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KulturGlobal

Wie Museen zu Orten der Begegnung werden

Cristina Burack
17. Mai 2026

Museen zeigen längst mehr als nur Kunst und Geschichte. Weltweit öffnen sie sich für Beteiligung, soziale Projekte und neue Zielgruppen - von Tanzkursen bis zu Bürgerforen und Jugendprogrammen.

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Menschen auf Yogamatten inmitten von Kunstwerken in einem Museum.
Auch das ist Museum heute: Pilateskurs im Musée La Piscine in Roubaix Bild: Thierry Thorel/MAXPPP/picture alliance

Um 530 v. Chr. eröffnete im mesopotamischen Staat Ur - im heutigen Irak - das erste öffentliche Museum der Welt. Kuratorin war eine Priesterprinzessin, das Museum gehörte zu einem Palastkomplex und zeigte Fundstücke aus der Region mit Informationstafeln in mehreren Sprachen.

Rund 2.500 Jahre später haben sich Museen von reinen Lernorten zu Räumen entwickelt, in denen Besucher mit dem Gesehenen interagieren können. Möglich macht das moderne Technik - von digitalisierten Sammlungen über Social Media bis hin zu Virtual Reality.

Doch inzwischen geht der Wandel noch weiter: Der Fokus verschiebt sich weg von den ausgestellten Objekten hin zu den Menschen, die sie betrachten. Museen werden zunehmend zu Orten der Begegnung und Beteiligung.

Das Innere eines runden Raumes mit Steinmauern mit einem langen halbkreisförmigen Pult, auf dem verschiedene Abbildungen zu sehen sind.
Das Festungsmuseum Seddülbahir im türkischen Canakkale bindet Stimmen der lokalen Bevölkerung ein und ist für den Titel "Europäisches Museum des Jahres" nominiert.Bild: Egemen Karakaya

Eine neue Museumsdefinition für eine neue Zeit

"Museen bewegen sich klar in diese Richtung", sagt der Museumsexperte, Berater und Wissenschaftler Sandro Debono im Gespräch mit der DW. Er verweist auf die aktuelle Definition des Internationalen Museumsrats ICOM, einer weltweiten Nichtregierungsorganisation zur Förderung kulturellen Erbes. Die 2022 verabschiedete Definition nennt ausdrücklich Inklusion, Vielfalt und gesellschaftliche Beteiligung als zentrale Aufgaben von Museen. Das ist ein deutlicher Unterschied zur früheren Definition, in der zwar vom Dienst an der Gesellschaft die Rede war - nicht aber davon, Menschen aktiv einzubeziehen.

Besonders in Lateinamerika seien solche Ansätze stark verbreitet, so Debono. Dort reichen Ideen von Museen als Orten der Teilhabe und Inklusion bis in die 1970er-Jahre zurück. Einige Jahrzehnte später entstand das Konzept, nicht die Objekte, sondern die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, insbesondere benachteiligte Gruppen. Ziel ist es, Selbstbestimmung, kulturelles Erbe und gesellschaftlichen Wandel zu fördern. Inzwischen werden diese Ideen weltweit aufgegriffen; selbst traditionelle Institutionen öffnen sich zunehmend dafür.

Drei Personen stehen vor einem großen Gemälde in einem Museum.
Das Amsterdamer Stedelijk-Museum setzt auf die Beteiligung JugendlicherBild: Dingena Mol/ANP/picture alliance

Für Julia Pagel, Generalsekretärin des Netzwerks Europäischer Museumsorganisationen (NEMO), ist das ein Schritt "von der Sammlung zur Verbindung". Im DW-Interview sagt sie, europäische Museen konzentrierten sich immer stärker auf Gemeinschaften. Staatliche Fördergelder seien zunehmend an gesellschaftliche Relevanz geknüpft. "Museen müssen sich von Orten, die man besucht, zu sozialen und zivilgesellschaftlichen Infrastrukturen entwickeln - zu vertrauenswürdigen Orten, an denen Menschen zusammenkommen und Ideen austauschen können."

Von Lyrik bis Tanz: Neue Formen der Beteiligung

Spezielle Führungen, Museumsnächte oder Konzerte gehören zwar schon lange zum klassischen Angebot vieler Museen. Doch heute gehen viele Beteiligungsformate weit darüber hinaus: Besucher nehmen an Aktivitäten teil, die oft gar nicht direkt mit der Sammlung verbunden sind.

