Wiederaufbau mit Gottes Hilfe | Kultur | DW | 27.09.2013
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Wiederaufbau mit Gottes Hilfe

Wenn schon nicht Berge, so kann Glaube immerhin Gebäude versetzen. Das zeigt die Geschichte des Klosters Volkenroda. Eine Gemeinschaft aus Gläubigen hat aus der verlassenen Anlage wieder einen lebendigen Ort geschaffen.

Klosterkirche Volkenroda, Thüringen, aufgenommen am 27. August aus dem Christus-Pavillon heraus, Fotograf: Michael Münz

Neu und alt nebeneinander: Blick aus dem Christus-Pavillon auf die Klosterkirche Volkenroda

Der Kirchturm, die schmucken Fachwerkhäuser, die historischen Mauern, der moderne Christus-Pavillon: Sogar im 350 Kilometer entfernten Berlin haben sie schon von dem Kloster in Volkenroda gehört. Nun stehen Peter Schreier und seine Frau Martha einfach nur da – und staunen. Immer wieder bleiben sie stehen, lassen den Ort im Herzen Thüringens auf sich wirken. Dabei hat das Paar schon viele Urlaube im Kloster verbracht. „Wir schätzen die Ruhe und die Möglichkeit, sich mit dem Glauben auseinanderzusetzen“, sagen sie. Auf ihrem Weg in die Schweiz sind sie für eine Nacht in Volkenroda eingekehrt: „Dabei liegt es nicht wirklich auf dem Weg.“

Reportage Kloster Volkenroda Klosterkirche Volkenroda, Thüringen, aufgenommen am 27. August, Fotograf: Michael Münz

Verschiedene Zeiten an einem Ort: Klosterkirche und Anbau

Liegt Volkenroda mit seinem Kloster jemals auf dem Weg? Die nächste Autobahnauffahrt ist rund 40 Kilometer entfernt. Der Bus zum Bahnhof in Mühlhausen fährt nur wenige Male am Tag. An diesem Vormittag ist eine Reisegruppe angekommen. 50 Männer und Frauen, viele von ihnen grauhaarig, schultern die Rucksäcke. Fröhliches Gedränge entsteht. Die Tür der Klosterkirche steht offen.

Rund 20.000 Übernachtungsgäste zählt das Kloster. Konferenzen finden hier statt, im Sommer auch Jugendcamps. Auf dem Schulbauernhof des Klosters können Jugendliche ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr absolvieren. Einmal im Monat gibt es einen Bauernmarkt. Gebetstunden und Gottesdienste sind offen für jedermann. Volkenroda lädt ein zu Rückzug und Besinnung. Viele Besucher suchen Abstand vom Alltag, andere kommen, um nachzudenken oder konzentriert zu arbeiten. Ruhe wollen alle, so auch das Ehepaar aus Berlin. Die Schreiers sind beeindruckt: „Bewundernswert, wie man hier aus den Ruinen des Klosters wieder solch einen Ort erschaffen konnte.“

Beschädigtes Kruzifix als Erinnerung

Reportage Kloster Volkenroda Wegweiser zum Kloster Volkenroda, Thüringen, aufgenommen am 27. August, Fotograf: Michael Münz

Lebendiger Ort: Wegweiser zum Kloster Volkenroda

Pilgerstätte, Schulbauernhof, Internationales Jugendbildungszentrum, Kulturort, Rückzugsraum: Das Kloster Volkenroda bietet viel. Noch 1970 war es aufgegeben worden, nachdem es zuletzt als Gemeindekirche gedient hatte. Nun wurde die Anlage nicht mehr genutzt und verfiel zusehends. Ein beschädigtes Kruzifix in der Kirche erinnert an diese Zeit. Volkenroda drohte von der Landkarte zu verschwinden.

Doch es kam anders – dank der Initiative von Ulrike Köhler. Mit der deutschen Einheit verlor die diplomierte Agraringenieurin ihren Job. Das setzte eine Zäsur in ihrem Leben. "Arbeitslosigkeit ist etwas, was sehr tief geht, da rennt die ganze Existenz dahin“, beschreibt Köhler ihre damalige Gefühlslage. "Ich hatte aber Gott sei Dank eine fromme Oma, die zu mir sagte: ‚Wart mal ab, die Not lehrt Dich auch noch beten.‘“ Genau das traf ein: "Ich habe Gott erlebt und darüber ist ganz viel in meinem Leben, in meiner Familie, in unserer Ehe anders geworden", sagt Ulrike Köhler. Da kam ihr ein Einfall: Warum nicht das Kloster Volkenroda aus seinem Dornröschenschlaf wecken?

