Wird Moskau den Taliban die Hand reichen? | Europa | DW | 17.08.2021
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Afghanistan

Wird Moskau den Taliban die Hand reichen?

Russland reagiert gelassen auf den Machtwechsel in Afghanistan. Auf die Machtergreifung der Taliban war Moskau besser vorbereitet als der Westen. Eine Anerkennung der Terrormiliz scheint keineswegs unmöglich.

Taliban-Kämpfer am Montag in Kabul

Taliban-Kämpfer am Montag in Kabul

"Wir sind unbesorgt." Der Satz des Sonderbeauftragten des russischen Präsidenten für Afghanistan, Samir Kabulow, bringt die Moskauer Reaktionen auf den Machtwechsel in Afghanistan auf den Punkt. Der Diplomat begründete diese Haltung im staatlichen Fernsehsender "Russland-1" am Sonntag damit, dass Russland "gute Beziehungen" sowohl zu der früheren afghanischen Regierung als auch zu den Taliban habe. Dabei ist die Terrormiliz in Russland verboten.

Botschaft in Kabul bleibt, Militärs üben in Tadschikistan

Während der Westen angesichts des rasanten Vormarsches der Taliban schockiert wirkt und eilig versucht, Tausende seiner Bürger und afghanische Helfer aus Kabul auszufliegen, bleibt Russland betont zurückhaltend. Die russische Botschaft in der afghanischen Hauptstadt gehört zu den wenigen, die nicht evakuiert werden. Botschafter Dmitrij Schirnow lobte die Taliban in einem Interview mit dem Radiosender "Echo Moskwy": Bei Verhandlungen über die Sicherheit der Botschaft sei deren Ansatz "gut, positiv, geschäftsmäßig".

Afghanen versuchen auf dem Flughafen von Kabul, das Land zu verlassen

Afghanen versuchen auf dem Flughafen von Kabul, das Land zu verlassen

War Moskau besser als der Westen auf die jüngsten Entwicklung eingestellt? Ja, sagt Andrej Kasanzew, Moskauer Afghanistan-Kenner und Experte der renommierten Diplomaten-Kaderschmiede MGIMO : "Russland hat sich tatsächlich besser als die anderen vorbereitet."

Moskau habe klar gemacht, dass es vor dem Hintergrund der sowjetischen Erfahrung nicht einmarschieren werde, so Kasanzew. Gleichzeitig zeigte es seine Bereitschaft, die ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien zu schützen. Einige davon, etwa Tadschikistan, sind mit Russland im Rahmen der Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit (ODKB) verbunden. "Dafür gab es militärische Übungen, es wurden diverse Szenarien erprobt, um ein Durchsickern diverser Terrorgruppen über die Grenze zu verhindern", erklärt der Experte gegenüber der DW. Am Dienstag begann Russland eine neue Militärübung in Tadschikistan, wo es einen Stützpunkt hat. Es ist bereits die dritte Übung in der Region mit russischer Beteiligung innerhalb weniger Wochen. Tadschikistan hat unter den Ex-Sowjetrepubliken die längste Grenze zu Afghanistan - mehr als 1300 Kilometer.

Moskauer "Doppelstrategie" für Afghanistan

Das russische Außenministerium seinerseits arbeite daran, "einen Waffeneinsatz zur Verteidigung von Zentralasien unnötig zu machen", sagt Kasanzew. Außerdem sei man "mit wichtigen regionalen Akteuren wie China, Iran, Pakistan und Indien" im Gespräch. Diplomatische Kontakte seien wichtig, weil es das Risiko eines neuen Bürgerkriegs gebe, in den Zentralasien und Russland einbezogen werden könnten.

Russische Panzer bei einer Übung in Tadschikistan

Russische Panzer bei einer Übung in Tadschikistan

Wolfgang Richter, Oberst a.D. und Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, erklärt Russlands äußerliche Ruhe damit, dass sich Moskau der "Illusion" des Westens über einen Staatsaufbau mit Demokratie und Frauenrechten in Afghanistan "nie angeschlossen" habe. Im Westen sei der Eindruck entstanden, Moskau habe die Taliban "fast hofiert". Kontakte gab es auf verschiedenen Ebenen, Taliban-Vertreter wurden im Juli in Moskau empfangen.

