Wie türkische Krankenhäuser die Patientenflut bewältigen | Europa | DW | 06.05.2020
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Covid-19

Wie türkische Krankenhäuser die Patientenflut bewältigen

Das türkische Gesundheitssystem stemmt die Corona-Krise bislang besser als erwartet. Dennoch arbeitet das medizinische Personal in vielen Bereichen bis zum Umfallen. Eindrücke aus dem Cerrahpasa Krankenhaus in Istanbul.

Zu Beginn der Corona-Krise machten sich türkische Ärzte und Krankenhausangestellte auf das Schlimmste gefasst: Engpässe bei Beatmungsgeräten und Intensivbetten wurden erwartet. Die Verbände der türkischen Ärzte (TBB) und Krankenhausangestellten sagten der Deutschen Welle, dass der baldige Ansturm von Corona-Patienten das Gesundheitssystem an seine Grenzen bringen werde. Die Angst vor italienischen Verhältnissen ging um.

In den Folgemonaten hat sich die Pandemie in der Türkei tatsächlich rasant ausgebreitet. Laut Pressemeldungen des türkischen Gesundheitsministeriums hat sich die Zahl der Infizierten im April ungefähr verzehnfacht; zeitweise verbreitete sich das Virus nur in den USA so schnell.

Die Befürchtungen der Ärzte haben sich jedoch nicht bestätigt. Das türkische Gesundheitswesen hält dem Andrang bisher stand. Nach Angaben der türkischen Regierung seien türkische Krankenhäuser sogar noch lange nicht ausgelastet. Es seien nur 60 Prozent aller Intensivbetten belegt.

Cerrahpasa: An vorderster Front gegen das Virus

Nach Meinung von einigen Experten sei dieser Erfolg auch auf gut ausgebildete Ärzte und gut ausgestattete Krankenhäuser zurückzuführen. Das größte türkische Krankenhaus, das Istanbuler Universitätsklinikum Cerrahpasa, befindet sich an vorderster Front im Kampf gegen das Virus. Keine Region ist so sehr betroffen, wie die Bosporusmetropole, in kaum einem Krankenhaus werden so viele COVID-19-Patienten eingeliefert wie ins Cerrahpasa.  

Ärzte, Krankenschwestern, das Sicherheitspersonal oder Reinigungskräfte arbeiten seit Wochen unter außergewöhnlichen Bedingungen. Täglich sind sie dem erhöhten Risiko ausgesetzt, sich selber mit dem Coronavirus zu infizieren.

Semra Tezer, Krankenschwester des Krankenhauses Cerrahpasa

Semra Tezer, Krankenschwester des Krankenhauses Cerrahpasa

Emre Eskazan, Arzt der Inneren Medizin am Cerrahpasa, ist das passiert. Er musste in seinem eigenen Krankenhaus behandelt werden. Doch weil er jung und gesund sei, ein starkes Immunsystem habe und weil die Krankheit früh erkannt worden sei, habe er die Krankheit leicht überstanden, erzählt Eskazan. "Mein Zustand war gut, aber ich machte mir um meine Eltern Sorgen, die schon etwas älter sind". Tatsächlich habe es dann seine Mutter erwischt, bei der starkes Fieber und Husten aufgetreten seien. Später kam noch eine Lungenentzündung hinzu. "Wir hatten eine schwierige Zeit. Aber jetzt ist alles gut, sie ist wieder zuhause."

Nach seiner Quarantänezeit kümmere er sich wie gewohnt um Corona-Patienten. Zurzeit sei er für die Behandlung von 20 Patienten verantwortlich. "Die Tatsache, dass ich den Virus schadlos überstanden habe und nun mein normales Leben fortführe, erhöht die Moral meiner Patienten", berichtet Eskazan. 

"Dieses Mal müssen wir uns selber schützen"

Die Krankenschwester Kelez Yayik arbeitet seit 20 Jahren am größten Krankenhaus der Türkei. Sie habe in dieser Zeit schon einiges gesehen: Überlebende des "großen Erdbebens" im Jahr 1999 in der Nähe von Istanbul oder Opfer von Terroranschlägen habe sie auf ihrer Station betreut.  

"Diese Ereignisse und der anschließende Überlebenskampf waren große Herausforderungen hier für uns. Aber es ist das erste Mal, dass wir uns auch selber schützen müssen. (...). Das ist der Hauptunterschied."

Türkei Coronavirus Krankenschwestern und Ärzte (DW/E. Algan)

Mehr Solidarität unter Krankenhauspersonal

Daher seien am Anfang alle sehr ängstlich gewesen, erzählt sie. "Doch mit der Zeit hat die Angst bei den Kollegen abgenommen." Man sehe, dass viele ihrer Patienten schnell gesundeten, gleichzeitig mache es sie aber auch traurig, wie viele andere auf der Intensivstation im Koma liegen. Der erhöhten Verantwortung und dem Andrang könne man nur mit deutlich mehr Aufwand gerecht werden. "Das bedeutet viele Überstunden": 12 bis 16 Stunden täglich, anstatt der üblichen Acht-Stunden-Schicht, müsse sie jetzt im Krankenhaus arbeiten.

Doch bei allen Strapazen durch die Corona-Krise gebe es wenigstens einen schönen Nebeneffekt: Die Pandemie habe nicht nur zu Leid, sondern auch zu Solidarität in der Gesellschaft sowie unter den Angestellten des Cerrahpasa Krankenhauses geführt. "Wir waren noch nie so nah beieinander. Nichts ist so unterstützend wie motivierende Kollegen."

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