Wie umweltfreundlich sind Elektroautos wirklich? | Wirtschaft | DW | 06.08.2016
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Wirtschaft

Wie umweltfreundlich sind Elektroautos wirklich?

Wenn ein Elektroauto Kohlestrom tankt, ist seine Klimabilanz kaum besser als die eines Benziners. Damit die E-Mobilität ein Erfolgsmodell wird, setzen Forscher auf die Energiewende und den technischen Fortschritt.

Sie stoßen kein klimaschädliches CO2 und keine gesundheitsgefährdenden Stickoxide aus. Sie machen keinen Lärm und sie sind kinderleicht zu bedienen. Die Vorteile von Elektroautos gegenüber Benzinern oder Dieselfahrzeugen scheinen auf der Hand zu liegen. Die deutsche Bundesregierung will mit ihrer Hilfe ihr Klimaziel - eine Reduzierung der Treibhausgase um 40 Prozent verglichen mit 1990 - erreichen. Bis 2020 sollen eine Million E-Autos auf Deutschlands Straßen unterwegs sein, so das Ziel.

Doch die Rechnung geht nicht auf. Vier Jahre vor Ablauf der Frist sind gerade einmal knapp 50.000 Elektroautos in Deutschland zugelassen. Und auf die CO2-Bilanz wirken die sich bislang kaum positiv auf.

Die Umweltbelastung wird verlagert

Insgesamt sei die Klimabilanz des batteriebetriebenen Autos "unter heutigen Bedingungen ähnlich der Bilanz konventioneller Pkw mit Verbrennungsmotor - unabhängig von der Fahrzeuggröße", fasst das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (IFEU) das Ergebnis ihrer Studie im Jahr 2011 zusammen.

Das Kohlekraftwerk Mehrum und Windräder produzieren am 09.09.2015 Strom in Hohenhameln im Landkreis Peine (Niedersachsen). Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Kohle oder Wind? Der Strommix entscheidet maßgeblich darüber, wie "grün" ein Elektroauto ist

Das läge vor allem daran, dass die Umweltbelastung verlagert wird: von der Straße zum Kraftwerk. Mehr als die Hälfte des deutschen Stroms wird nach wie vor aus klimaschädlicher Braunkohle, Steinkohle und Erdgas gewonnen. Studien zeigen: Wer sein Elektroauto mit dem normalen deutschen Strommix betreibt, muss 100.000 Kilometer fahren, um klimafreundlicher als ein Verbrenner zu sein. Wer reinen Ökostrom tankt, fährt bereits nach 30.000 Kilometern klimaneutral.

Hoher Energieeinsatz bei Batterieherstellung

Auch in der Herstellung ist ein Elektroauto nicht gerade ein Umwelt-Vorbild: Bei der Produktion fallen mehr als doppelt so viele Emissionen an wie bei einem Fahrzeug mit Verbrennungsmotor, ergab eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik.

Das liegt vor allem an der Batterie: Nach Schätzungen des IFEU kann man pro Kilowattstunde Batteriekapazität etwa 125 Kilogramm CO2-Emissionen ansetzen. Für einen 22-kWh-Akku, wie er zum Beispiel im BMW i3 verbaut ist, würde das knapp drei Tonnen CO2 bedeuten.

Smart III-Batterie für Elektroautos Foto: picture-alliance/dpa/A. Burgi

Die Herstellung des Akkus ist extrem energieintensiv

Kupfer, Kobalt, Neodym: Metalle und seltene Erden wie diese zählen zu den wichtigsten Bestandteilen des Akkus. Der Abbau dieser Bodenschätze in Ländern wie China oder der Demokratischen Republik Kongo führt zu systematischer Umweltzerstörung: abgeholzte Regenwälder, verseuchte Flüsse, kontaminierte Böden.

Hinzu kommt, dass viele Autobauer die Karosserien ihrer E-Fahrzeuge aus Aluminium fertigen lassen. Die Gewinnung des Leichtmetalls aus dem Erz Bauxit ist extrem energieintensiv.

Umweltschützer: Weniger Autos, mehr Busse

Das Umwelt- und Prognose-Institut (UPI) warnt zudem davor, dass mehr Elektroautos zu mehr Verkehr führen könnten. Beispiel Norwegen: In keinem anderen Land gibt es - gemessen an der Einwohnerzahl - mehr Elektroautos. Nach Anschaffung der E-Mobile ist nach UPI-Angaben die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel bei Fahrten zur Arbeit um mehr als 80 Prozent zurückgegangen.

Elektro-Linienbusse in Berlin Foto: Stephanie Pilick/dpa

Einige Städte haben bereits Busse mit Elektroantrieb in ihrem Fuhrpark

Die Umweltorganisation Greenpeace schlägt deshalb vor, den öffentlichen Nahverkehr zu elektrifizieren, statt den Kauf von Elektro-PKW zu bezuschussen. "10.000 Elektrobusse bringen so viel wie eine Million Elektroautos", zitiert die Zeitung "Die Welt" den Greenpeace-Mobilitätsexperten Daniel Moser. Mit ihrer vor wenigen Wochen eingeführten Kaufprämie für Elektroautos setzen Bundesregierung und Autobauer aber weiter auf den Individualverkehr.

Persilschein für Spritschleudern

Juristisch werden Elektroautos trotz ihres nicht unerheblichen indirekten CO2-Außstoßes als "Null-Emissions-Fahrzeuge" angesehen. Das hat weitreichende Folgen: Die neuen CO2-Grenzwerte der Europäischen Union gelten für die Durchschnitts-Emissionen der gesamten Flotte eines Herstellers. Durch den Bau von "emissionsfreien" Elektroautos können die Autobauer daher straffrei die EU-Grenzwerte bei schweren SUVs und Geländewagen überschreiten.

BMW i3 in London Foto: EPA/GERRY PENNY

Elektroautos - wie dieser BMW i3 - gelten trotz ihrer durchwachsenen Klimabilanz als emissionsfrei

Wissenschaftler und Umweltschützer sind sich einig: Die Elektromobilität kann nur ein Erfolgsmodell werden, wenn Grenzwerte ernst genommen werden und gleichzeitig die Energiewende vorangetrieben wird. Bis zum Jahr 2035 sollen 55 bis 60 Prozent des deutschen Stroms aus erneuerbaren Energiequellen - Wind, Sonne, Wasser und Biomasse - stammen, lautet das Ziel der Bundesregierung.

Mobilitäts- und Energiewende gemeinsam denken

Elektroautos kann beim Erreichen dieses Ziels eine Schlüsselrolle zukommen: Ein intelligentes Ladesystem könnte erkennen, wann durch viel Sonnenschein oder kräftigen Wind Stromüberschüsse vorhanden sind - und dann das Auto mit diesem Strom betanken. Wird das Auto im Anschluss nicht direkt bewegt, kann die Batterie als Energiespeicher dienen und in windstillen Stunden oder nach Sonnenuntergang den Strom wieder ins Netz einspeisen.

Und auch die Technologie entwickelt sich beständig weiter: Akkus von Elektroautos werden von Generation zu Generation leistungsfähiger und müssen seltener ausgetauscht werden. An mehreren Universitäten entwickeln Wissenschaftler Verfahren, alte Batterien zu recyceln. All das kann in Zukunft den "ökologischen Fußabdruck" von Elektroautos verringern und sie zu einer echten Alternative werden lassen.

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