Wo der Staat nicht hilft | Europa | DW | 04.07.2019
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Armut

Wo der Staat nicht hilft

Armut ist auch in Großbritannien ein Problem. Kürzungen im britischen Sozialsystem sorgen dafür, dass immer mehr Menschen auf Tafeln angewiesen sind, die von Kirchen oder Moscheen betrieben werden. Ein Besuch.

Religionsübergreifende Tafeln in den West-Midlands (DW/C. Rodrigues)

Für Tony Platt sind seine Frau Emma und die Katzen sein Ein und Alles

Von außen sieht die Wohnung der Platts in Semthwick, einer Kleinstadt in der Nähe von Birmingham in den Midlands Großbritanniens, aus wie jede andere. Blank gewienerte Fenster und ein gepflegter Vorgarten. Aber als Tony Platt die Tür öffnet, dominiert im Flur der Geruch ungeputzter Katzenklos. Im spärlich beleuchteten Wohnraum gibt es zwei Betten, einen Tisch und ein halbes Dutzend Katzen.

Tony gibt Imran Hameed, dem Gründer der Salma Food Bank, 4,20 Pfund (umgerechnet 4,70 Euro). Es ist das Busgeld, das Hameed ihm Anfang der Woche geliehen hatte, als er ihm auch Lebensmittel vorbeibrachte.

"Mein Vater war eine Wüstenratte (Anm. d. Red.: So hießen die Mitglieder der britischen 7. Panzerdivision, die im Zweiten Weltkrieg in Nordafrika gegen die Deutschen kämpften). Er hat mir beigebracht, was Loyalität heißt. Im Krieg war er von Alexandria bis Tobruk im Einsatz, überall", erzählt Tony. Er ist Anfang 50 und hat als Landschaftsgärtner gearbeitet, bis er vergangenes Jahr einen Herzinfarkt erlitt.

Religionsübergreifende Tafeln in den West-Midlands (DW/C. Rodrigues)

Tony Platt (rechts) und seine Frau sind auf die Unterstützung von Imran Hameed und seine Salma Food Bank angewiesen

Tony wirkt wie ein Gentleman in ausrangierter Kleidung. Er kommt etwas zerzaust und bescheiden daher, aber er hat einen Schatz an Geschichten zu erzählen und einen trockenen Humor. Als er seinen Herzinfarkt bekam, hatte er keinerlei eigene Ersparnisse; so wurde er abhängig von Universal Credit, einem komplizierten Sozialhilfesystem der Tory-Regierung, in dem man sich nur schwer zurechtfindet und mit dem Tony in der letzten Woche des Monats regelmäßig das Geld ausgeht.

Abgesehen von den 190 Pfund (rund 212 Euro), die die Platts monatlich vom Sozialamt bekommen, gibt es praktisch kein Einkommen. "Das Geld ist im Nu weg, wir müssen ja einkaufen", sagt Tony.

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Einmal arm, immer arm? (13.08.2018)

"Wissen Sie, ich komme aus dem Norden, aus Rochdale. Und da sagt man: Wenn du etwas nicht hast, musst du eben ohne auskommen." Deshalb ging Tony häufig hungrig ins Bett, bevor er die Salma Food Bank kennenlernte. "Das hier ist es, was für mich zählt", meint er und zeigt auf seine Frau und die Katzen.

Seine Frau Emma, 51, arbeitete früher in Vollzeit als Pflegerin, bis der Stress seinen Tribut forderte und sie arbeitsunfähig wurde. Die Liste ihrer Erkrankungen in den letzten Jahren ist lang: Epilepsie, Diabetes, hoher Blutdruck. Sie ist auf starke Medikamente angewiesen. "Wenn man nichts zu essen hat, kann Diabetes lebensbedrohlich sein", sagt sie.

Nur ein Beispiel von vielen

Seit Imran Hameed vor drei Jahren zu Ehren seiner Mutter die Salma Food Bank, eine Art Tafel, in den West Midlands gründete, staunt er, wieviel versteckte Armut es auch in Großbritannien gibt. "Bei Armut dachte ich immer nur an Indien oder Pakistan. Aber als wir hier damit anfingen, war es vollkommen verrückt. Die Armut ist hier, vor unserer Haustür."

Religionsübergreifende Tafeln in den West-Midlands (DW/C. Rodrigues)

Imran Hameeds Mutter wollte Menschen helfen, die nicht viel haben - daher gründete er die Tafel zu ihren Ehren

Von April 2018 bis Mai 2019 wurden fast 1,6 Millionen Notfall-Lebensmittel-Pakete vom Trussell Trust verteilt, einer Art Dachverband, in dem rund zwei Drittel der britischen Tafeln organisiert sind. Über eine halbe Million dieser Pakete ging an Kinder.

