″Wir stehen bereit″ - Firmen wollen impfen | Wirtschaft | DW | 05.03.2021
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Impfstrategie

"Wir stehen bereit" - Firmen wollen impfen

Es kommt nicht oft vor, dass die Deutschen selbst in die Hand nehmen, was eigentlich der Staat machen sollte. Beim Impfen gegen Corona aber ist es soweit. Der Ärger ist spürbar. Große Firmen wollen selbst aktiv werden.

"Wir stehen zu unserem Angebot, die Impfstrategie durch einen koordinierten Einsatz von Betriebsärzten zu unterstützen", erklärte der deutsche Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger am Donnerstag, und es klang so unwillig wie drohend - jedenfalls machen nun die Unternehmer mobil. Sei es die Telekom oder die Allianz oder die Drogeriekette dm, den Firmen geht die Impfkampagne von Bund und Ländern zu langsam.

Die Vorbereitungen dafür, selbst Abhilfe zu schaffen, laufen bereits in ganz unterschiedlichen Branchen und an vielen Orten. "Wir bereiten uns aktuell darauf vor, unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an allen großen Standorten in Deutschland die Möglichkeit zu einer Corona-Impfung anzubieten", heißt es in München bei der Allianz, dem größten deutschen Versicherer. "Dafür planen wir bis zu 25 Impfstraßen auf unseren Betriebsgeländen einzurichten", sagte eine Allianz-Sprecherin am Donnerstag. 

In Karlsruhe vermeldete die Drogeriekette dm, man biete künftig in eigenen Zentren vor den Filialen kostenlose Corona-Schnelltests an. Geplant sei ein "sukzessiver Aufbau" solcher Zentren im Laufe des Monats März, begonnen werde auf Freiflächen vor mehreren hundert Filialen in Baden-Württemberg. Einen ersten Testlauf gab es am Donnerstagmorgen vor der Firmenzentrale.

Weltspiegel 05.03.2021 | Corona | Deutschland Karlsruhe | DM-Markt, Antigemtest

Testen vor dem Drogeriemarkt? Vor der dm-Zentrale in Karlsruhe

12.000 BetriebsärztInnen

Europas größter Telekommunikationskonzern Deutsche Telekom ließ in Bonn wissen, man sei bereit, die eigenen Belegschaften durch Betriebsärztinnen und -ärzte impfen zu lassen Auf Wunsch und mit Unterstützung der Behörden, so die Telekom, könne sie ihre "bewährte Logistik" für die alljährlichen Grippeimpfungen auch für andere Impfstoffe einsetzen.

Auch die ebenfalls in Bonn ansässige Deutsche Post steht bereit, Mitarbeiter auf eigene Kosten zu impfen, sagt eine Sprecherin der FAZ - wenn es die nationale Impfstrategie zulasse. In Berlin bei der Deutschen Bahn hieß es demnach, man bereite sich schon mal vor. Insgesamt gibt es in deutschen Unternehmen Medienberichten zufolge mehr als 12.000 Betriebsärztinnen und -ärzte. Sie hätten direkten Zugang zu rund 45 Millionen Menschen in Deutschland. Bei VW in Wolfsburg verweist man darauf, man könne allein mit der Impfung der eigenen Beschäftigten rund 140.000 Menschen direkt erreichen.

Im München machte der Vorstandschef des Mischkonzerns Baywa, Klaus-Josef Lutz, seinem Ärger Luft und bezeichnete den Fortschritt der Impfungen in Deutschland als "skandalös langsam". Er will gegebenenfalls den Impfstoff für die gut 20.000 Mitarbeiter seines Unternehmens aus dem Agrar-, Bau- und Energiesektor auf Firmenkosten beschaffen.

Berlin Velodrom Impfzentrum

(Leeres) Impfzentrum in Berlin (Archivbild)

Und ebenfalls in München hat die Versicherungskammer ihre Belegschaft bereits in einem Schreiben informiert, dass das Unternehmen gern die Betriebsärztinnen und -ärzte in Marsch setzen würde. "Wir stehen bereit", hieß es in der Zentrale des öffentlichen Versicherers.

Aber die Impfstrategie...

Ganz so einfach dürfte das aber nicht werden: Impfungen durch Betriebsärzte sind in der Strategie der Bundesregierung zwar vorgesehen, aber eben noch nicht kurzfristig. Die Behörden beharren bislang auf der amtlichen Impfreihenfolge und der Vergabe von Terminen in Impfzentren. Die Impfstrategie sieht vor, dass Betriebsärzte erst dann aktiv werden können, wenn es ausreichend Impfstoff gibt. Für diesen Freitag stand ein Treffen von Konzernchefs mit der Regierung dazu auf dem Programm, wurde aber kurzfristig abgesagt. "Es gibt noch zu klärende Fragen", begründete der Regierungssprecher die Verschiebung.  

