Wohnen in der Stadt - ein teures Vergnügen | Deutschland | DW | 10.09.2013
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Wohnen in der Stadt - ein teures Vergnügen

Die Mieten in deutschen Großstädten steigen so rasant, dass sich dort immer weniger Menschen eine Wohnung leisten können. Der Ruf nach mehr Sozialwohnungen wird lauter. Aber sind sie eine geeignete Alternative?

Stellen Sie sie sich eine Seniorin vor, die alleine in einer großzügigen Münchener Stadtwohnung lebt. Weil sie schon 20 oder 30 Jahre hier wohnt, zahlt sie eine vergleichsweise geringe Miete. Jetzt möchte die Frau in eine kleinere Wohnung ziehen, da sie die meisten ihrer Zimmer nicht nutzt. Ihr Problem: Weil die Mieten in den vergangenen Jahren so stark gestiegen sind, ist eine kleinere Wohnung eine Straße weiter nicht günstiger als ihre alte Bleibe. Vielleicht muss sie sogar mehr zahlen als bisher.

Ulrich Ropertz ist Pressesprecher des Deutschen Mieterbundes e.V. (Foto: Deutscher Mieterbund e.V.)

Ulrich Ropertz: "Der Staat ist gefordert"

So oder so ähnlich geht es vielen Wohnungssuchenden in beliebten Städten wie Hamburg, München oder Freiburg, sagt Ulrich Ropertz. Er ist Pressesprecher des Deutschen Mieterbundes, einem Verein, der sich für die Belange von Mietern in Deutschland einsetzt. Immer mehr Menschen möchten in die Stadt ziehen. "Und die, die in der Stadt leben", sagt Ropertz, "ziehen nicht aus der Stadt hinaus." Ein weiteres Problem: Es werden nicht genug neue Wohnungen gebaut. "Wir erleben derzeit eine hohe Nachfrage in den Großstädten", sagt der Immobilienökonom Michael Voigtländer vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Als ein Beispiel nennt er die deutsche Hauptstadt: 2011 seien in Berlin 6000 Wohnungen gebaut worden, die Zahl der Bürger sei aber im gleichen Zeitraum um rund 41.000 gewachsen.

Guter Wohnraum ist teuer und begrenzt

Wer zurzeit nach einer Stadtwohnung sucht, hat es also schwer. Guter Wohnraum ist teuer und begrenzt. Nach Angaben des Deutschen Mieterbundes zahlten die Münchener mit 9,99 Euro pro Quadratmeter im Jahr 2009 die deutschlandweit höchsten Mieten. Auch in anderen begehrten Städten wie Wiesbaden, Stuttgart und Köln müssen Mieter mindestens 7,30 Euro pro Quadratmeter für eine 65 Quadratmeter große Wohnung in mittlerer Lage mit mittelmäßiger Ausstattung zahlen. Zum Vergleich: In weniger beliebten Städten wie Brandenburg an der Havel oder Eberswalde werden laut Mieterbund nur 3,50 Euro fällig.

Vermieter können den Preis für eine neu vermietete Wohnung in der Regel selbst bestimmen. "Wir haben eine gesetzliche Regelung, die eigentlich festlegt, dass Vermieter bei Abschluss eines Mietvertrages fordern können, was sie wollen, es gibt keine gesetzliche Begrenzung", sagt Ulrich Ropertz vom Mieterbund. Dies führe dazu, dass Mieter, die einen neuen Mietvertrag abschließen, "20, 30 und sogar 40 Prozent mehr als die vor Ort übliche Vergleichsmiete" bezahlen.