Weil die staatlichen Sozialleistungen für die Ärmsten im Vereinigten Königreich um 37 Millionen Pfund (über 41 Millionen Euro) gekürzt wurden, springen religiöse Wohlfahrtsverbände ein. Philip Alston, UN-Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte, verglich vergangenen Monat die sozialen Missstände im heutigen Großbritannien mit den Armenhäusern aus viktorianischer Zeit.

Sozialer Zusammenhalt gestärkt

Und auch Matt Adcock vom Church Urban Fund findet, dass die Armut schlimmer geworden ist, meint aber, dass es auch positive Aspekte gibt. "Die wachsende Zahl von Initiativen wie 'Feeding Bradford' zeigt uns, dass Kirchen, Moscheen und soziale Unterstützungsgruppen zusammenarbeiten, um den wachsenden Bedarf an Tafeln und anderer Hilfe zu decken", sagt er.

Vor allem das Universal Credit System, in dem verschiedene Sozialleistungen eigentlich zu dem Zweck zusammengefasst wurden, das Verfahren zu vereinfachen, wird für den zunehmenden Bedarf an Tafeln verantwortlich gemacht. Gordon Brown, der frühere Chef der Labour-Partei, hatte dieses System als "chaotisch, grausam und rachsüchtig" gebrandmarkt, weil es Millionen Menschen in Großbritannien dazu zwinge, bereits zuvor zugesagte Sozialleistungen nochmals zu beantragen.

Religionsübergreifende Tafeln in den West-Midlands (DW/C. Rodrigues)

Am Ende des Monats bleibt oft nicht einmal Geld übrig für das Lebensnotwendigste wie Nahrungsmittel

"Die Salma Food Bank ist die einzige Tafel in den West Midlands, die Lebensmittel in einem Notfall nach Hause liefert", sagt Hameed. Die Hürden für Hilfen sind dennoch hoch. Verzweifelte Mütter, die vor häuslicher Gewalt flüchten, kämpfen oft mit Sprachproblemen; manche haben keinen Zugang zum Internet oder müssen viele Kilometer bis zum nächsten Jobcenter zurücklegen. "Für alleinerziehende Mütter ist es noch ärgerlicher, dass sie einen Bezugsschein benötigen", sagt Hameed. 30 Prozent seiner Empfänger sind Mütter mit Säuglingen oder Kleinkindern.

Den Glauben bewahren

Rund 8000 Kirchen betreiben oder unterstützen derzeit Tafeln. In vielen Gebieten Großbritanniens sind die Gruppen von religiösen Trägern die letzte Hoffnung für diejenigen, die sich gerade so durchschlagen. "Der Zugang zu diesen Gruppen ist einfach, ganz anders als zum Sozialsystem der Regierung. Dort kann der Prozess kompliziert sein", sagt Ravinder Singh, Gründer der von Sikhs geführten Wohlfahrtsorganisation Khalsa Aid.

Als Sasha Newbury* und ihre vier kleinen Kinder in der Stadt Dudley von ihrem misshandelnden Ehemann mit einem Messer bedroht wurden, bat die Polizei Hameed um Hilfe. Hameed packte die Frau Anfang 30, die Kinder und ihre Habseligkeiten in seinen Van und brachte sie in einer seiner Immobilien unter, während die Familie auf die Unterstützung der Sozialhilfe wartete.

Religionsübergreifende Tafeln in den West-Midlands (DW/C. Rodrigues)

Die Salma Food Bank hat Sasha Newbury und ihren Kindern aus deren prekären Lage geholfen

"Ich hatte kein Essen und ich habe gekämpft. Und ich brauchte Hilfe", sagt Newbury. Ihre Ehe war gerade einmal ein Jahr alt, als sich die ersten Risse zeigten. "Ich habe keine Familie, nur ein paar Freunde. Das hier war mein letzter Ausweg", erzählt sie in ihrer Vier-Zimmer-Sozialwohnung in Handsworth.

Schon früher hatte sich Newbury an die Sozialhilfe gewendet - ihr wurde aber die Hilfe verweigert. Auch jetzt, mitten im Scheidungsprozess von ihrem früheren Partner, ist ihr Kampf noch lange nicht vorbei. Zwei ihrer Kinder leiden unter ADHS und Zerebralparese, einer Bewegungsstörung, die durch frühkindliche Hirnschädigungen hervorgerufen wird.

So wie Hameed die Essenspakete in seinen Van lädt, um seine nächsten Kunden zu beliefern, zeigt er keinerlei Anzeichen von nachlassendem Elan. Inspiriert von den Werten seiner Mutter, will er seiner Gemeinschaft weiter helfen, sagt er, so gut es eben gehe.

*Der Name wurde zum Schutz ihrer Identität geändert.

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