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Wie werden Investitionen zukunftsfähig?

25. Februar 2021

Auch für die Finanzmärkte ist das 1,5-Grad-Ziel eine große Herausforderung. Im Auftrag der Bundesregierung legen Experten dafür jetzt Lösungswege und Empfehlungen vor.

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Kohlekraftwerk in Hanau. Davor brennt das Zeichen von CO2.
Auch die Finanzmärkte sind gefragt, um die Erderwärmung zu stoppen.Bild: picture-alliance/dpa/B. Roessler

"Unsere Wettbewerbsfähigkeit lässt sich nur sichern, wenn wir die wirtschaftliche Transformation finanzieren, die uns morgen eine gute Weltmarktposition verspricht – und sie kompatibel mit dem 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens und den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen ist", sagen die Vorsitzenden des Sustainable-Finance-Beirats (SFB) Prof. Karsten Löffler und Kristina Jeromin.

Im Auftrag der Bundesregierung berieten sie mit 36 weiteren Experten aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft Lösungsansätze für einen zukunftsfähigen Finanzmarkt. Ihre Handlungsempfehlung "Shifting the Trillions - Ein nachhaltiges Finanzsystem für die Große Transformation" wurde am 25.2. in Berlin vorgestellt.

"Nun liegt es an der Bundesregierung, die Empfehlungen des Beirats in konkrete Politik umzusetzen", so Löffler.

Chancen und Risiken

Bislang ist das Finanzsystem auf den Umgang mit dem Klimaschutz unzureichend vorbereitet. "Wir sind mit ökologischen und sozialen Herausforderungen konfrontiert wie nie zuvor. Trotzdem unterschätzen viele Unternehmenslenker das Ausmaß der Veränderungen", beschreibt Beiratsmitglied Ingo Speich vom Wertpapierhaus der Sparkassen Deka Invest die Situation. "Die Konsequenz: Geschäftsmodelle sind bedroht, das Risiko von 'stranded assets' [gestrandeten Vermögenswerten] nimmt zu."

Der Beirat empfiehlt der Bundesregierung daher eine verlässliche Nachhaltigkeitspolitik, Deutschland könne "zu einem führenden Standort für Sustainable Finance [Nachhaltige Finanzwirtschaft] werden". Dafür seien massive Investitionen nötig. Um die Produktionsweisen zukunftsfähig zu machen, müsse die Finanzwirtschaft entsprechende Mittel mobilisieren.

Ein anderes wichtiges Instrument seien Klimaberichte der Unternehmen. Dabei sollen Unternehmen aufzeigen, welche Chancen und Risiken für sie beim Weg zur Klimaneutralität bis 2050 und zur Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze bis 2035 bestehen.  

Der Beirat empfiehlt für Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern ab 2022 eine Integration solcher Klimaberichte in ihre Finanzberichte. "So können Investoren einschätzen, wie gut Unternehmen die erforderliche Transformation meistern werden", sagt Beiratsmitglied Prof. Karsten Neuhoff vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

stillstehendes Kohlekraftwerk Mehrum in Niedersachsen im Sonnenuntergang
Immer mehr Kohlekraftwerke stehen in Deutschland still, Investitionen in Kohle sind nicht mehr lukrativ.Bild: picture-alliance/dpa/J. Stratenschulte

Finanzbranche braucht Signale vom Staat

Wichtig für eine nachhaltige Ausrichtung des Finanzmarkts ist laut Beirat auch das Verhalten der öffentlichen Hand. Derzeit trage die Anlagepolitik der Bundesregierung und der Bundesländer nicht zum Erreichen des Pariser Klimaabkommens oder des europäischen Green Deal bei. Das müsse sich ändern und könne auch positive Signale für andere Bereiche setzen.

Der Umgang mit öffentlichen Geldern könne "eine marktlenkende Vorbildfunktion haben", sagt Beiratsmitglied Regine Richter von der Nichtregierungsorganisation Urgewald. Die Ausrichtung von Anlagen, Absicherungen, Garantien, Anreizprogrammen und Exportförderungen sollten künftig mit den Klimazielen kompatibel sein, empfehlen die Experten.

