Wie uns unsere Geschwister prägen | Deutschland | DW | 10.04.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Tag der Geschwister

Wie uns unsere Geschwister prägen

Für viele Menschen ist die längste Beziehung in ihrem Leben die zu ihren Geschwistern. Die Forschung hat das Thema lange vernachlässigt. Klar ist aber: Die Konstellation der Brüder und Schwestern bestimmt nicht alles.

Sie sind da, oft schon, bevor wir überhaupt denken können. Ob wir es nun wollen oder nicht. Jeder, der welche hat, kann sich wohl an Momente erbitterten Streits erinnern - genauso wie an Momente des bedingungslosen Zusammenhalts. Im Kindesalter Geschwister zu haben, ist eine intensive Erfahrung, die uns auch weit darüber hinaus prägt.

Denn in dieser Lebensphase werden die Weichen für die Persönlichkeit gestellt und grundlegende soziale Fähigkeiten erlernt. Inés Brock, Erziehungswissenschaftlerin und Psychotherapeutin in Halle an der Saale, erklärt: "Durch Geschwister bekommen Kinder mit, dass sie nicht der Mittelpunkt der Welt sind. Sie lernen Empathie, also sich in andere hineinzuversetzen, und Konflikte zu lösen."

Das heißt nicht, dass Einzelkindern diese Fähigkeiten zwangsläufig abgehen. Dennoch fehlen ihnen gleichaltrige Bezugspersonen innerhalb der eigenen Familie. Sie haben die Aufmerksamkeit der Eltern ganz für sich alleine - was auch zur Belastung werden kann.

Tag der Geschwister | Baden (Imago-Images/Photocase)

Wie die Orgelpfeifen - vielleicht haben sich aber auch Nachbarskinder zwischen die Geschwister geschlichen

Laut des Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes sind übrigens in den vergangenen 30 Jahren mehr oder weniger konstant die Hälfte aller Kinder Einzelkinder, ein gutes Drittel hat ein Geschwisterkind und rund zwölf Prozent der Kinder haben zwei oder mehr Geschwister.

Erstgeborene, Sandwichkind, Nesthäkchen

In den Anfängen der Geschwisterforschung, in den 1980er Jahren, wurde vor allem der Geschwisterkonstellation große Bedeutung beigemessen. Demnach sind Erstgeborene verantwortungsvoller, Sandwichkinder (die in der Mitte zwischen Älteren und Jüngeren) sozialer und Nesthäkchen risikofreudiger. "Doch inzwischen weiß man, es gibt keine Korrelation nach dem Prinzip 'wenn - dann'", sagt Brock. Zwar habe die Geburtsrangfolge durchaus einen Einfluss auf die Persönlichkeit. Oft organisierten die ältesten Geschwister auch im Erwachsenenalter noch den Zusammenhalt untereinander. Und sogar bei Zwillingen sei es so, dass der oder die Erstgeborene eher vorangehe. "Aber es gibt eben auch noch viele andere Faktoren."

Wie Geschwister sich gegenseitig beeinflussen und miteinander umgehen, hängt auch vom Geschlecht ab. Schwesternbeziehungen gelten als kommunikationsorientierter, so dass sie beispielsweise im Erwachsenenalter lange Telefonate führen. In Brüderbeziehungen gibt es oft mehr Rivalität. Schwestern und Brüder nehmen sich gegenseitig dagegen seltener als Konkurrenz wahr.

"Das verstehen nur meine Geschwister"

Der Altersabstand spielt ebenfalls eine Rolle - ab einem Unterschied von mehr als sieben Jahren nimmt die Verbundenheit unter Geschwisterkindern Brock zufolge ab. Das kann auch Eva Telahr bestätigen. Ihre Geschwister sind jeweils sieben und neun Jahre älter: "Als ich klein war, konnten meine Schwester und mein Bruder nicht viel mit mir anfangen. Ich war einfach die kleine, nervige Schwester." Im Verlauf des Lebens wird der Altersunterschied allerdings unbedeutender. So war es auch für die heute 28-Jährige: "Mittlerweile haben wir eine sehr gute Beziehung, ich kann mir ein Leben ohne Geschwister eigentlich nicht vorstellen. Es gibt einfach Dinge in meinem Leben, die nur sie nachvollziehen können."