Sorgen bei der Vorbereitung der eigenen Kampagnen bereitet den Unternehmern zum Beispiel die Haftungsfrage: Wer muss dafür gerade stehen, wenn es böse Nebenwirkungen beim Impfen gibt. So fordern die Arbeitgeber die Klärung der Frage: Wer zahlt den Schadenersatz für mögliche Impfschäden? Diese Sorge treibt Mediziner ebenso um wie Unternehmen: "Die Haftung für alle im Zusammenhang mit Impfungen möglichen Schäden muss so geregelt sein, dass sie kein Hemmnis gegen eine Impfbeteiligung der Betriebsärzte darstellt", heißt es in einem Papier des Arbeitgeberverbands, das dem Handelsblatt vorlag.

Deutschland Impfzentrum Brandenburg Coronavirus

Noch dürfen in Deutschland weder Hausärztinnen noch Betriebsärzte impfen (hier: Impfzentrum in Brandenburg)

Ein wenig weiter ist man bei den Corona-Tests. Die Immobilienfirma Vonovia etwa will ein eigenes Testzentrum einrichten. Am Mittwoch kam dazu grünes Licht aus der Bund-Länder-Runde: Firmen sollten "als gesamtgesellschaftlichen Beitrag" ihren Beschäftigten, die regelmäßig zur Arbeitsstätte kommen, pro Woche "das Angebot von mindestens einem kostenlosen Schnelltest machen". Genaueres sollte auch dazu eigentlich am Freitag festgelegt werden.

Impftempo ein "entscheidender Faktor"

Bei Volkswirten herrscht wenig Zweifel über den engen Zusammenhang zwischen schnellen Erfolgen beim Impfen und Testen und wirtschaftlicher Erholung. "Die Beschleunigung der Impfungen ist für die wirtschaftliche Erholung ein ganz entscheidender Faktor", sagte die Nürnberger Professorin und Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung, Veronika Grimm. "Geht es mit den Impfungen zu langsam, so werden auch die Einschränkungen länger andauern", so Grimm.

Und die "Einschränkungen" sind teuer für die Gesellschaft. Allein der seit Dezember geltende Lockdown für Handel und Gastronomie bedeutet nach einer Schätzung des Münchner Ifo-Instituts für die deutsche Wirtschaft jede Woche verlorene Wertschöpfung von 2,5 Milliarden Euro.

Nach Analyse des Statistikportals Our World in Data geht die Impfkampagne in Deutschland in der Tat verhältnismäßig langsam voran. So war Großbritannien bis Dienstag dieser Woche mit 31,8 verabreichten Impfdosen pro 100 Einwohner viermal schneller vorangekommen als Deutschland mit 7,9. Effizienter als Deutschland impfen der Analyse zufolge unter anderem auch Polen, Griechenland und Portugal.

Weltspiegel 16.02.2021 | Corona | Impfstoff Astrazeneca, Portugal

Impfkampagne in Portugal

Auf eigene Art aktiv wird der Schweizer Pharmakonzern Novartis. Er wird dem Tübinger Biotech-Unternehmen CureVac bei der Produktion seines COVID-19-Impfstoffs unter die Arme greifen. Novartis werde ab dem zweiten Quartal in seinem Werk in Kundel in Österreich mit der Herstellung des Vakzins beginnen, teilten die beiden Unternehmen mit. Erste Dosen sollen ab dem Sommer ausgeliefert werden. Im laufenden Jahr sei die Produktion von bis zu 50 Millionen Dosen geplant. Novartis unterstützt bereits BioNTech und Pfizer bei der Impfstoff-Produktion. Sein eigenes Impfstoffgeschäft hatte der Pharmariese aus Basel vor einigen Jahren verkauft.

Ganz uneigennützig ist das Engagement der großen Firmen nicht. Je mehr Impfstoff zur Verfügung steht, verteilt und verimpft wird, um so mehr Beschäftigte kommen zur Arbeit und auch der eigene Laden läuft weiter. Auf ein nicht unwichtiges Detail dabei verwies das Handelsblatt in dieser Woche. Klar sei aktuell, "Unternehmen müssen die Impfstoffe nicht kaufen, sie werden vom Bund bezahlt".

ar/hb (dpa, afp, rtr – Archiv) 

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