Im National Museum of Singapore können ältere Menschen mit Gedächtnis- oder kognitiven Problemen Tanzkurse, Kunstworkshops oder Gesprächsgruppen besuchen. Das Museum wird so zu einem sozialen Treffpunkt für Menschen, die sonst oft vom öffentlichen Leben ausgeschlossen sind.

Kunst mit allen Sinnen

Im Hammer Museum in Los Angeles stehen unter anderem Lyriklesungen und Diskussionen mit Rechtsexperten über den Obersten Gerichtshof der USA auf dem Programm.

Zahlreiche Museen beteiligen sich außerdem an Programmen nationaler Gesundheitsbehörden, die Museumsbesuche als unterstützende Maßnahme gegen Depressionen oder Einsamkeit anerkennen.

Die Mauern des Museums einreißen

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist das Museu de Favela in Rio de Janeiro. Es bezeichnet sich selbst als "lebendiges Museum", dessen wichtigste Sammlung die Bewohner selbst seien. Das gemeinschaftlich organisierte Museum wurde 2008 gegründet. Bewohner der Favela sind in alle Bereiche eingebunden - von Ausstellungen mit Straßenkunst bis hin zu Vorträgen und Handwerkskursen, die von Einheimischen geleitet werden.

Doch auch klassische Museen geben der Bevölkerung zunehmend Möglichkeiten zur Mitgestaltung. In manchen Häusern werden Menschen ohne professionelle Museumsausbildung direkt an der Kuratierung beteiligt.

So startete die Galerie Matica Srpska im serbischen Novi Sad 2022 das Projekt "Novi Sad Citizens Choose". Dabei wählten bekannte Persönlichkeiten der Stadt jeweils ein Kunstwerk aus, das sie besonders anspricht und das anschließend in einer Sonderausstellung gezeigt wurde.

Museen als Orte der Begegnung

Andere Museen gehen noch weiter und holen Bürger direkt ins Museumsteam.

Die Bundeskunsthalle in Bonn versteht sich seit Langem als "aktiver Ort der Begegnung", sagt Katja Schöpe, die dort für Inklusion und Integration zuständig ist.

"Die Frage ist, wie wir ein offener und zugänglicher Ort bleiben können, der Menschen unabhängig von Herkunft oder Bildung anspricht und für eine vielfältige Gesellschaft relevant ist", sagte sie der DW.

Gruppenfoto mit mehreren Personen.
Das Gesellschaftsforum der Bundeskunsthalle BonnBild: Bundeskunsthalle, Bonn

Um das zu erreichen, gründete das Museum 2023 das "Gesellschaftsforum". Eigentlich war es nur als einmaliger Bürgerrat mit 31 Menschen aus der Region gedacht. Doch die Erfahrungen waren so positiv, dass daraus ein dauerhaftes Gremium entstand. Heute berät eine kleinere Gruppe regelmäßig darüber, wie Angebote verständlicher, offener und leichter zugänglich werden können. So gelangen neue Perspektiven ins Museum - und die Grenze zwischen Institution und Öffentlichkeit wird durchlässiger.

Auch das Stedelijk Museum in Amsterdam arbeitet mit sogenannten "Museum Outsiders". Seit 18 Jahren bringt dort jedes Jahr eine Gruppe von 15 Jugendlichen aus unterschiedlichen sozialen Hintergründen ihre Perspektiven in die Museumsarbeit ein - von Führungen über Marketing bis zur Programmgestaltung.

Beteiligung darf keine einmalige Aktion sein

In einer Wirkungsstudie des Museums, die gemeinsam mit ehemaligen Teilnehmern erstellt wurde, kamen die Autoren zu dem Schluss: Wenn Museen für junge und vielfältige Generationen relevant bleiben wollen, brauchen sie "intensive, fest verankerte, kontinuierliche, langfristige und inklusive Jugendprogramme".

"Einmalige Aktionen", heißt es in der Studie, "reichen nicht aus, um den Museumssektor inklusiver und vielfältiger zu machen."

Damit deckt sich diese Sichtweise mit der von Museumsexperte Debono: "Beteiligung ist heute das A und O", sagt er. "Museen setzen das zwar auf sehr unterschiedliche Weise um. Entscheidend ist aber vor allem, wie weit die Beteiligung tatsächlich geht."

Adaption aus dem Englischen: Silke Wünsch