Von der Nische zum Mainstream

Laut Sustainable-Finance-Beirat ist das Interesse an nachhaltiger Geldanlage in Deutschland groß, es gibt jedoch zu wenig Angebote. Der Beirat empfiehlt darum, die Nachhaltigkeit von Finanzprodukten künftig mit einer einfachen Skala von 1 bis 5 zu klassifizieren. Das schaffe Transparenz "und wird dazu beitragen, dass Kunden mehr Kapital für die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung zur Verfügung stellen. Diese Kapitalmobilisierung ist für die Transformation erforderlich", erklärt Beiratsmitglied Helge Wulsdorf von der Bank für Kirche und Caritas.

Darüber hinaus sollten beispielsweise Rentensparpläne, die nachhaltig angelegt seien, vorrangig gefördert werden. Und nachhaltige Anlageprodukte sollten künftig von Steuern befreit werden, so die Empfehlung.

Sustainable-Finance-Beirat mit vertretern der Bundesregierung Gruppenfoto
Der Sustainable-Finance-Beirat mit Vertretern der Bundesministerien beim ersten Treffen im Juni 2019Bild: BMF

Wissenslücken schließen

Ein nachhaltiges Finanzsystem braucht Wissen für zukunftsgerichtetes Handeln. Diese Kenntnisse müssten laut Beirat in vielen Gesellschaftsbereichen noch aufgebaut werden, etwa in der beruflichen Aus- und Fortbildung sowie in Schulen und Hochschulen.

"Die Nachhaltigkeits-Qualifikation von Entscheiderinnen und Entscheidern in Unternehmen sowie eine breite gesellschaftliche Bildungsoffensive sind Voraussetzungen für eine zukunftsfähige und resiliente Wirtschaft", betont Beiratsmitglied Angela McClellan vom Forum Nachhaltige Geldanlagen. "Aufsichtsräte und Führungskräfte in Unternehmen brauchen Nachhaltigkeitskompetenzen, um ihr Unternehmen in eine nachhaltige Zukunft zu lenken. Hierfür müssen auch Anreizstrukturen in der Vergütung geschaffen werden."

Infografik Stromkosten im Vergleich in Europa im Jahr 2030 laut aktuellen Prognosen mit erneuerbaren Energien und Atomkraft.
Erneuerbare Energien erzeugen am günstigsten klimafreundlichen Strom

Paradigmenwechsel

"Das Damoklesschwert schwebt über uns. Wir haben zu lange auf Kosten der Ressourcen künftiger Generationen gelebt", sagt Beiratsmitglied Frank Scheidig von der Deutschen Zentral-Genossenschaftsbank. Nun dränge die Zeit und der Kapitalmarkt müsse bei der anstehenden Transformation eine essenzielle Rolle übernehmen: "Die Finanzierungs- und Investitionsentscheidungen, die wir heute und in den kommenden Jahren treffen, werden unsere Zukunft sowie die Zukunft unserer Kinder, unserer Enkel und der kommenden Generationen bestimmen. Es gibt keinen Planeten B!"

Laut Gerald Podobnik, Finanzvorstand bei der Deutsche Bank, setze die Bundesregierung mit dem Beirat ein wichtiges Signal und eine deutliche Botschaft: "Die Notwendigkeit der Transformation ist erkannt und wir handeln."

Mit diesem Ansatz hebe sich Deutschland von manch anderen Finanzplätzen ab. Podobnik betont zugleich die Verantwortung der Banken: "Durch den Zugang zum Kapitalmarkt können wir Unternehmen helfen, die notwendige Transformation voranzutreiben, mit dem Ziel, zukunftssicher aufgestellt zu sein."

Die Bundesregierung will auf Grundlage des Berichts eine nationale Strategie für Nachhaltige Finanzen erstellen. Auch in der EU, den USA, G7 und G20 werden entsprechende Strategien für den Finanzsektor diskutiert.

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Gero Rueter Redakteur in der Umweltredaktion