Wie gefährlich ist die Eskalation zwischen Indien und Pakistan? | Asien | DW | 27.02.2019
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Militärische Eskalation in Südasien

Wie gefährlich ist die Eskalation zwischen Indien und Pakistan?

Eine militärische Konfrontation wie jetzt zwischen Indien und Pakistan beschwört die Gefahr eines Atomkriegs herauf. Internationale Beobachter sind alarmiert. Doch wie groß ist die Gefahr wirklich?

Erneut stehen Indien und Pakistan an der Schwelle eines Krieges. In den vergangenen Jahrzehnten (1947, 1965, 1999) haben die beiden Rivalen bereits drei Kriege um Kaschmir geführt, eine Region, die beide vollständig für sich beanspruchen, aber nur jeweils teilweise regieren. Seit 1974 (Indien) bzw. 1998 (Pakistan) sind beide Länder im Besitz von Atomwaffen, was jede Eskalation umso gefährlicher macht.

Neu Delhi rechtfertigte seine Luftangriffe von Dienstag in Pakistan damit, dass es sich bei dem Ziel um das Ausbildungslager der von Pakistan aus operierenden terroristischen Gruppierung Jaish-e-Mohammed (JeM) gehandelt habe. JeM fordert die Unabhängigkeit des von Indien kontrollierten Teils Kaschmirs (Jammu und Kaschmir).  Die Gruppe erklärte sich für den Selbstmordanschlag im Bezirk Pulwama verantwortlich, bei dem mehr als 40 indischen Soldaten ums Leben kamen. JeM hat desweiteren Verbindungen zu Al-Kaida und greift regelmäßig militärische Ziele in Jammu und Kaschmir an. Der Angriff sei demnach kein Angriff auf Pakistan, sondern ein Akt der Selbstverteidigung gewesen, so Indien.

Islamabad wiederum weist jede Beteiligung an dem Anschlag in Pulwama zurück. Pakistans Premierminister Imran Khan sagte, seine Regierung sei bereit, Maßnahmen gegen JeM zu ergreifen, wenn Beweise für deren Beteiligung an dem Anschlag vorgelegt würden. Pakistan weist auch jedwede Unterstützung von Islamisten in Kaschmir oder anderswo zurück.

Infografik Karte Geschätzte Zahl der Nuklearwaffen in Indien und Pakistan DE

Atomsprengköpfe Indien - Pakistan

Unkalkulierbares Risiko

Am Mittwoch wiederum sollen, nach Angaben Pakistans, erneut indische Flugzeuge in seinen Luftraum eingedrungen sein. Zwei seien in der Nähe der Grenze zu Kaschmir abgeschossen worden. Indien wiederum behauptet, ein pakistanisches Flugzeug in seinem Luftraum abgeschossen zu haben. Eine Bestätigung von unbeteiligter Seite gibt es in keinem Fall. Die weitere Eskalation hat weltweit für Besorgnis gesorgt. Obwohl Pakistan und Indien das Risiko eines Atomkriegs herunterspielen, sind viele internationale Beobachter alarmiert.

"Alle Kriege sind unkalkulierbar. Niemand weiß, wohin sie führen", sagte Premier Imran Khan in seiner Rede an die Nation am Mittwoch unmittelbar nach den Meldungen der jüngsten Zuspitzung. "Der Erste Weltkrieg sollte nach Wochen enden, aber er dauerte Jahre. Niemand in den USA hat vorhergesehen, dass der Krieg gegen den Terror 17 Jahre dauern würde." Und an Indien gerichtet: "Ich frage Indien: Mit den Waffen, die ihr habt und den Waffen, die wir haben, können wir uns eine Fehleinschätzung erlauben? Wenn das hier jetzt eskaliert, wird der Gang der Ereignisse weder von mir noch von Narendra Modi kontrolliert werden können."

Indien testet atomwaffenfähige Interkontinentalrakete (picture-alliance/dpa)

Test der indischen Interkontinentalrakete Agni-V im Jahr 2012

Atomares Potential

Beide Länder haben Raketen, die mit Atomsprengköpfen bestückt werden können. Laut dem "Center for Strategic and International Studies" (CSIS) in Washington verfügt Indien über neun verschiedene einsatzbereite Raketensysteme. Dazu gehört auch die Rakete vom Typ Agni-3, die Ziele in bis zu 5.000 Kilometern Entfernung treffen kann. Pakistans Raketen, die mit chinesischer Unterstützung gebaut wurden, können laut CSIS ebenfalls jedes Ziel in Indien erreichen.

