Wie lernen Kinder am besten schreiben? | Deutschlehrer-Info | DW | 20.09.2018
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Deutschlehrer-Info

Wie lernen Kinder am besten schreiben?

Spielerisch heranführen oder einfach nur üben? Es gibt verschiedene Methoden, nach denen in Deutschland schreiben gelernt wird. Doch welche ist die beste? Eine Studie ist dieser Frage nachgegangen.

Viele Grundschüler in Deutschland haben Defizite beim Lesen und bei der Rechtschreibung. Der Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU von Ende 2017 zufolge kann jeder fünfte Zehnjährige in Deutschland nicht so lesen, dass er den Text auch versteht. Und der bei Viertklässlern erhobene IQB-Bildungstrend 2016 ergab, dass nur 55 Prozent orthografische Regelstandards erreichen oder übertreffen.

Psychologen der Universität Bonn haben nun in einer Studie drei Lernmethoden zum Lesen- und Schreibenlernen untersucht. Sie analysierten dabei die Lernerfolge von etwa 3000 Grundschulkindern in Nordrhein-Westfalen, die entweder nach der sogenannten „Fibel-Methode“, der Methode „Lesen durch Schreiben“ oder nach dem „Schreibwerkstatt-Ansatz“ unterrichtet wurden. Die Ergebnisse der Studie wurden am 17. September 2018 bei einer Tagung der Gesellschaft für Psychologie in Frankfurt vorgestellt.

Kinder, die mit der klassischen „Fibel-Methode“ lesen und schreiben lernen, haben laut Studie mit Abstand die besten Rechtschreibkenntnisse, wie Una Röhr-Sendlmeier vom Institut für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie berichtet. Bei der „Fibel-Methode“ werden Buchstaben und Wörter schrittweise und nach festen Vorgaben eingeführt.

Die besten Ergebnisse durch die älteste Methode

Das Psychologenteam hatte über mehrere Jahre hinweg die Rechtschreibkenntnisse von Grundschulkindern in NRW verglichen, die nach den drei verschiedenen Methoden lesen und schreiben lernten. Die mehr als 3000 Kinder wurden dem Bonner Wissenschaftler Tobias Kuhl zufolge zunächst nach ihrer Einschulung auf ihre Vorkenntnisse getestet. Danach seien fünfmal jeweils halbjährlich Diktate ausgewertet worden – immer waren „Fibelkinder“ die leistungsstärksten. Schüler, die mit der Methode „Lesen durch Schreiben“ unterrichtet wurden, machten am Ende der vierten Klasse im Schnitt 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler, „Werkstatt“-Schüler sogar 105 Prozent mehr als „Fibelkinder“. Auch Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch war, profitierten vom „Fibel-Ansatz“.

Der an der Studie beteiligte Bonner Wissenschaftler Tobias Kuhl erläutert das Vorgehen: „Wir sind wertfrei rangegangen.“ Das „Lesen durch Schreiben“ und die „Rechtschreibwerkstatt“ führten nachweislich zu vielen Fehlern. Ein fest vorgegebener Ablauf vom Einfachen zum Komplexen habe sich als klar überlegen erwiesen, so Kuhl.

Das lange Zeit in Deutschland gängige „Fibel-Lernen“ war mancherorts vor allem durch die Methode „Lesen durch Schreiben“ nahezu verdrängt worden, bis sich daran immer mehr Kritik entzündete. Die Idee bei „Lesen durch Schreiben“: Die Schüler sollen möglichst viel frei – nach Gehör – schreiben und das Lesen dabei mitlernen. Korrekturen falsch geschriebener Wörter sind bei dieser Methode unerwünscht, weil das die Kinder demotiviere.

Die „Rechtschreibwerkstatt“ ist ein Ansatz, der vor allem darauf baut, dass jedes Kind seinen eigenen Rhythmus und seine eigene Geschwindigkeit beim Lernen hat. Im Gegensatz zur „Fibel-Methode“ ist auch die Lernreihenfolge hier nicht starr. 

Lebhafte Debatte

Die Studie hat inzwischen eine breite Debatte ausgelöst. Die Aussage, dass die Fibel zu einer besseren Rechtschreibung führe, ist dem Grundschulverband viel zu pauschal. „Eine solche Allgemeinaussage ist nach dem aktuellen Forschungsstand nicht möglich und höchst irreführend“, kritisierte der Verband.

Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband hält dagegen: Es gebe keinen Grund zu der Vermutung, dass die Studie unwissenschaftlich sei. Die Ergebnisse sollten ernst genommen werden. Er sagt: „Lehrkräfte brauchen großen pädagogischen Freiraum bei der Wahl der Methoden. Die Grenze ist aber erreicht, wenn das Lernziel nicht geschafft wird.“

Udo Beckmann, Bundesvorsitzender der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE), warf ihm wiederum vor, die Arbeit vieler Grundschullehrkräfte zu diskreditieren. Viele Lehrer arbeiteten erfolgreich mit einem Ansatz, der das „Lesen durch Schreiben-Konzept“ mit einbaue. „Jede einzelne Schule sollte die Entscheidung treffen, auf welche Weise sie den Kindern in den ersten Schuljahren das Lesen und Schreiben vermittelt“, forderte der VBE-Chef.


dpa/afp/mk/sts

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