Trotzdem glaubt Richter nicht daran, dass Moskau entspannt sei. Moskau werde in Bezug auf Afghanistan eine "Doppelstrategie" fahren, sagt der Experte. Zum einen werde Russland eine Vereinbarung mit den Taliban anstreben, damit diese die Al-Kaida-Ableger in Zentralasien nicht unterstützen. Gleichzeitig werde Russland die zentralasiatischen Republiken stärken, sollte es zu Zusammenstößen an der Grenze kommen. Die Schlüsselfrage für Russland dürfte sein, ob sich die Taliban auf ein nationales Projekt eines islamischen Emirats beschränken oder ob sie, wie vor 20 Jahren, mit islamistisch-dschihadistischen Kräften kooperieren würden, so Richter. 

Wann könnte Russland die Taliban anerkennen

Es dürfte für Moskau nicht einfach sein, mit den Taliban eine Vereinbarung zu erzielen, glaubt der Moskauer Afghanistan-Forscher Andrej Serenko. Er hält die Hoffnungen russischer Diplomaten, die Taliban würden Strukturen des IS und Al-Kaidas bekämpfen, für überzogen. "Die Grenze zwischen den Taliban und dem IS in Afghanistan ist fließend", so Serenko.

Eine weitere Schwierigkeit sei die Tatsache, dass die Taliban in Russland als terroristische Organisation eingestuft sind. "Es wird für Moskau sehr schwer sein, zu erklären, warum die Taliban nicht mehr gefährlich sein sollen", so der Experte. Das Lob russischer Diplomaten Richtung Taliban sei die "Vorbereitung einer Anerkennung", glaubt Serenko. Russland werde eine solche Entscheidung allerdings mit China absprechen und wohl zusammen verkünden.

Taliban-Vertreter im Juli in Moskau

Taliban-Vertreter im Juli in Moskau

Andrej Kasanzew von MGIMO nennt den Taliban-Status in Russland als terroristische Organisation einen "Anachronismus", der "längst auf technischer Ebene hätte aufgehoben werden müssen". Er schränkt jedoch ein, dass dies nur zusammen mit der Anerkennung der neuen Regierung in Kabul passieren könne. Russland dürfte dafür Bedingungen aufstellen, etwa Sicherheitsgarantien für Zentralasien und eventuell die Zusicherung, keine Terrorgruppen zu unterstützen, die sich gegen Russland richten, sagt Kasanzew. 

Der Berliner Experte Wolfgang Richter glaubt, dass sich Russland mit der Anerkennung Zeit lassen werde. Dieser Schritt dürfte auch davon abhängen, ob die Taliban zur "mittelalterlichen brutalen Herrschaft" zurückkehren würde. Richter glaubt, dass Russland unterhalb der Schwelle diplomatischer Anerkennung bleiben werde. Der Sonderbeauftragte des russischen Präsidenten für Afghanistan, Samir Kabulow, sagte in einem Fernsehinterview mit dem Sender "Rossija-24", Russland werde die Taliban erst dann von der Terrorliste streichen, wenn der UN-Sicherheitsrat dies tue. Zunächst müssten die Taliban zeigen, wie "zivilisiert" sie vorgingen, so Kabulow. Auch der russische Außenminister Sergej Lawrow äußerte sich am Dienstag zurückhaltend.

Gemischte Gefühle in Moskau 

Insgesamt löst der Siegeszug der Taliban gemischte Gefühle in Moskau aus, das seit Sowjetzeiten sein eigenes Afghanistan-Trauma hat. Zwar habe man diese Ereignisse, die in westlichen Medien als eine Niederlage des Westens wahrgenommen werden, als "ein zweitens Vietnam" wahrgenommen, so Kasanzew. Doch sei man in Moskau auch besorgt, denn es könne als Vorbild für islamistische Gruppen weltweit dienen. Auch Andrej Serenko warnt: Eine tadschikische oder russische Taliban-Organisation sei möglich. Es entstehe ein neuer Mythos, den zu bekämpfen noch niemand bereit sei. 

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