Sozialwohnungen: lange Tradition in Deutschland

Der Deutsche Mieterbund sieht jetzt den Staat in der Verantwortung, gegen die explosionsartigen Mietpreise vorzugehen. Auf allen politischen Ebenen - von der Kommune bis zum Bund - müsse mehr für die soziale Wohnraumförderung getan werden. Bisher sei aber genau dies versäumt worden. "Die Politik ist davon ausgegangen, dass Deutschland schrumpft", sagt Ropertz. Dies sei zwar richtig. Aber viel entscheidender als die Gesamtbevölkerung sei die Zahl der Haushalte. Und die nimmt zu - zumindest in den Ballungsräumen. Denn gerade hier leben immer mehr Menschen allein in einer Wohnung.

Luftaufnahme der Gropiusstadt in Berlin - (Foto: Soeren Stache/dpa)

Sozialer Wohnungsbau kann - wie hier in Berlin Gropiusstadt - zu Ghettoisierung führen

Um gegen die Wohnungsknappheit vorzugehen, fordert der Mieterbund mehr Investitionen in sogenannte Sozialwohnungen. Das sind staatlich geförderte Wohnungen, deren Mieten einen bestimmten Betrag nicht überschreiten dürfen. Dadurch können sich auch Menschen mit schlechtem Einkommen eine Bleibe in beliebter Lage leisten. Sozialwohnungen haben eine lange Tradition in Deutschland. Schon in der Zeit der "Weimarer Republik", also in den 1920er Jahren, entstanden die ersten Siedlungen, die Menschen mit nur geringem Einkommen ein gutes Wohnumfeld bieten sollten.

Sozialwohnungen kommen nicht nur Bedürftigen zugute

Michael Voigtländer vom Institut der deutschen Wirtschaft ist hingegen skeptisch, ob zusätzliche Sozialwohnungen das Problem lösen können. Ihre Nachteile seien größer als ihre Vorteile: "Man kann immer nur für eine kleine Gruppe von sozial schwachen Menschen Wohnräume schaffen. Oftmals sind die Grenzen ja auch sehr weit. Also in Köln beispielsweise qualifizieren sich etwa 50 Prozent der Mieter für einen Wohnberechtigungsschein. Das heißt, die soziale Treffsicherheit ist nicht besonders groß." Mit anderen Worten: Die staatlich subventionierten Wohnungen kommen nicht nur tatsächlich Bedürftigen zugute, sondern auch Menschen, die sich auch teurere Appartements leisten können.

Michael Voigtländer ist Immobilienökonom am Institut der deutschen Wirtschaft Köln - (Foto: Privatarchiv)

Michael Voigtländer: "Wohnen am Stadtrand ist eine Überlegung wert"

Ein anderer Negativeffekt des sozialen Wohnungsbaus kann eine sogenannte Gettoisierung sein - in Stadtteilen, wo überdurchschnittlich viele Häuser mit Sozialwohnungen errichtet wurden. Diese Viertel kommen schnell in einen schlechten Ruf, weil hier überdurchschnittlich viele Arbeitslose und Geringverdiener leben. Wer es sich leisten kann, zieht dann lieber in eine andere Gegend.

"Mietpreisbremse" in München eingeführt

Sozialwohnungen alleine stellen also keine ausreichende Lösung dar, um das Wohnen in beliebten Städten wie Düsseldorf und Hamburg wieder bezahlbarer zu machen. Der Mieterbund fordert daher zusätzlich die Einführung einer "Mietpreisbremse". Wie der Name schon verrät, soll damit verhindert werden, dass die Mieten beliebig erhöht werden können. Die bayerische Landesregierung hat gerade erst eine solche Maßnahme für München und andere Kommunen im Bundesland Bayern beschlossen.

Solange die Mietpreise aber immer weiter steigen, müssen sich Mieter in den Metropolen selbst zu helfen wissen. Michael Voigtländer gibt Wohnungssuchenden daher einen Rat: "Es ist schon sinnvoll zu überlegen, ob man nicht auch etwas aus der Stadt hinauszieht. Es gibt auch viele bevorzugte Lagen, die über eine gute Verkehrsanbindung verfügen." Also: raus aus der Stadt!

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links