Tag der Geschwister | Gruppenbild (Imago-Images/S. Gudath)

Der Altersabstand der Geschwister wird mit den Lebensjahren prozentual immer geringer

Dass sich die Beziehung zu den Geschwistern ständig wandelt, dürfte vielen noch aus der Pubertät in Erinnerung sein: Spielte man eben noch gerne mit dem Geschwisterchen Playmobil oder baute Hütten, so interessieren ab zwölf, 13 Jahren plötzlich ganz andere Dinge. Im Erwachsenenalter folgen dann wieder Phasen der Annäherung - etwa, wenn eigene Kinder kommen oder die Eltern Pflege brauchen.

Jannik Reker aus Köln hat eine drei Jahre ältere Schwester, zu der die Beziehung seit jeher gut war. "Aber auch bei uns gab es diese Phase, wo wir weniger miteinander zu tun hatten. Das hat erst in den Zwanzigern wieder angefangen." Heutzutage sehen der 27- und die 30-Jährige sich regelmäßig, machen sogar Sport zusammen oder gehen feiern. Besonders zusammengeschweißt hat sie wohl auch, dass sie als Kinder gemeinsam die Trennung der Eltern bewältigen mussten. Reker erklärt: "Es hat gut getan, das nicht alleine durchmachen zu müssen. Und auch heute unterstützen wir uns noch gegenseitig, wenn es Probleme in der Familie gibt."

Geschwister: Hilfe oder Hölle

Bei so einschneidenden Ereignissen wie der Trennung der Eltern oder wenn das Verhältnis zu diesen insgesamt schwierig ist, kann es umso befreiender sein, die Probleme mit jemandem zu teilen, der ebenfalls betroffen ist. Doch bei all den Vorteilen, die es mit sich bringt, Geschwister zu haben: Gerade weil die Beziehung oft eine der längsten und wichtigsten im Leben ist, können Geschwister sich auch sehr verletzen und im Weg stehen.

Tag der Geschwister | Bernhard und Hans-Jochen Vogel (picture-alliance/BREUEL-BILD/J. Reetz)

Brüder: Bernhard Vogel (links), CDU, ehemals Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Thüringen, und Hans-Jochen Vogel (rechts), SPD, Ex-Justizminister und SPD-Parteivorsitzender - und der ältere der beiden

Die 29-jährige Lisa Schuhmann (Name von der Redaktion geändert) etwa hat schon seit mehreren Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrem Bruder. Aufgrund persönlicher Probleme habe dieser Abstand von der gesamten Familie genommen - eine Entscheidung, die Schuhmann zu schaffen macht. "Es ist nicht leicht für mich. Ich hoffe, dass sich unsere Wege irgendwann wieder kreuzen."

In anderen Fällen gibt es schon in der Kindheit Schwierigkeiten mit Bruder oder Schwester. Dass überhaupt ein Geschwisterkind dazukommt, ist laut Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Brock für die Älteren oft nicht einfach. Wenn ein Geschwister, etwa aufgrund einer Krankheit oder Behinderung, mehr Aufmerksamkeit brauche oder die Eltern generell ein Kind vorzögen, sei das ebenfalls eine schwierige Konstellation. Unter Geschwistern gibt es nicht zuletzt auch Hierarchiegerangel, Mobbing und sogar körperliche Gewalt - Brock rät Eltern, genau hinzuschauen und nicht alles als harmlosen Streit abzutun.

Dass wir mit unseren Geschwistern in den ersten Lebensjahren mit Abstand die meiste Zeit verbringen und dass sie für die psychische Entwicklung enorm wichtig sind, wurde in der Forschung lange vernachlässigt. Auch heute noch seien im therapeutischen und pädagogischen Kontext Geschwisterbeziehungen zu selten im Fokus, findet Brock. Höchste Zeit also, die oft längste Beziehung unseres Lebens zu würdigen - gerade in einer Welt, in der vieles unstet und willkürlich geworden ist.

Video ansehen 04:53

Großfamilie mit 12 Kindern

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema