Wie käuflich ist der chinesische Journalismus? | Asien | DW | 30.10.2013
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Asien

Wie käuflich ist der chinesische Journalismus?

Der Fall Chen Yongzhou vom "New Express" hat ein Schlaglicht geworfen auf die zweite große Bedrohung des chinesischen Journalismus neben der Zensur. Eine Bedrohung, die von innen kommt: die Korruption.

Nachrichten von verhafteten Journalisten sind in China keine Seltenheit. Der Fall des Mitte Oktober verhafteten Journalisten Chen Yongzhou aber lässt besonders aufhorchen. Chen hatte für die südchinesische Zeitung "New Express" eine Serie von 15 Artikeln über Chinas zweitgrößten Baumaschinenkonzern Zoomlion verfasst. Kritische Artikel, in denen er von finanziellen Problemem bei Zoomlion schrieb und von betrügerischer Buchführung. Wohl auch wegen der Artikelserie kam es zu einem Sturz des Aktienkurses.

Der Journalist Chen Yongzhou entschuldigt sich am 26.10.2013 im Staatsfernsehen CCTV (Foto: REUTERS/China Central Television via Reuters TV)

Der Journalist Chen Yongzhou entschuldigt sich im Staatsfernsehen

Das missfiel der Regierung der Provinz Hunan, denn sie ist Teilhaberin an der Firma. Und in Hunan wurde Chen Yongzou auch verhaftet. Ungewöhnlich war, dass seine Zeitung kurz darauf (am 23.10.2013) auf ihrer Titelseite die Freilassung ihres Reporters forderte. Ungewöhnlich war auch eine Welle der Solidarisierung chinesischer Journalisten mit Chen Yongzhou. Eine weitere, unerwartete Wendung bekam die Geschichte allerdings, als am vergangenen Samstag Chen Yongzhou im zentralen chinesischen Fernsehen CCTV mit kahl geschorenem Kopf und in Sträflingskleidung auftauchte. Chen sagte, er habe seine Artikel im "Auftrag anderer" verfasst und sei dafür bezahlt worden. Manches Material sei ihm zugespielt worden. Anderes habe er auch frei erfunden. Danach entschuldigte sich auch der "New Express" bei seinen Lesern, erneut auf der Titelseite.

Unabhängig davon ob Chen nun tatsächlich Zoomlion auf Bestellung schlecht geschrieben hat, oder ob möglicherweise das "Geständnis" des Journalisten auf massiven Druck hin erfolgt ist - der Fall wirft ein Schlaglicht auf die dunkle Seite des chinesischen Journalismus: Auf die Korruption in den Reihen von Reportern und Redakteuren. Zhan Jiang, Journalismus-Professor in Peking, erklärt im Interview mit der DW, die Korruption in der chinesischen Medienbranche habe die Bevölkerung tief enttäuscht. Deren Vertrauen und Unterstützung habe stark gelitten.

"Rote Umschläge"

Zhan Jiang befasst sich schon lange mit Korruptionsproblemen in der Medienbranche. Mehrfach hat er bereits an Journalisten appelliert, keine "roten Umschläge“ anzunehmen oder Berichte "für Geld“ zu schreiben. "Rote Umschläge" enthalten in der Volksrepublik Geld und werden traditionell als Geschenk etwa bei großen Festen überreicht. In China werden solche Geldgeschenke aber auch regelmäßig bei Pressekonferenzen von Unternehmen verteilt, um eine positive Berichterstattung zu sichern. Diese Praxis hat bereits dazu geführt, dass sich bisweilen Betrüger gefälschte Presseausweise verschaffen und gezielt Pressekonferenzen besuchen, allein um die "roten Umschläge" abzugreifen.

Zhan Jiang betont im Interview mit der DW, ob Chen Yongzhou tatsächlich für seine Berichte bestochen worden sei, müsse vor Gericht geklärt werden. Aber der Fall bestätige den Mangel an Ethik in den Medien. Die Annahme "roter Umschläge" und Verbreitung von als Berichten getarnter Werbung sei ein in China weit verbreitetes Phänomen. Für Zhan Jiang ist sie "Teil der ganzen gesellschaftlichen Korruption."

Wer keine Geschenke annimmt, wird gemobbt

Am 7. Januar versammeln sich Demonstranten, um für die kritische Zeitung Southern Weekly und gegen zensur zu demonstrieren. (Foto: REUTERS/James Pomfret)

Zensur ist das größte Problem der chinesischen Medien. Demonstranten forderten Anfang des Jahres mehr Freiheit

In seinem Blog bestätigt der Journalist Chai Huiqun von der "Souther Weekend", die Annahme der "roten Umschläge" sei eine unausgesprochene Regel in der chinesischen Medienbrachen. Pressekonferenzen ohne Geldgeschenke würden als unnormal betrachtet. Sollte ein Journalist Geldgeschenke zurückweisen, drohe ihm Mobbing von Seiten der Kollegen. "Für manche Journalisten sind Geldgeschenke die hauptsächliche Einkommensquelle", so Chai.

Geldgeschenke für "positive Berichte" sind das eine. Viele Journalisten nehmen aber auch Schweigegeld. Insbesondere bei Minenunglücken reisen sie manchmal scharenweise an. Nicht um zu berichten, sondern um von den Minenbetreibern Schweigegeld zu kassieren. Im Jahr 2008 etwa sollen zehn Journalisten umgerechnet rund 250.000 Euro kassiert haben, um nicht über ein Grubenunglück mit 34 Toten in der Provinz Hebei zu berichten. 2009 fotografierte der Journalist Dai Xiaojun, wie Journalisten nach einem Bergwerksunglück Schlange standen - für Schweigegeld. Das hatte zu kurzfristiger Empörung in der Medienbranche geführt. In der Folge wurden 60 Menschen bestraftet, inklusive Journalisten und "falsche Reporter".

Mangel an Berufsethos aus Mangel an Unabhängigkeit

Agnès Gaudu ist China-Redakteurin bei der französischen Wochenzeitung "Courrier International". Von 2011 bis 2012 arbeitete sie als Dozentin für Kommunikation und Design an der Zhongshan Universität in Guangzhou. Im Gespräch mit der DW vertrat Gaudu die Meinung, geringes Einkommen und Mangel an Berufsethos seien wichtige Gründe für die Anfälligkeit chinesischer Journalisten für Bestechung. Der Hauptgrund liegt für Gaudu aber darin, dass chinesische Journalisten keine unabhängigen Arbeitsbedingungen haben. Sie arbeiteten entweder direkt für die Regierung oder für rein kommerziell Organisationen. Deshalb fehle es an journalistischer Selbstachtung und Moral.

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