berlin-Treptow lässt Jörg Duske im Studentendorf Plänterwald bis zu 410 Schiffscontainer aufstellen, die zu Einraumwohnungen umgebaut werden. Für 389 Euro Warmmiete wohnt man zwar fast doppelt so teuer wie im Studentenwerk, dennoch ist auch hier der Andrang groß. Bisher reihen sich schon 230 Interessierte in die Warteliste für die ersten 15 Schlafplätze ein.

Duske plant weiter und sucht nun deutschlandweit Grundstücke in Großstädten, um den Bedarf an Wohnraum mit seinem Containerprojekt zu decken. Unter Realbedingungen getestet werden die Container voraussichtlich ab November dieses Jahres, dann sollen die ersten Studierenden einziehen. Bis dahin bleibt vielen Wohnungssuchenden nur weiterhin die Option, im Treppenhaus auf Einlass zu warten.

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