Wir sehen, was wir fürchten | Wissen & Umwelt | DW | 24.01.2014
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Wissen & Umwelt

Wir sehen, was wir fürchten

Angst vor Spinnen? Dann nehmen Sie die Achtbeiner vermutlich anders wahr, als Ihre Mitmenschen das tun. Denn Psychologen haben herausgefunden: Phobien verändern die Wahrnehmung - ein Fluch der Evolution.

Vogelspinne auf der Hand Foto: Klaus Eppele

Vogelspinnen - nicht jedermanns Sache

Nur ein kleines, harmloses Tier mit acht Beinen - aber Spinnenphobiker drehen durch, wenn sie es sehen, so sehr fürchten sie sich. Und wie sich herausstellte, macht ihr Gehirn ihnen das Leben noch unnötig schwer: Spinnenphobiker nehmen Bilder von Spinnen viel früher und länger wahr als Menschen, die keine Angst vor den Achtbeinern haben.

"Wir können mit unserer Studie belegen, dass phobierelevante Reize die visuelle Verarbeitung im Gehirn steuern", sagt Georg Alpers, Psychologe an der Universität Mannheim.

Sprich: Zwei Menschen können ihre Umwelt durchaus unterschiedlich wahrnehmen. Phobiker übertreiben also nicht, wenn sie berichten, wie furchterregend eigentlich harmlose Dinge auf sie wirken. Das gilt nicht nur für Spinnen, sondern auch für Hunde, Katzen, Schlangen oder was auch immer.

Zwei Bilder gleichzeitig

Um Spinnenphobiker zu untersuchen, griffen die Psychologen zu einem Trick: Mit einem Gerät namens Spiegelstereoskop sorgten sie dafür, dass die Probanden zwei Bilder gleichzeitig sahen: Auf dem einen Auge ein geometrisches Muster aus grauen Dreiecken, auf dem anderen Auge entweder eine Spinne oder eine Blume.

"Es ist nicht möglich, dauerhaft zwei verschiedene Bilder gleichzeitig wahrzunehmen", sagt Alpers. "Sie stehen in einem Wettstreit, den das Gehirn zu Gunsten eines Bildes entscheidet."

Aber welches das ist, können wir nicht bewusst kontrollieren. Mal ist es das eine, mal das andere, berichtet Alpers der Deutschen Welle.

Phobie-Therapie in virtueller Realität Foto: Bernd Thissen dpa/lnw

Forscher entwickeln Methoden, um Angstpatienten zu heilen - etwa mit virtueller Realität.

Spinnen siegen über Blumen

Das Gehirn eines Spinnenphobiker entschied sich doppelt so oft für das Spinnenbild wie das Gehirn eines Nichtphobiker. Im Laufe des Experiments konnte die Wahrnehmung auch wieder wechseln, und die Versuchspersonen sahen dann doch das schwarz-weiße Muster. Aber in dem Fall nahmen die Phobiker die Spinnen dennoch doppelt so lange wahr wie die Kontrollgruppe. Nicht so bei den Blumen.

"Das Spinnenbild gewinnt bei Menschen mit Phobie früher und häufiger den Wahrnehmungswettstreit gegen das neutrale Bild", sagt Alpers Kollegin, Antje Gerdes.

"Diese Studie belegt erneut - allerdings mit einem originellen Untersuchungsdesign, was schon lange bekannt ist", sagt Dieter Best, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung, "nämlich, dass angesichts der Unmenge an potenziell wahrnehmbaren Reizen eine Auswahl getroffen werden muss." Gefühle und vor allem Furcht scheinen dabei eine entscheidende Rolle zu spielen.

Bungee Jumping Foto: ISNA

Einige Menschen haben furchtbare Angst vor Höhe - andere überhaupt nicht.

Fluch der Evolution

Wie die Psychologen Alpers und Gerdes vermuten, hat die Evolution es absichtlich so eingerichtet, dass wir bevorzugt bedrohliche Reize verarbeiten. Allerdings ist dieser Schutzmechanismus bei Phobiker nach hinten losgegangen: Sie können das Objekt ihrer Alpträume einfach nicht ausblenden.

Möglicherweise sind es Nervenverbindungen im Gehirn, die dafür verantwortlich sind. Die Amygdala, das Angstzentrum des Gehirns, ist vielleicht direkt mit der visuellen Großhirnrinde verbunden. Das ist die Gehirnregion, die verarbeitet, was wir sehen, und entscheidet, was davon uns bewusst wird.

Wenn unser Auge etwas sieht, vor dem wir uns fürchten, würde diese Nervenverbindung die visuelle Großhirnrinde aktivieren und dafür sorgen, dass wir das gruselige Etwas auf keinen Fall verpassen. Aber dass dem tatsächlich so ist, müssen Forscher erst einmal beweisen.

Mal praktisch gedacht

Alpers meint, die Studienergebnisse könnten die Psychotherapie verbessern. Denn sie beweisen, dass Phobiker sich ihre Reaktion nicht einfach nur einbilden, sondern dass es einen körperlichen Grund dafür gibt. So würde der Psychotherapeut mehr Verständnis für seinen Patienten aufbringen.

Best hingegen meint, gute Psychotherapeuten seien sich dessen schon bewusst: "Das Prinzip der selektiven Wahrnehmung ist jedem Psychotherapeuten geläufig."

Video ansehen 03:14

Geängstigt - wenn Phobien und Panikattacken das Leben schwer machen (29.05.2013)

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