Wird Schlesien zum polnischen ″Wuhan″? | Europa | DW | 16.05.2020
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Corona-Krise

Wird Schlesien zum polnischen "Wuhan"?

Während der Ansteckungstrend in ganz Polen nachlässt, steigen die Infektionszahlen in der Region Oberschlesien rasant. Das größte Risiko gehen Bergarbeiter ein, die unter der Erde arbeiten.

Ruda Śląska

Ruda Śląska in Schlesien, Polen

Es ist das erste Wochenende im Mai, zum ersten Mal kann man im oberschlesischen Ruda Śląska von echtem Frühlingswetter sprechen. Vor den ziegelroten Familienhäusern, die vor über 100 Jahren für die Arbeiter des ersten hiesigen Steinkohlebergwerks gebaut wurden, haben beim schönen Wetter immer Kinder gespielt. Doch dieses Jahr müssen sie wegen der Pandemie zu Hause bleiben.

Hotspot Oberschlesien

Auch für Erwachsene gilt das Versammlungsverbot, doch anders als bei den Kindern halten sich nicht alle daran. Eine Gruppe junger Einwohner der typischen Familienhäuser, die auf Polnisch "familoki" genannt werden, trifft sich draußen zum Grillabend. Krzysztof Mejer, Vizebürgermeister von Ruda Śląska, ist entsetzt, als er davon erfährt.

Sofort schreibt er eine Warnung auf seinem Facebook-Konto: "Die Teilnehmer der Grillparty trugen natürlich keine Masken. Sie standen und saßen auch sehr dicht nebeneinander. Und ein paar Tage später stellte sich heraus, dass unter den Gästen eine Corona-Infizierte war, die vermutlich auch andere angesteckt hat."

Seit Anfang Mai bildet Ruda Śląska neben anderen Städten im oberschlesischen Ballungsgebiet, in dem 4,5 Millionen Menschen leben, den größten Pandemie-Hotspot Polens. Derzeit gibt es rund 18.000 gemeldete Corona-Fälle im ganzen Land, darunter 5000 in Schlesien, davon etwa 1000 Bergarbeiter (Stand vom 15.05.). Die Tendenz ist steigend. Von den täglich neu gemeldeten Fällen kommen derzeit regelmäßig zwei Drittel aus Schlesien.

Gegen die Abriegelung

Die Region wird inzwischen als "polnisches Wuhan" bezeichnet, weil laut polnischen Medien die Regierung die ganze Region, ähnlich wie China die Stadt Wuhan, abriegeln wollte. Warschau weist dies aber vehement zurück. "Niemand plant, Städte abzuriegeln, niemand plant, die Bewegungsfreiheit einzuschränken", versicherte Gesundheitsminister Lukasz Szumowski.

Krzysztof Mejer, Vize-Bürgermeister von Ruda Slaska

Krzysztof Mejer, Vize-Bürgermeister von Ruda Śląska

Gegen Abriegelungspläne protestieren schlesische Kommunalpolitiker. "Das sind zwar Gerüchte, aber Gerüchte fallen nicht vom Himmel", kommentiert Krzysztof Mejer im Gespräch mit der DW. Aus seiner Sicht muss man nicht gleich die ganze Region schließen, es würde schon helfen, wenn die Förderung in den Kohlegruben eingeschränkt würde. Derzeit wurde die Produktion in drei von den 30 oberschlesischen Gruben eingestellt.

Kein Abstand in den engen Gruben

Doch die Schließung von Zechen ist für Bergleute ein heikles Thema. "Die Grube ist kein Geschäft. Wenn du sie mal schließt, kannst du sie nicht mehr öffnen", sagt ein Bergmann aus der Kohlenzeche Jankowice in Rybnik im Gespräch mit dem polnischen Portal money.pl. In seiner Grube wurde die Förderung eingestellt. "Wenn die Grube drei bis vier Tage steht, kann Feuer ausbrechen und unsere ganze Arbeit war umsonst. In der Grube muss man ständig graben und Wasser abpumpen. Wenigstens ein bisschen, aber es darf keine Pause geben", erklärt er.

