Wie kam deutschsprachige Literatur in die Welt - und welche Chancen hat sie heute? | 100 gute Bücher - ein literarisches Jahrhundert-Panorama deutschsprachiger Literatur | DW | 02.10.2018
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100 gute Bücher

Wie kam deutschsprachige Literatur in die Welt - und welche Chancen hat sie heute?

Sandra Richter, neue Leiterin des Marbacher Literaturarchivs, nimmt uns mit auf den Weg der deutschsprachigen Literatur in die Welt - unter den Vorzeichen des Medienwandels im Mittelalter bis zur digitalen Revolution.

Vor über 500 Jahren beschleunigte Technik die Literatur: Der Buchdruck vor allem ermöglichte, dass deutschsprachige Texte in großer Zahl und weltweit gelesen werden konnten. Erfunden wurde er im Mainz des 15. Jahrhunderts, und zwar von Johannes Gensfleisch, nach dem elterlichen Hof Johannes Gutenberg genannt. In der Folge revolutionierten sich die Vervielfältigungs- und Lesepraktiken: Druckerpressen ermöglichten nicht nur die Verbreitung von reformatorischen (und gegenreformatorischen) Schriften, sondern auch von Flugblättern mit Versen und Reimen sowie von Dramen und Romanen. 

Mit der Druckerpresse kamen die Bestseller

Prosaromane, früher auch romantisierend "Volksbücher" genannt, erwiesen sich als erste Bestseller in deutscher Sprache. Die "Historia von D. Johann Fausten" (1587), verfertigt von dem Buchdrucker Johann Spies, gehörte dazu. Auf einem langen Weg durch Europa fand sie ins Alte Reich zurück, wurde als Faust-Stoff zum Lebensthema Goethes und erreichte in der Form seiner "Faust"-Tragödien ein globales Lesepublikum.

Solche Bestseller bedurften (und bedürfen noch heute) einer Kultur der Vermittler. Im 16. Jahrhundert waren dies vor allem Drucker, Übersetzer und Theaterleute, die deutschsprachige Literatur in der Form moralischer Dramen auf die Bühnen des elisabethanischen England und auch nach Kontinentaleuropa brachten. 

Ausstellung Der Wert des Originals (picture-alliance/dpa)

Wie wichtig ist Ursprünglichkeit? Das Marbacher Literaturarchiv archiviert Originaldokumente deutschsprachiger Schriftsteller und beschäftigt sich theoretische und in Ausstellungen wie 2014 immer wieder mit dieser Frage.

Über Englisch und Französisch in die Welt

Nach zivilisatorischen Einbrüchen wie dem Dreißigjährigen Krieg entwickelten sich zunehmend Literatur- und Lesekulturen in Europa und darüber hinaus. Literarische Zeitschriften, stehende Theater und Salons widmeten sich dem Besprechen, Aufführen und Diskutieren von Literatur. Blieb das Lateinische bis ins frühe 18. Jahrhundert noch eine wichtige Übersetzungssprache für Gelehrte, wurde es zunehmend durch das publikumsfreundliche Französische und im 19. Jahrhundert durch das Englische abgelöst. 

Vor allem mit Hilfe diese beiden Sprachen – und in den Aneignungsformen der Übersetzer – wanderte deutschsprachige Literatur weiter: über das Französische des 18. Jahrhunderts nach Russland, Italien, Spanien, Portugal und im 19. Jahrhundert in die französischen Kolonien Afrikas, über das Englische nach Amerika, Indien, Japan und China. Die deutsche Sprache erlangte zwar im 19. Jahrhundert durch die aktive Kulturpolitik der Weimarer Granden Wieland, Herder, Goethe und Schiller und eine avancierte Wissenschaft Bedeutung, aber diese schwand durch die zwei Weltkriege erheblich.

Übersetzen ist auch eine Form des Entstellens

Heute dominiert das Englische auf den globalen Büchermärkten. Was ins Englische übersetzt wird, hat Chancen auf internationale Literaturpreise und Übersetzungen in andere Sprachen. Diese Übersetzungen entstehen selten nur aus dem Original; vielmehr legen die Übersetzer häufig das Original und die englische Übersetzung nebeneinander, um Eigenes zu entwickeln.

F. Schaljapin, Rollenbild (picture-alliance/akg-images)

Der russsische Opersänger Fjodor Schaljapin als Mephisto in einer Moskauer Opern-Inszenierung des Faust von Charles Gounod, um 1900

Jedes Buch, das in einen solchen globalen Wahrnehmungsprozess hineingerät, erzählt seine eigenen Geschichten der Wahrnehmung und Ignoranz. Globale Übersetzungs- und Lesegeschichten sind oft vor allem Entstellungsgeschichten: Geschichten, die vom Buch wegführen – nicht immer zu dessen Schaden, sondern auch, um Raum für neue Aneignungen zu geben. 

