„Wilde Jahre, kühne Träume“ – Wortpaare unter sich | Deutschlehrer-Info | DW | 22.10.2020
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„Wilde Jahre, kühne Träume“ – Wortpaare unter sich

Mit den Wörtern ist es wie mit den Menschen: Manche sieht man immer zusammen. Der Autor Hans Hütt und die Dudenredaktion haben solche typischen Wortverbindungen genauer unter die Lupe genommen.

Buchcover | Duden: Wilde Jahre, kühne Träume: Sprache im Wandel der Zeit

Unterhaltsame Erkenntnisse – nicht nur für Sprachwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler.

In Wörterbüchern stehen sie erst mal allein da, aber im Alltag werden Wörter oft in festen Verbindungen benutzt. Da hat jemand ein „schlechtes Gewissen“ oder „triftige Gründe“, ein anderer schwärmt von seiner „spannenden Lektüre“ oder trauert den „wilden Jahren“ seiner Jugend hinterher. 

Jeder kennt und benutzt solche Wortpaare. Sie spiegeln gesellschaftlich-kulturelle Verhältnisse wider und ändern sich dementsprechend im Laufe der Jahrzehnte. So hat die „alte Jungfer“ längst ausgedient, wohingegen die „umweltfreundliche Technologie“ absolut auf der Höhe der Zeit ist. Gemeinsam mit der Dudenredaktion hat der Journalist und Autor Hans Hütt Wortverbindungen der letzten 70 Jahre nachgespürt und dafür Texte in Zeitungen, Büchern und anderen Medien durchforstet.

Berufstätige Frauen und alte weiße Männer

Ein Fazit seiner Recherche: Beim Männer- und Frauenbild sind Stereotypen auch im 21. Jahrhundert noch gängig. „Die Frau wird noch immer vorwiegend im Umfeld von Partnerschaft und Familie betrachtet, wobei vor allem die Abweichung von der Norm durch Adjektive wie ‚geschieden‘, ‚alleinstehend‘, ‚kinderlos‘ betont wird, während der Mann lediglich vereinzelt als ‚geschieden‘, also im Umfeld seiner Vaterschaft beschrieben wird“, so Hütt. Entsprechend sei die Frau seit 1950 oft als „berufstätig“ charakterisiert worden – was wohl lange als Sonderfall und erwähnenswert galt.

Noch etwas ist Hütt aufgefallen: Männer sind oft Täter und die Bestimmenden. Die Wortverbindungen ein „bewaffneter Mann“ oder  ein „mächtiger Mann“ gehen einem viel leichter über die Lippen als die Wortpaare „bewaffnete“ oder „mächtige Frau“. Dafür ist mittlerweile immerhin immer öfter von einer „starken Frau“ die Rede, wohingegen sie früher mit Adjektiven wie „blond“, „attraktiv“ oder „hübsch“ eher auf das äußere Erscheinungsbild reduziert wurde. Doch bis heute, so der Autor, seien Frauen in der Gegenwartssprache meist „jung“ – ein Bild, das den Blick auf nicht so junge und alte Frauen verstelle.

Attribute bei Männern wiesen lange auf ihren gesellschaftlichen Status, aber auch Alter und Hautfarbe hin. Die Kombination „alt“ plus „weiß“ hingegen ist neu und impliziert eine ganze Geisteshaltung: „Der alte, weiße Mann wütet gegen die Praxis politischer Korrektheit, gegen die Vielfalt der Geschlechter, gegen Einwanderung, gegen Schulden, gegen alles, was ihm nicht passt oder was er nicht versteht oder verstehen will“, heißt es in Hütts Buch. Ein Grund sei, dass die von Mitte der 1940er-Jahre bis 1970 Geborenen in der Gesellschaft immer noch eine Menge zu sagen hätten und das auch für selbstverständlich erachteten.

Parkende Autos und notwendige Übel

Der Autor beschäftigt sich bei seiner Analyse auch mit des Deutschen liebstem Kind: dem Auto. So mancher träumt von „schnellen Autos“, aber im dichten Straßenverkehr schleicht man heute eher dahin. Die Wortkombination findet sich inzwischen auch unter ferner liefen. Platz eins und zwei belegen die Wortpaare „parkende“ und „geparkte“ Autos. Das dritthäufigste Attribut im Zusammenhang mit Autos ist „selbstfahrend“ – die moderne Technik macht es möglich. Dabei verweist sie eigentlich auf die Wurzeln des „Automobils“: Der Ausdruck bedeutet nämlich nichts anderes als „Selbstfahrer“ – von griechisch „autós“ für „selbst"“und lateinisch „mobilis“ für „beweglich“.

Rund ums Wetter

Auch Umweltverschmutzung und  Klimawandel schlagen sich in den Wortverbindungen nieder. War früher „strömender“, „dichter“ oder „anhaltender“ Regen an der Tagesordnung, hatte in den Jahren des Waldsterbens der „saure Regen“ einen Spitzenplatz. Und heute? Da lesen und sprechen wir immer öfter vom „ausbleibenden Regen“.

Mehr über Wortpaare der Vergangenheit und Gegenwart erfährt man in dem Buch:

„Wilde Jahre, kühne Träume: Sprache im Wandel der Zeit“ v. Hans Hütt, erschienen 2020 in der Dudenredaktion.

suc /bwar (mit dpa) 

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