Wie sexistisch sind deutsche Schlagertexte noch heute? | Musik | DW | 22.08.2020
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Sexismus

Wie sexistisch sind deutsche Schlagertexte noch heute?

Der Schlager ist die deutscheste aller Musikgattungen. Besungen werden Heimat, Liebe und Feierlaune. Doch eine Diskussion über die Liedinhalte fehlt.

Die deutsche Musikszene hat ein Problem mit Sexismus. Darauf will zum Beispiel die Initiative #unhatewomen des Menschenrecht-Vereins "Terre des Femmes" aufmerksam machen, die Hassreden gegen Frauen in Liedtexten deutscher Rapper anprangert. Untermauert wurde diese Anklage frauenverachtender Texte im Deutsch-Rap durch eine Analyse des Spiegel-Magazins, bei der 30.000 Deutschrap-Texte auf ihren sexistischen Inhalt hin geprüft wurden.

Der Fokus auf den Deutsch-Rap ist dabei so verständlich, wie er gefährlich ist. Indem das Genre wieder einmal als das schwarze Schaf herausgegriffen wird, wird auch das Vorurteil des besonders sexistischen Genres verfestigt. Der Hinweis am Ende des Artikels auf andere, ebenso sexistische Gattungen geht ziemlich unter. Grund genug, eine vermeintlich harmlose Gattung zu untersuchen: Wie sexistisch ist eigentlich der deutsche Schlager

Die deutscheste aller Musikgattungen

Udo Jürgens und Karel Gott

Schlagerstars vereint: Udo Jürgens (li) und Karel Gott (re) bei einem Treffen in Wien 1968

Der Schlager gehört zu Deutschland wie die Butter auf das Brot. Im Festzelt, im Radio oder auf Spotify wird das heimelige Genre rauf und runter gespielt, bereits verstorbene Schlagerstars wie Roy Black, Udo Jürgens oder Karel Gott sind auch jüngeren Generationen durchaus ein Begriff. Dass solche Schlagergrößen dermaßen im kulturellen Gedächtnis verankert sind, hat sicher mit der Geschichte der Gattung zu tun.

"Keine andere Musikgattung war anfangs so wenig durch übergreifende musikalische Elemente oder Texte charakterisiert wie der Schlager", schrieb der Musikwissenschaftler Julio Mendivíl 2007 in seiner Doktorarbeit "Der deutsche Schlager. Ein musikalisches Stück Heimat". Vereinendes Element war in den Anfängen nach dem zweiten Weltkrieg vielmehr das Betonen einer vertrauten, aber verloren gegangenen deutschen Heimatidylle, die es in den Liedern wiederherzustellen galt. Man könnte also durchaus sagen, dass sich das Nachkriegs-Deutschland über den harmlos anmutenden Schlager wiedererfunden hat. 

Übergriffiges Verhalten wird harmlos dargestellt

Diese repräsentative Stellung des Schlagers in den 1950er- und 60er-Jahren war aber durchaus problematisch, wie die Musikwissenschaftlerin Marina Schwarz von der Universität Leipzig weiß. Sie schreibt gerade ihre Doktorarbeit zum Frauenbild im deutschen Schlager und hat deshalb viel mit sexistischen Texten zu tun. "Diese Lieder sind in einer Zeit entstanden, in der Sexismus leider viel gesellschaftsfähiger war als heute.” Als Beispiel nennt sie das 1977 erschienene Lied "Im Wagen vor mir” von Hans Blum und Ursula Peysang alias Henry Valentino mit Uschi.

Schlagerstar Hans Blum aka Henry Valentino

Hans Blum alias Henry Valentino landete mit "Im Wagen vor mir" einen seiner größten Hits

Darin folgt ein Mann im Auto ungeniert einer Fahrerin, weil er ihren Anblick von hinten genießt. Die Frau hingegen bekommt zunehmend Angst und biegt schließlich ab, um sich hinter Hecken am Straßenrand zu verstecken. Anstatt diese Situation aber zu problematisieren, stellt das Lied die übergriffige Situation mit unironisch beschwingter Countrymusik als den harmlosen Annäherungsversuch des Mannes dar - und die Frau ärgert sich lediglich, weil sie so zu spät nach Hause kommt. 

