Wie Israels Judo gegen Sportboykotte kämpft | Sport | DW | 28.05.2020
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Sport & Gesellschaft

Wie Israels Judo gegen Sportboykotte kämpft

Israels Sportler werden häufig wegen ihrer Nationalität boykottiert. Zum Beispiel treten viele Athleten aus dem Iran nicht gegen sie an - weil sie es nicht dürfen. Doch im Judo gibt es Zeichen der Entspannung.

Judo WM 2019 | Judo-Weltmeister Sagi Muki (picture-alliance/AP Images/The Yomiuri Shimbun)

Der israelische Judo-Weltmeister Sagi Muki

Israelis sind mit dem Szenario vertraut: Ein israelischer Sportler erreicht die entscheidende Phase eines internationalen Wettkampfs und steht kurz davor, auf einen Gegner zu treffen, dessen Land keine diplomatischen Beziehungen zu Israel unterhält. Manchmal erscheint der andere Athlet einfach nicht zum Wettkampf, was dem Israeli automatisch zum Sieg verhilft. In anderen Fällen verliert der andere Sportler vorher absichtlich oder täuscht eine Verletzung vor, um bloß nicht gegen den Gegner aus dem jüdischen Staat antreten zu müssen. Sollte es doch zu einem sportlichen Duell kommen, vermeiden viele Gegner hinterher den eigentlich fälligen Handschlag mit dem israelischen Sportler.

An vielen dieser Vorfälle sind Sportler aus dem Iran beteiligt, doch gab es auch schon Fälle mit Athleten aus Saudi-Arabien, Libanon, Algerien und Tunesien. Einige dieser Staaten haben Israel seit der Gründung des jüdischen Staates im Jahr 1948 nie anerkannt. Die islamischen Machthaber im Iran haben sogar dazu aufgerufen, den Staat Israel zu zerstören. All das geht nicht spurlos am Sport vorbei.

Kazakhstan | Judo World Championship: Golan Pollack (Israel) vs Tumurkhuleg Davaadorj (Mongolei) (Getty Images/AFP/V. Maximov)

WM-Bronze 2015 für Israels Judoka Golan Pollak (r.)

Erfolgreiche Judoka

Boykottaktionen gegen israelische Sportler gab es in vielen Sportarten, etwa im Snooker, Tennis, Ringen oder Fechten, selbst im paralympischen Kleinfeld-Fußball. Für die meisten Schlagzeilen sorgten international jedoch die Vorfälle im Judo. Sowohl der Iran als auch Israel sind in dieser Sportart Schwergewichte - sportliche Aufeinandertreffen sind unvermeidbar. Von den neun olympischen Medaillen, die israelische Sportler bisher gewannen, gingen fünf auf das Konto von Judokas. Das erste olympische Edelmetall des Landes überhaupt sicherte sich bei den Spielen 1992 in Barcelona die Judoka Yael Arad, die damals Silber holte. Yarden Jerbi wurde 2013 Judo-Weltmeisterin und gewann bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro Bronze.

Mitleid mit dem Gegner

Der 39 Jahre alte Yoel Razvozov war mehr als ein Jahrzehnt lang einer der besten Judokas Israels, gewann Silbermedaillen bei den Europameisterschaften 2004 und 2005 und nahm an den Olympischen Spielen 2004 in Athen teil. Den Konkurrenten, die aufgrund seiner israelischen Nationalität nicht gegen ihn antraten, macht Razvozov keine Vorwürfe. "Meine Gegner taten mir vor allem leid", sagt der Ex-Weltklasse-Judoka der DW. "Genau wie ich suchten sie den sportlichen Wettkampf und wollten Medaillen gewinnen. Ich konnte ihre Tränen und ihre Frustration sehen. Ihre Hände waren ihnen von ihrem Land gebunden." 

Holland Rotterdam | Israels Yoel Razvozov mit Silbermedallie (Getty Images/AFP/R. Vos)

Yoel Razvozov (l.) gewann bei der Judo-EM 2005 in Rotterdam die Silbermedaille, heute ist er Politiker

Nach dem Karriereende kandidierte Razvozov erfolgreich für das israelische Parlament, die Knesset. Als Parlamentarier gründete der ehemalige Judoka eine Task Force, die sich mit Boykotten gegen israelische Athleten befasst. Zu ihr gehört auch Alan Dershowitz, einer der bekanntesten Strafverteidiger der USA. Wann immer ein israelischer Athlet boykottiert wird, legt die Task Force formell Beschwerde bei den Sponsoren des Turniers ein. "Diese Drohung funktioniert", sagt Razvozoz. "Wenn sie einen israelischen Athleten demütigen, und in meinen Augen ist es bereits eine Demütigung, unsere Nationalhymne nicht zu spielen, dann sollen sie wissen, dass wir handeln werden." 