Netzwerk Gottes für den Wiederaufbau

Reportage Kloster Volkenroda Ulrike Köhler, ordinierte Prädikantin mit Seelsorgeauftrag im Kloster Volkenroda, Thüringen, aufgenommen am 28. August, Fotograf: Michael Münz

Initiatorin des Wiederaufbaus: Ulrike Köhler

Die junge Frau ging auf die Suche nach Mitstreitern. Sie gründete einen Verein zum Wiederaufbau. Und sie hatte Glück: "Wir sind Schritt für Schritt gegangen. Wie es sich ereignete, so haben wir es gemacht“, berichtet sie. "Gut, ich war hier vor Ort. Aber der Initiator war Gott selber. Und der hat wie bei einem Netzwerk immer wieder Menschen dazugefügt, von denen immer jemand wusste wie es weitergeht, was jeweils gerade zu tun ist.“ Zum Beispiel die Studentin, die bei Ausgrabungen mithalf und Köhler auf die evangelische Jesusbruderschaft aus dem hessischen Gnadenthal aufmerksam machte. Die ließ sich anstecken von Köhlers Idee. 1994 zogen die ersten Mitglieder der Kommunität von West- nach Ostdeutschland. Der Verein wuchs. Verein und die Bruderschaft trieben den Wiederaufbau voran.

Christus-Pavillon als Publikumsmagnet

Reportage Kloster Volkenroda Beschädigtes Kruzifix in der Klosterkirche Volkenroda, Thüringen, aufgenommen am 27. August, Fotograf: Michael Münz

Sichtbare Wunde: das Kruzifix der Klosterkirche

Auffälligstes Ergebnis: der sogenannte Christus-Pavillon. Seine quadratischen Doppelglas-Fenster sind mit unterschiedlichen Materialien gefüllt, mit Musikcassetten etwa, Zahnbürsten und Tannenzapfen. Das Innere ist einem Kreuzgang nachempfunden, der die Besucher um einen Sakralraum herumführt. Der von Meinrad von Gerkan entworfene Christus-Pavillon entstand im Auftrag der evangelischen Landeskirche für die Weltausstellung "EXPO 2000" in Hannover. Danach wurde er in Volkenroda neu aufgebaut und bildet nun, mit seiner Mischung aus Stahl und Glas, einen erfrischenden Kontrast zu den rund 900 Jahre alten Mauern des Klosters. Kein Wunder, dass der Pavillon sich schnell zu einem Publikumsmagneten entwickelt hat. „Immer wenn wir Verwandte und Bekannte zu Besuch haben, gehen wir hierher und schauen uns das an“, erzählt etwa ein Besucher aus dem nahe gelegenen Schlotheim.

Pilgerreise durch die Zeiten

Reportage Kloster Volkenroda Reste des alten Kreuzgangs der Klosterkirsche Volkenroda, Thüringen, aufgenommen am 27. August, Fotograf: Michael Münz

Erinnerung an alte Zeiten: Reste des früheren Kreuzgangs

An diesem Tag dringt Musik aus dem Pavillon. Alte Instrumente wie Zink und Laute erklingen, dazu Akkordeon und Percussion. Die Komponistin Sarah Nemtsov ist aus Berlin angereist. Mit einem kleinen Ensemble probt sie für die Uraufführung ihres Liederzyklus „Siebenfacher Trost“. Einmal im Jahr lädt das Kloster Volkenroda zum „Festival Junge Kunst“ ein. Nemtsov erhielt einen Kompositionsauftrag. „Ich sollte einen Zyklus für den Ort schreiben“, erzählt die 30-Jährige. Als erstes stattete sie dem Kloster einen Besuch ab. „Dieses Aufeinandertreffen von Altem, Kaputtem hat mich fasziniert", sagt Nemtsov. „denn das Kloster trägt viele verschiedene Zeiten in sich." So greift Nemtsovs Komposition Zeiten, Orte und das Thema des Pilgerns auf. „Es ist eine Wunde hier sichtbar", sagt die Musikerin, "aber trotz der Wunde wirkt es nicht trostlos." Wer nach Volkenroda kommt, kann durch Räume des alten Gemäuers bis in den Christus-Pavillon wandeln, Nemtsovs Musik im Ohr.

Ruhe kehrt ein

Unterdessen strömt die Reisegruppe zurück auf den Klosterplatz. Die Besucher wenden sich Richtung Bus, der am Ortseingang parken musste. Martha und Peter Schreier bleiben noch ein paar Stunden. Nachmittägliche Ruhe breitet sich aus im Kloster Volkenroda.

Die Redaktion empfiehlt