Trotz Ansteckungsrisiko will er so schnell wie möglich zum normalen Arbeitsrhythmus zurückkehren. "Ich hoffe, man fängt endlich an, uns ordentlich zu testen und dann gibt es keinen Stress, wenn man infiziert wird. Aber von einem Zwei-Meter-Abstand kann hier keine Rede sein, das ist bei uns unmöglich".

Weniger Arbeit, weniger Einkommen

In der Grube Jankowice gibt es zwei Fahrstühle, mit denen jeweils 48 bis 120 Männer zusammenfahren müssen. Mindestens anderthalb Minuten lang müssen sie dort dicht nebeneinander stehen. Jetzt darf nur die Hälfte der Bergleute die Fahrstühle gleichzeitig benutzen. Auch die Arbeitszeiten derjenigen, die noch in die Grube kommen, um sie technisch am Leben zu halten, wurden stark zurückgefahren.

Traditioneller Abbau von Steinkohle im Bergwerk Wieczorek in Polen

Traditioneller Abbau von Steinkohle im Bergwerk Wieczorek in Polen

"Wir haben die Arbeitszeit auf vier Tage pro Woche reduziert. Unser Einkommen ist um 20 Prozent gesunken, aber das erlaubt unseren Arbeitgebern, staatliche Unterstützung zu beantragen", sagt Sebastian Czogala von der polnischen Bergarbeitergewerkschaft (ZZG). Er kann sich keine Grubenschließung vorstellen, weil es das Ende der ganzen Branche bedeuten würde.

Politiker kämpfen um die Kumpels

Polens Energieversorgung basiert zu 80 Prozent auf Kohle. Im Bergbau arbeiten 90.000 Menschen, weitere 90.000 sind in den Unternehmen beschäftigt, die mit dem Bergbau zusammenarbeiten. Auch wenn sich die polnische Energiepolitik mit der Festlegung langfristiger Klimaziele schwertut, wird die Kohleförderung seit Jahren systematisch eingeschränkt und die Zahl der Arbeitsplätze im Bergbau reduziert.

Die Einschränkungen der Kohleproduktion während der Pandemie geben Anlass zu Spekulationen, dass dieser Kurs verstärkt wird. Doch Vizepremier Jacek Sasin (PiS) beteuerte kürzlich bei seinem Besuch in Schlesien, die Pandemie werde "kein Vorwand" für einen beschleunigten Abbau von Gruben sein. "Es ist mein Ziel, dass kein Bergarbeiter seine Arbeit verliert und dass Polens Energiesicherheit gewährleistet bleibt", erklärte Sasin.

Die Stimmungslage bei den Bergleuten kann einen direkten Einfluss auf die Ergebnisse der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen haben. Deshalb bemüht sich auch der PiS-Kandidat und Amtsinhaber Andrzej Duda um die Gunst der Kumpel. "In diesen Tagen sind wir alle aus Schlesien. Zusammen werden wir die Pandemie besiegen", schrieb Duda auf seinem Twitterkonto.

Zu wenige Tests

Krzysztof Mejer aus Ruda Śląska hält aber viel mehr von konkreten Taten als von großen Worten der Warschauer Politiker. Die Regierung hat gerade beschlossen, 50.000 Tests in Schlesien innerhalb der nächsten zwei Wochen durchzuführen. "Das ist alles ok, aber immer noch zu wenig. Und etwas zu spät", sagt der 51-Jährige.

Von den 60.000 Bergleuten, die in den engen Korridoren unter Tage arbeiten, wurden bislang 15.000 getestet. Hätte man, wie etwa in Deutschland, von Anfang an mehr Tests durchgeführt, meint Mejer, wäre die Lage in Schlesien nicht so dramatisch.