Drei Formen des Schlagers

Diese klassische Form des Schlagers gebe es immer noch, sagt die Expertin Schwarz, es müssten aber zwei weitere Formen hinzugefügt werden: der Pop-Schlager um Protagonistinnen wie Helene Fischer, Andrea Berg oder Vanessa Mai sowie der Mallorca-Schlager um Sänger wie Micky Krause, Jürgen Drews oder Ikke Hüftgold. Besonders letztere Form, die vor allem bei jüngerem Publikum und im Feierkontext gehört werde, sei offen sexistisch. Beispiel gefällig? In dem Lied "Geh mal Bier holen” des erfolgreichen Ballermann-Sängers Mickie Krause fordern verschiedene Männer - mal zuhause vor dem Fernseher, mal in einem Swinger-Klub - Frauen auf, ihnen ein Bier holen zu gehen. Die Begründung: "Du bist schon wieder hässlich." Auf Spotify wurde das Lied bereits über 18 Millionen Mal gespielt.

"Das ist Teil der immer noch patriarchalischen Gesellschaft, in der wir leben", so Marina Schwarz. Es sei also ein gesamtgesellschaftliches Problem, das dementsprechend auch die gesamte Musikindustrie betreffe. Das erkläre auch, warum nicht nur Männer, sondern auch Frauen bei diesen Liedern mitsingen und -feierten. Schwarz nennt das eine Form von "internalisierter Misogynie". Das heißt: Frauen, die in einer strukturell sexistischen Gesellschaft aufgewachsen sind, saugen die allseits präsenten, frauenverachtenden Gedanken auf, so dass diese normal wirken und auch von Frauen reproduziert werden. 

Ein wichtiger Faktor, warum das beim Schlager weniger auffällt, ist sicherlich die Form und Präsentation: Viele Schlagerstars sehen aus wie der bürgerliche Familienvater von nebenan, die Musik ist simpel, nie hart oder unharmonisch, die Themen sind zum Beispiel Liebe, Heimat oder Partys mit Freunden. Die Musikwissenschaftlerin Schwarz bestätigt das: "Ja, ich glaube, dass diese 'zuckrige' Atmosphäre beim Schlager oftmals darüber hinwegtäuscht, dass da auch sehr problematische Texte drunter liegen können."

"Eine Form von Selbstermächtigung" 

Helene Fischer 2017 bei einem Auftritt in Hannover, Tour Auftakt

Helene Fischer ist das Paradebeispiel für den selbstbewussten und erfolgreichen Pop-Schlager, der ohne Sexismus auskommt

Aber es geht auch anders. Das zeige etwa die dritte Form des Schlagers, der neuere Pop-Schlager. Auch dort werden zwar oft noch konservative Ideale, zum Beispiel die klassische Beziehung zwischen Mann und Frau, besungen, gleichzeitig glichen sich die Sänger aber verstärkt an internationale Pop-Standards an, so Schwarz. Das könne man beispielhaft an den Auftritten, Outfits oder Texten Helene Fischers sehen. "Das Lied "Atemlos" ist ein richtiges hedonistisches Manifest, wo die Frau aktiv auftritt. Das ist fast schon eine Form von Selbstermächtigung." 

Was offensichtlich - in deutscher Sprache zumindest - gut ankommt: Die aktuell erfolgreichsten Schlagerkünstler respektive Künstlerinnen sind allesamt Vertreter des Pop-Schlagers. Und weil der Pop-Schlager finanziellen Erfolg verspricht, ist es gut möglich, dass in Zukunft schon aus rein geschäftlichen Überlegungen mehr Lieder in dieser Art geschrieben werden - und damit potenziell auch weniger sexistische Lieder.

"Ich glaube nicht, dass wir nochmal zurückgehen in die Phase, wo Sexismus sehr offen besungen wurde”, hofft auch Marina Schwarz und begründet das mit der Hörerschaft: "Die Musik und die Texte spiegeln oftmals die Gruppen wider, die diese Art von Musik hören, was sie bewegt und was ihre Erwartungen an die Musik sind. Und die meisten sind Hörerinnen. Deswegen glaube ich auch nicht, dass die typische Schlager-Hörerin noch einmal in das dunkle Zeitalter von dem 'Wagen vor mir' zurückkehren will."

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