Wie es zu dem Namensstreit um Mazedonien kam | Europa | DW | 25.01.2019
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Griechisch-mazedonischer Namensstreit

Wie es zu dem Namensstreit um Mazedonien kam

Griechenland und seine slawischen Nachbarn haben sich auf einen Kompromiss im ewigen Streit um den Begriff „Mazedonien“ geeinigt. Worum geht es eigentlich bei dieser Auseinandersetzung?

Namensstreit Griechenland Mazedonien (picture-alliance/AP Photo/G. Papanikos)

Name Mazedonien: Ein Streit mit tiefen geschichtlichen Wurzeln

 Wer diesen in Europa wohl einmaligen Streit verstehen will, muss weit in die Geschichte zurückgehen: In der antiken Region Makedonien war Alexander der Große zur Welt gekommen. Er war Schüler von Aristoteles, der neben Sokrates und Plato als Begründer der griechischen Philosophie gilt. Aber er war auch ein wagemutiger Kriegsherr, der die antiken griechischen Stämme zunächst besiegte und später zu erfolgreichen Feldzügen gegen die Perser und bis nach Indien führte. Viele Menschen in Hellas verehren Alexander heute noch als "den größten Griechen aller Zeiten". Nach seinem Tod im Jahr 323 v.Christus fiel sein Weltreich allerdings zusammen und die Spuren griechischer Vergangenheit wurden in vielen Regionen, insbesondere in Asien, schnell verwischt.

Seit mindestens 400 Jahren wird "Makedonien" als eine geographische Großregion im Südosten Europas definiert, die lange unter osmanischer Herrschaft stand. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel der größte Teil dieser Region mit deren multiethnischen Hauptstadt Thessaloniki Griechenland zu. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründeten Kommunisten die Jugoslawische Föderation, die eine gemeinsame Grenze zu Griechenland hatte. Deren südlichstes Bundesland war die "Republik Mazedonien". Mit diesem Namen proklamierte sie ihre Unabhängigkeit nach dem Zerfall Jugoslawiens 1991.

Namensstreit Griechenland Mazedonien (picture-alliance/AP Photo/P. Giannakouris)

Alexander der Große: Der größte Grieche oder der größte Mazedonier aller Zeiten?

In der Hauptstadt Skopje erklärte man Alexander den Großen zum größten Mazedonier aller Zeiten. Aufgrund der instabilen Lage in der Region war das aus griechischer Sicht der entscheidende Moment für die Konfrontation, erläutert Politikwissenschaftler Jorgos Tzogopoulos. "Erst in diesem Zusammenhang, nach Ende des Kalten Krieges, beginnt der eigentliche Streit", so Tzogopoulos gegenüber der DW. "Griechenland glaubt nämlich, dass der Begriff Mazedonien gegen seine wirtschaftlichen Interessen verstößt und zudem künftige Gebietsansprüche andeutet - zumal die geographische Region Mazedonien sich über drei Staaten erstreckt: die einstige Teilrepublik Jugoslawiens, Griechenland und nicht zuletzt Bulgarien."      

Der "Fehler" der griechischen Seite

Machen die nördlichen Nachbarn tatsächlich Ansprüche gegen Griechenland geltend? Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Skopje durchaus Bestrebungen der nationalistischen Bewegung VMRO, das "gesamte Mazedonien" einschließlich der Stadt Thessaloniki zu vereinen. Zu diesem Zeitpunkt war der Nationalismus in der Region ohnehin stark verbreitet - auf allen Seiten. Nach der

Unabhängigkeitserklärung 1991 stellte der erste Präsident des jungen Staates Kiro Gligorov allerdings ausdrücklich klar, dass in seinem Land Slawen leben, die mit den griechischen Nachbarn wenig zu tun haben - ein Versuch, die Skeptiker auf der anderen Seite der Grenze zu beruhigen.

Fast hätte es geklappt: Unter Vermittlung der EU schienen sich Gligorov und der damalige konservative Ministerpräsident Griechenlands Konstantin Mitsotakis 1992 auf den Kompromissnamen "Neues Mazedonien" zu einigen. Doch im letzten Moment zögerte Mitsotakis - wohl aus Angst, seine eigene Partei würde den Kompromiss nicht  mittragen. Um Schlimmeres zu verhindern, einigten sich Athen und Skopje 1995 unter UN-Vermittlung auf den provisorischen Namen "Ehemalige Jugoslawische Teilrepublik Mazedonien" (Former Yugoslav Republic of Macedonia, FYROM) für den jungen Staat.

In Hellas gehört der Begriff zum Alltag, doch überall sonst auf der Welt etablierte sich die schlichte Bezeichnung "Republik Mazedonien". Politikwissenschaftler Tzogopoulos meint, es sei ein Fehler der griechischen Seite gewesen, dass sie keine Initiative zur Kompromisslösung ergreifen konnte oder wollte. "Dadurch waren im Laufe der Zeit immer mehr Länder veranlasst, das Nachbarland unter seinem verfassungsrechtlich verankerten Namen anzuerkennen", sagt der Analyst. Entscheidend war vor allem die Anerkennung der "Republik Mazedonien" durch die USA im Jahr 2004.   

Voraussetzung für den NATO- und EU-Beitritt

Einen Verhandlungstrumpf hatten die Griechen weiterhin in der Hand: Sie könnten einen Beitritt des Nachbarlandes zur NATO oder zur EU durch ein Veto blockieren. Auf offensichtlichen Druck Athens hin mahnte ein NATO-Gipfel im Jahr 2008, die Lösung im Namensstreit sei "Voraussetzung" für den Beitritt. Die Regierung in Skopje klagte über eine aus ihrer Sicht widerrechtliche griechische Blockadehaltung. Eine neue Eiszeit kündigte sich an.

Mazedonien Griechenland Namensstreit beigelegt Zaev und Tsipras (Reuters/A. Konstantinidis)

Zoran Zaev (l) und Alexis Tsipras (r) in Prespa: Ein historischer Abkommen

Doch es kam anders: In Athen akzeptierten die regierenden Konservativen erstmals, dass der Begriff "Mazedonien" beim Namen des jungen Staates vorkommen soll. Und in Skopje formierte sich Widerstand gegen den autoritären Regierungschef Nikola Gruevski. Nach einem Regierungswechsel in beiden Ländern war der richtige Moment für eine Annäherung gekommen. 2018 unterzeichneten Griechenlands Linkspremier Alexis Tsipras und sein mazedonischer Amtskollege Zoran Zaev ein Kompromiss-Abkommen. Demnach wird der nördliche Nachbar Griechenlands in "Nord-Mazedonien" umbenannt.

Politikwissenschaftler Tzogopoulos glaubt, das Abkommen eröffne völlig neue Möglichkeiten für die Beziehungen beider Länder, vor allem im Tourismus. "Ein Beispiel dafür ist, dass die griechische Fluggesellschaft Aegean Airlines seit einigen Wochen Direktflüge von Athen nach Skopje anbietet - das gab es noch nie in der Vergangenheit" erläutert er. Jedenfalls seien die Beziehungen zwischen beiden Völkern sehr freundlich. "Bis auf den Namensstreit hatten wir keine Probleme miteinander. Und die griechischen Firmen sind aktiv vor Ort und gehören zu den größten Investoren und Handelspartnern im Nachbarland."