Ohne die zahlreichen Geschichten, Bilder, Musikstücke und Filme, die – wie die legendäre Oper Fausts Verdammnis von Hector Berlioz (1846) – aus Goethes Faust entstanden, wären die Kulturen der Welt um gemeinsame Erzählungen ärmer. Werke wie diese erlauben die Wahrnehmung des Selbst in einem anderen: einer anderen Geschichte oder einem anderen Text, der sich als so deutungsoffen erweist, dass er für viele Leser eine Bereicherung darstellt.

Die Folgen der Weltkriege 

Doch im 20. Jahrhundert ging das internationale Interesse an deutschsprachiger Literatur durch die Weltkriege zurück – und erstarkte wieder. Dazu trugen vor allem epochemachende Erzähltexte bei, darunter Thomas Manns Familienroman "Buddenbrooks" (1901), Kafkas posthum erschienener "Prozess" (1925) und Anna Seghers kritischer Roman über den Nationalsozialismus mit dem Titel "Das siebte Kreuz" (1942).

Kafkas Manuskripte im Literaturachiv Marbach (picture-alliance/dpa)

Eine Originalmanuskriptseite aus Franz Kafkas "Der Prozess"

Der Nobelpreis für Thomas Mann im Jahr 1929, der in den 1930er Jahren einsetzende Kult um den eigenwilligen Stilisten Kafka sowie zahlreiche Literaturverfilmungen spielten dabei eine wichtige Rolle. Manns "Buddenbrooks" wurden seit 1923 vier Mal verfilmt. Kafkas "Prozess" fand sich seit 1962 ungefähr fünf Mal in Lang- und Kurzversionen auf Zelluloid wieder. Seghers "Siebtes Kreuz" wurde einem großen Publikum kurz nach seinem Erscheinen durch einen Comic und einen amerikanischen Film bekannt – als literarische Kriegspropaganda gegen NS-Deutschland. 

Kulturelle Fremdheit als Bereicherung

In der Nachkriegszeit, den 1960er und 70er Jahren dominierte die politische Frage: Die Nobelpreise an den exilierten Hermann Hesse (1946) und den 'guten Deutschen' Heinrich Böll (1972) zeigten, wie sich die literarische Weltgemeinschaft mühte, ein durch die NS-Zeit verrufenes Land wiederzuentdecken. 
Heute hat dieses Land teil an globalen Literaturentwicklungen. Autoren nicht-deutscher Herkunft bringen ihre Themen mit, große Themen von kultureller Fremdheit. Sie schreiben – wie Yoko Tawada – auf Japanisch und Deutsch oder – wie Sharon Dodua Otoo – auf Englisch und Deutsch. 

Neue Medien verändern die Verbreitungswege von Literatur

Wie vor 500 Jahren finden diese globalen Literaturentwicklungen unter dem Vorzeichen eines rasanten Medienwandels statt. Anders als damals aber scheinen die aktuellen Medienentwicklungen Literatur eher zu kannibalisieren als zu fördern. Wird Literatur künftig vor allem Reservate für Langsamkeit, Wahrheit und den bewussten Umgang mit Medien schaffen? Oder werden die neuen Medien dazu beitragen, Literatur selbst neu zu erfinden und zu verbreiten? 

deutsche Literatur auf der Buchmesse in Peking 2013 (Silke Ballweg)

Das Interesse an deutscher Literatur ist in vielen Weltregionen groß - wie zum Beispiel in China. Dort ist vor allem deutsche Kinderliteratur sehr beliebt.

Heute sind es nicht mehr nur die großen Verlage, die Literatur machen. Jeder kann schreiben – im Selbstverlag oder in Blogs. Will Literatur in der neuen Medienwelt überleben, könnte vor allem zählen, was in keine gängige Form passt: das sorgsam gewählte Wort mit seiner eigenen Wortmelodie, die schrägen Figuren, ihre verblüffende Handlung und Dramatik. Vielleicht wird Literatur künftig zur Kunst des Unerwarteten und Unerwartbaren?

Gastautorin: Sandra Richter

Sandra Richter (geb. 1973) lehrte an Universitäten in London und Paris und ist heute Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Stuttgart. 2019 wird sie als Direktorin das Literaturarchiv Marbach übernehmen. Sandra Richter hat 2017 mit "Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur" ein Standardwerk veröffentlicht, das viel und kontrovers diskutiert wurde.

 

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