″Wir dürfen nicht zu optimistisch sein″ | Asien | DW | 24.03.2011
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Asien

"Wir dürfen nicht zu optimistisch sein"

Bei ihrer lebensgefährlichen Arbeit am AKW Fukushima I treten die Techniker auf der Stelle. Erfolge sind spärlich. Nach Einschätzung der japanischen Regierung und internationaler Experten besteht Anlass zu großer Sorge.

Arbeiter im Kontrollraum der Reaktor-Blöcke 1 und 2 (Foto: AP)

Gefährlicher Einsatz: Arbeiter im Kontrollraum der Reaktor-Blöcke 1 und 2

"Nach gegenwärtiger Lage dürfen wir nicht zu optimistisch sein", sagte der japanische Regierungssprecher Yukio Edano am Donnerstag (24.03.2011) auf einer Pressekonferenz in Tokio. Fernsehbilder zeigten, wie weißer Dampf über den Reaktorblöcken 1, 2 und 4 aufstieg. Es sei das erste Mal, dass dies auch bei Block 1 beobachtet werde, berichtete der Sender NHK.

Arbeiter gefährlich verstrahlt

Fukushima I (Foto: AP)

Vor den Explosionen: Die Reaktorblöcke 1 bis 6 aus der Vogelperspektive

Der Dampf über Reaktorblock 4 deutet auf eine Überhitzung des Abklingbeckens für abgebrannte Kernbrennstäbe hin. Dieser Reaktor war bereits vor dem Erdbeben zu Wartungszwecken abgeschaltet worden. Gleichwohl kam es dort am 15. März zu einer Explosion und einem Brand. Unterdessen traten auch Probleme in dem ansonsten unkritischen Reaktorblock 5 auf. Das Pumpsystem des Reaktors sei defekt, so dass die Kühlung ausgefallen sei, teilte die japanische Atomsicherheitsbehörde (NISA) mit. Die Situation sei momentan stabil, es müsse aber mit steigenden Temperaturen sowohl im Reaktor als auch im Abklingbecken für abgebrannte Kernbrennstäbe gerechnet werden.

In Reaktor 3 nahmen die Einsatzkräfte ihre Vorbereitungen zur Instandsetzung des Pump- und Kühlsystems am Donnerstagmorgen wieder auf. Die Arbeiten hatten zuvor einen halben Tag stillgestanden, weil von Block 3 schwarzer Rauch aufgestiegen war. Zur Ursache konnten die Behörden keine Angaben machen. Bei ihrem Einsatz an Block 3 hätten drei Arbeiter eine außerordentlich hohe Strahlendosis abbekommen, räumten die Behörden ein. Zwei von ihnen seien mit Verbrennungen an den Beinen ins Krankenhaus gebracht worden, nachdem sie "unvorhersehbar" in radioaktiv belastetem Wasser gestanden hätten.

Die Einsatzkräfte bemühen sich unterdessen weiter darum, die Überhitzung der Reaktoren zu stoppen. Doch die Kühlung mit Meerwasser könnte neue Risiken bergen: Der frühere Reaktorsicherheitschef des US-Konzerns General Electric warnte, dass sich dabei große Mengen Salz ansammelten. Dies könne die Brennstäbe verkrusten und damit die Kühlung blockieren, sagte Richard Lahey der Zeitung "New York Times". Lahey schätzte, dass sich im Reaktorblock 1 etwa 26 Tonnen Salz angesammelt haben könnten, in den Blöcken 2 und 3 sogar jeweils 45 Tonnen. General Electric hat das grundlegende Design der Siedewasserreaktoren in Fukushima entwickelt.

"In der Liga von Tschernobyl"

Sebastian Pflugbeil (Foto: GS)

Sebastian Pflugbeil

Auch der Präsident der deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz (GS), Sebastian Pflugbeil, zeichnet kein optimistisches Bild der Lage: "Wir sind in der Liga von Tschernobyl", meinte Pflugbeil. Der Zerfall des radioaktiven Materials gehe weiter. Pflugbeil bezeichnete es als "Medienproblem", dass die Nachrichten von der Reaktorkatastrophe langsam in den Hintergrund rückten: "Faktisch geht das Problem in Japan erst los", sagte der GS-Präsident.

In der japanischen Hauptstadt Tokio fiel die Belastung des Trinkwassers mit radioaktivem Jod derweil wieder unter den für Neugeborene kritischen Grenzwert. Bei einer neuen Untersuchung des Wassers seien deutlich verbesserte Werte festgestellt worden, berichteten die städtischen Behörden am Donnerstag. Noch am Mittwoch hatten sie davor gewarnt, das Leitungswasser zur Zubereitung von Babynahrung zu nutzen. In einem Stadtviertel betrug die gemessene Radioaktivität zu diesem Zeitpunkt mehr als das Doppelte des Grenzwerts. In Tokios Geschäften wurde daraufhin abgefülltes Wasser in Flaschen knapp.

Erde kommt nicht zu Ruhe

Einsatzkräfte in der Erdbeben- und Tsunami-Region (Foto: AP)

Nach Beben und Tsunami: Aufräumarbeiten

Die Katastrophenregion auf der japanischen Hauptinsel Honshu wurde unterdessen von einem weiteren heftigen Nachbeben erschüttert. Das Zentrum lag etwa 150 Kilometer nordöstlich der Hafenstadt Sendai, wie die US-Erdbebenwarte berichtete. Bei dem Beben der Stärke 9,0 am 11. März und dem anschließenden Tsunami kamen nach jüngsten offiziellen Angaben mehr als 9700 Meschen ums Leben. Mehr als 16.000 Menschen gelten noch immer als vermisst.

Autor: Christian Walz (dpa, afp, rtr, dapd)
Redaktion: Eleonore Uhlich

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