Indien und Pakistan habe auch kleinere atomare Gefechtsköpfe, die auf Kurzstreckenraketen (Reichweite 50 bis 100 Kilometer) eingesetzt werden können, so das Stockholmer internationales Friedensforschungsinstitut (SIPRI). Schließlich befinden sich im Arsenal auch Atomwaffen, die von Bombern abgeworfen werden können. Alle Atomsprengköpfe zusammengerechnet verfügt Pakistan über 140 bis 150 und Indien über 130 bis 140.

Teilung Indiens Artilleriefeuer in Dras (picture alliance/dpa/AP Photo/A. Rahi)

Der bislang letzte Waffengang um Kaschmir war 1999, angefangen von Pakistan, das sich eine blutige Nase holte.

Ungleichgewicht als Risiko

Hinter Pakistans Atomwaffenprogramm steckt die Wahrnehmung Indiens als Bedrohung. "Vertreter Pakistans sagen immer wieder, dass ihre Atomwaffen 'indienspezifisch' seien. Aber da Indiens militärische Schlagkraft aufgrund der größeren Wirtschaftskraft schneller wächst, ist Islamabad überzeugt, dass es mehr Atomwaffen braucht, um Indien abzuschrecken", so Toby Dalton von der Carnegie Stiftung in einem früheren Interview mit der Deutschen Welle.

Die wachsende militärische Ungleichheit zwischen Indien und Pakistan halten viele Experten demnach für eines der Hauptrisiken. Michael Kugelmann vom Woodrow Wilson Zentrum ist überzeugt, dass die deutliche konventionelle Unterlegenheit Pakistans das Risiko eines Atomkriegs steigert: "Wenn Pakistans Vergeltungsaktionen im aktuellen Konflikt  zu einem massiven (konventionellen) Gegenschlag Indiens führen sollte, müsste man sich um eine nukleare Eskaltion sich um einen Atomschlag Sorgen machen."

Talat Masood, ein ehemaliger pakistanischer Armeegeneral und Sicherheitsexperte ist zurückhaltender. Er sagte der Deutschen Welle, dass er nicht glaube, dass sich die gegenwärtige Kaschmir-Krise zu einem atomaren Konflikt verschärfe: "Ja, es gibt diese Sorgen, denn die Spannungen nehmen zu und es gibt keine Gespräche. Pakistan hat Gespräche angeboten, aber Indien wird sie nicht annehmen, denn es stehen die Wahlen vor der Tür." Ende April/Anfang Mai wird in Indien gewählt.

Karte Region Kaschmir DEU

Gebietsansprüche in der Region Kaschmir

Pakistanische Atomwaffen unter Kontrolle?

Eine weitere Sorge ist, dass jede kriegsähnliche Situation zu Chaos in Südasien führen könnte. Die Folge: Atomwaffen könnten in die Hände von Extremisten falle. Sicherheitsexpertin Maria Sultan aus Islamabad betont, dass Pakistan seine Atomwaffen im Griff habe. "Pakistan hat die Fähigkeiten, sein Atomarsenal zu kontrollieren und die Technologie ist sehr fortgeschritten." Alle Sorgen des Westens, dass Pakistan seine Atomwaffen nicht unter Kontrolle habe, seien unbegründet.

Andere Experten wie der in Schweden arbeitende pakistanische Forscher Farooq Sulehria sind sich da weniger sicher, glauben aber auch, dass die Gefahr eines Atomkriegs in den westlichen Medien häufig überschätzt wird.

US-Außenminister Mike Pompeo (Getty Images/L. Balogh)

Können die USA auch diesmal wieder zur De-Eskalation beitragen?

Vermittlungen angelaufen

Anstrengungen, einen Krieg zwischen Indien und Pakistan abzuwenden, sind bereits im Gange. Manche Beobachter glauben sogar, dass die Gefahr eine Atomkriegs zu verstärkten Anstrengungen der internationale Gemeinschaft führen könnte, Indien und Pakistan an einen Tisch zu bringen. Ex-General Talat Masood ist überzeugt, dass Washington vermitteln könnte. "Bereits früher, so 1999 beim sogenannten Kargil-Krieg in Kaschmir, hat offener und versteckter Druck aus Washington die Situation beruhigen können. Washington sollte hinter den Kulissen vermitteln. Ohne Einmischung der USA und der internationalen Gemeinschaft könnte die Situation eskalieren."

Die USA haben bereits reagiert. US Außenminister Mike Pompeo sagte: "Wir unterstützen Indien und Pakistan bei dem Bemühen, sich zurückzuhalten und eine Eskalation zu vermeiden." Indiens Außenministerin Sushma Swaraj, die gerade bei Pakistans engstem Partner China auf Staatsbesuch ist, sagte: "Neu Delhi wünscht keine weitere Eskalation."

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