Wofür steht das Kreuz? | Deutschland | DW | 25.04.2018
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Das Kreuz in öffentlichen Gebäuden

Wofür steht das Kreuz?

Vom 1. Juni an soll in jedem Dienstgebäude in Bayern ein Kreuz hängen. Das hat die Landesregierung unter Ministerpräsident Söder beschlossen. Bischöfe finden den Schritt richtig. Viele Theologen reagieren empört.

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Glaubenssachen - Das Geheimnis des Kreuzes

Markus Söder hat es geschafft. Auf fast jeder Titelseite bayerischer Zeitungen findet sich das Foto des noch jungen Landesvaters mit dem Kreuz in der Hand. Das Zeichen als Symbol. Söder, so die Botschaft, bringt das Kreuz nun in jedes Dienstgebäude des Freistaats.

Das Kreuz solle als "sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland" jeweils im Eingangsbereich angebracht werden, kündigte die Staatskanzlei in München an. 

Doch der Vorstoß sorgt für Widerspruch und heftige Kritik. Am schärfsten wurde FDP-Chef Christian Lindner. Er warf Söder vor, Religionen permanent für die Parteipolitik zu instrumentalisieren. "Das erinnert geradezu an Erdogan", twitterte er. Der Linken-Bundestagsabgeordnete Jan Korte sprach von einem "verfassungswidrigen Kruzifix-Dekret". Söder spalte damit das Land.

Lob von Bischöfen, vernichtende Kritik von anderen Theologen

Bamberger Erzbischof Ludwig Schick (picture alliance/dpa)

Bamberger Erzbischof Schick: Kreuz ist "kein Identitätszeichen irgendeines Landes oder eines Staates"

Auf offizieller kirchlicher Seite sind die Reaktionen natürlich nicht so heftig. Zwei Bischöfe äußerten sich diplomatisch wohlwollend. Vielleicht müssen sie sich letztlich moderat zeigen. Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm sagte dem Bayerischen Rundfunk, ein Kreuz an der Wand bedeute eine "Selbstverpflichtung". Das Kreuz stehe für Menschenwürde, Nächstenliebe und Humanität. An diesen Maßstäben müsse sich auch politisches Handeln messen lassen. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick sagte im Kölner Domradio, das Kreuz sei "kein Identitätszeichen irgendeines Landes oder eines Staates". Aber es könne die Menschen Liebe und Solidarität lehren.

Doch Theologen äußern sich deutlich kritischer.  "Wer politisch das Kreuz so instrumentalisiert, begreift nicht mal im Ansatz die vom Apostel Paulus genannte 'Torheit' des Kreuzes  (1Kor 1,18), die Stachel im Kreuz der Mächtigen und Hoffnungszeichen für die Schwachen und Entrechteten ist", sagt der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller der Deutschen Welle. Die Begründung "mit geschichtlicher und kultureller Prägung" reduziere das Kreuz "zu einem bloßen Symbol der Folklore". Schüller nannte den Kreuzbeschluss verfassungsrechtlich "grenzgängig, weil er eine zu starke Identifikation mit einer Religion sein kann, obgleich der Staat sich weltanschaulich neutral zu verhalten hat". Der Bochumer Theologe Georg Essen sprach von "Blasphemie". Das Kreuz sei ein "christliches Symbol für die Erlösung", kein "sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern". Wenn die Kirchen "theologisch auch nur einigermaßen bei Trost sind, sollten sie dieser Instrumentalisierung des Kreuzes zum ausgrenzenden Identitätsmarker energisch widersprechen". Nur zwei von mehreren deutlichen Stimmen.

Kulturkämpferisches im Wahljahr

Oberammergau (picture-alliance/dpa/T. Hase)

Das Kreuz in den Passionsspielen Oberammergau

Der Streit um das Kreuz hat etwas Kulturkämpferisches. Und er erinnert an eine erbitterte Auseinandersetzung in den 1990er Jahren. Damals hatte das Bundesverfassungsgericht zum Ende eines mehrjährigen Rechtsstreits eine Vorgabe Bayerns für verfassungswidrig erklärt und gekippt, nach der in jedem Klassenraum einer bayerischen Volksschule ein Kruzifix oder Kreuz hängen müsse. Der Staat selbst dürfe nicht eine weltanschauliche Position beziehen. Dieser Richterspruch aus Karlsruhe sorgte in Bayern für Empörung bis hin zur Großdemonstration in München, bei der katholische Bischöfe und CSU-Politiker Seit' an Seit' vor Einschränkungen der Glaubensfreiheit warnten. Letztlich blieb es beim Regelfall, dass das Kreuz in Schulräumen bleibt. Aber in begründeten "atypischen Ausnahmefällen", so die offizielle Regelung, wird dieses Kreuz abgehängt - wenn also eine Lehrperson oder Eltern auf Entfernung bestehen.

Die aktuelle Diskussion ist deshalb so brisant, weil Bayern am 14. Oktober einen neuen Landtag wählt. Die CSU fürchtet ein Erstarken der rechtspopulistischen AfD und setzt dagegen auf Streitthemen wie die Innere Sicherheit, Abgrenzung vom Islam und kulturelle Identität. Dafür steht Markus Söder, der vor wenigen Wochen das Amt des Ministerpräsidenten von CSU-Chef Horst Seehofer übernahm. Und stärker als im Streit von 1995 verkauft die Landesregierung das Kreuz nun als Zeichen von (bayerischer) Identität, nicht als Bekenntnis eines Glaubens. 

Die Bundesregierung in Berlin sieht übrigens keinen Bedarf, sich an dem Vorgehen Söders zu orientieren oder das Vorgehen Bayerns zu kommentieren. Er wisse von keinen Plänen der Regierung, ähnlich zu handeln, erklärte der Sprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Steffen Seibert.

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