Schritt für Schritt gegen die "Peinlichkeit"

Auch Moshe Ponte, seit acht Jahren Vorsitzender des israelischen Judo-Verbands, kämpft gegen den Boykott israelischer Athleten. "Wir weisen den Judo-Weltverband IJF immer wieder darauf hin, dass es sich um unsportliches Verhalten handelt", sagt Ponte der DW. Wenn israelische Athleten boykottiert würden, sei das "eine Peinlichkeit" für das internationale Judo. Der 63 Jahre alte ehemalige Judoka rechnet nicht mit einem schnellen Wandel. "Solche Dinge sind immer ein Prozess, es geht nur Schritt für Schritt."

Ein Iraner, der sich widersetzte

Ein bedeutender Schritt war 2018 die Entscheidung der IJF, den Grand Slam in Abu Dhabi auszusetzen, weil im Vorjahr bei der Veranstaltung israelische Judoka nicht unter ihrer Landesflagge hatten antreten dürfen und ihnen auch die Nationalhymne verweigert worden war. Die Organisatoren lenkten ein. Erstmals erklang in den Vereinigten Arabischen Emiraten die Hymne Israels, nachdem Sagi Muki in der Klasse bis 81 Kilogramm gewonnen hatte. Sein iranischer Konkurrent Saeid Mollaei, der als Favorit für den Finaleinzug galt, hatte nach weniger als einer Minute seines Halbfinals aufgegeben, angeblich wegen einer Verletzung. Israelische Medien sprachen von einer Inszenierung.

Bei der WM 2019 in Tokio sah es wieder so aus, als würden sich der Israeli Muki und der Iraner Mollaei im Finale gegenüberstehen. Diesmal verlor Mollaei absichtlich im Halbfinale, um nicht gegen Muki anzutreten, der später die Goldmedaille gewann.

Judo World Championships Senior 2019 (picture-alliance/dpa/AP Images/Y. Shimbun)

Der Iraner Saeid Mollaei (l.) verlor absichtlich sein WM-Halbfinale gegen den Belgier Matthias Casse

Danach entschied sich Mollaei, nicht in den Iran zurückzukehren. Er reiste nach Deutschland, wo ihm einige Wochen später Asyl gewährt wurde. Muki und Mollaei trafen sich später in China, wo der Iraner den Israeli als "meinen besten Freund" bezeichnete. Der Vorsitzende des israelischen Judoverbands, Ponte, nennt Mollaei wegen seiner Haltung einen "Helden". Ein Beispiel für die Annäherung und auch ein Signal aus dem Exil an die Sportler im Iran. Der Weltklasse-Kanute Saeid Fazloula hatte kürzlich im DW-Gespräch festgestellt, dass sich dort etwas tue: "Viele iranische Sportler haben intern Druck ausgeübt, damit dieser Passus wieder gestrichen wird", sagte Fazloula mit Blick auf einen gescheiterten Gesetzentwurf, der iranischen Sportlern Wettkämpfe mit israelischen Athleten auch gesetzlich verbieten sollte. Die Machthaber, die das zum Gesetz machen wollten, hätten nicht mit solchem Widerstand gerechnet.

Null Toleranz gegenüber Boykotteuren

Folgt nun also ein Frühling in den bislang frostigen Sportbeziehungen zwischen dem Iran und Israel? Die Olympischen Spiele könnten die Antwort geben. Funktionär Moshe Ponte fordert im DW-Gespräch ein entschlossenes Auftreten gegenüber dem Iran vor den Olympischen Spielen 2021 in Tokio: "Sie sollen wissen, dass sie ein Problem haben werden, wenn sie sich entscheiden, nicht gegen uns anzutreten." Dieser Meinung ist auch Yoel Razvozov. "Sport sollte frei von Politik sein", sagte der Abgeordnete der Knesset. "Wenn ein Land solche Sanktionen gegen israelische Athleten verhängt, muss es die Konsequenzen tragen." Gilad Lustig, Generalsekretär des Nationalen Olympischen Komitees Israels, setzt dabei auf die Unterstützung des IOC. "Glücklicherweise zeigt das Internationale Olympische Komitee unter der Leitung von Thomas Bach keinerlei Toleranz gegenüber solchen Versuchen", sagt Lustig der DW.

Lustig und Ponte sind sich einig, dass für israelische Athleten ein Boykott des Gegners, egal woher er kommt, niemals eine Option wäre. "Wir treten überall gerne an, sei es in arabischen Ländern, in Staaten, die sich als unsere Feinde betrachten, oder wo auch immer", sagt Ponte. "Wenn sie uns nicht die Hand schütteln wollen, ist das ihre Entscheidung. Für uns kommt es darauf an, uns zu zeigen und das Beste zu geben. Möge der beste Judoka gewinnen."

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