Wie Empörung in blinde Wut umschlägt | Europa | DW | 03.03.2020
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Lesbos

Wie Empörung in blinde Wut umschlägt

Auf der griechischen Insel Lesbos herrscht Ausnahmezustand. Straßenblockaden und tätliche Angriffe auf internationale Helfer und Journalisten gehören zum Alltag. Die Behörden schauen zu.

"Das sind doch alles Afghanen. Wenn die hier ankommen, sollen sie die zum Flughafen bringen und dann ab zurück ins eigene Land", kommentiert eine Hotelangestellte in Mytilini die Nachrichten. Zu sehen sind Bilder von Flüchtlingen, die an den Stränden von Lesbos ankommen. Auch die Entwicklungen an der türkisch-griechischen Grenze am Fluss Evros sind besorgniserregend. Die verständliche Empörung darüber, dass die EU sich nicht auf eine gerechte und nachhaltige Flüchtlingspolitik einigen kann, ist inzwischen in blinde Wut umgeschlagen.

Unter dem Hashtag #greece_under_attack #StandByGreece inszenieren User aus dem Ausnahmezustand einen Krieg. Geflüchtete würden mit Unterstützung der Türkei Griechenland attackieren, so ihre Sicht der Dinge. Immer wieder hört man in Lesbos das Wort Invasion. Die Bürger der Insel fühlen sich allein gelassen. "Deutschland will sich selbst schützen und wir sollen das ausbaden!", schreit eine wütende Frau vor einer Straßenblockade. Es ist nichts weniger als ein emotionaler Ausnahmezustand. Der Tourismus auf der Insel ist in den vergangenen beiden Jahren eingebrochen. Hotels mussten schließen. Für viele hat der geplatzte Türkei-Deal und der befürchtete Andrang neuer Flüchtlinge das Fass zum Überlaufen gebracht. Sie wollen jetzt selbst für Ruhe und Ordnung sorgen, wenn nötig auch mit Gewalt.

Angriffe gegen Journalisten

Während sich Geflüchtete, die bereits auf der Insel sind, frei bewegen können und von den Einheimischen weitgehend in Ruhe gelassen werden, richtet sich die Wut vor allem gegen Journalisten und Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen (NGOs). In den letzten Tagen kam es immer wieder zu alarmierenden Vorfällen.

BG Flüchtlingskrise Griechenland/Türkei (Getty Images/AFP)

Aggressiv auf Lesbos: Vermummte Einheimische attackieren am 1. März einen Journalisten.

Der Spiegel-Korrespondent Giorgos Christides wurde innerhalb weniger Stunden mehrfach von wütenden Bürgern bedroht und regelrecht gejagt. Er sei schon oft auf Lesbos gewesen und schätze die Bewohner eigentlich für ihre Herzlichkeit: "Ich kann auch ihre Frustration verstehen, sogar ihre Wut und ihr Misstrauen, dass Griechenland und Europa jemals eine tragfähige Lösung für dieses nie endende Drama finden werden. Sie müssen jetzt die wenigen isolieren, die von Angst und Frustration entmutigt wurden", so Christides.

Auch der freie Journalist Michael Trammer wurde angegriffen. Er hielt sich bereits länger auf der Insel auf und hatte bis dato nie Probleme. Als er vor kurzem im Küstendorf Thermi die Ankunft eines Gummibootes mit gut 30 Flüchtlingen filmte, eskalierte die Situation. Eine Gruppe Einheimischer hinderte die Menschen daran, das Boot zu verlassen. Sie verlangten, dass die Asylsuchenden, unter ihnen auch schwangere Frauen und Kinder, mit dem Boot zurück in die Türkei fahren sollten.

All dies filmte Trammer, als er auf einmal von einer Gruppe vermummter Männer angegriffen wurde, die ihn zusammenschlugen und seine Kamera ins Meer warfen. Erik Marquardt, grüner Abgeordneter im EU-Parlament, erfuhr von dem Vorfall und alarmierte die Polizei. Diese aber teilte mit, man habe keine Fahrzeuge zur Verfügung. Auch die Beamten, die vor Ort waren, blieben inaktiv. Sie schritten nicht ein, als der Menschenpulk die Geflüchteten zurück aufs Wasser drängen wollte. Für Michael Trammer kam nach dem Angriff der Zeitpunkt, die Insel zu verlassen: "Ich habe den Eindruck, dass ich aus Sicherheitsgründen von hier nicht weiter Bericht erstatten kann", erklärt Trammer im Gespräch mit der Deutschen Welle.

BG Flüchtlingskrise Griechenland/Türkei (Getty Images/AFP/A. Messinis)

Ankommen unerwünscht: Bewohner von Lesbos verhindern das Anlegen eines Flüchtlingsbootes.

Er habe nicht die Erfahrung gemacht, von der griechischen Polizei unterstützt zu werden. "Aus dem 'Erfolg' der Proteste gegen das Flüchtlingscamp wähnen sich extreme Rechte in einem gesellschaftlichen Konsens. Die Konsequenz sind tägliche Angriffe auf Journalisten, Menschen, die für NGOs arbeiten und Leute, die sich für Geflüchtete einsetzen."

Kaum Informationen vom Staat

In der Tat ist es auf der Insel derzeit schwierig, das Verhalten der staatlichen Institutionen von wütenden Bürgern zu unterscheiden. Informationen werden nur zögerlich bestätigt oder man wird an andere Stellen verwiesen. Als Gerüchte die Runde machen, dass ein kleines Kind vor der Küste ertrunken sei, gab es auf Nachfragen der Deutschen Welle bei der Hafenbehörde nur den Verweis, man solle sich an das zuständige Ministerium wenden. Kontakte mit der Presse werden vermieden.

Auch Erik Marquardt hatte es nicht leicht, die Küstenwache in Piräus über das auf dem Meer treibende Schlauchboot zu informieren, das dann später im Hafen von Thermi landete. "Ich habe sowohl die Seenotrettungsleitstelle, als auch die Küstenwache informiert. Die Seenotrettungsleitstelle behauptete, das Boot sei in türkischen Gewässern. Das aber ist unrealistisch. Türkische Gewässer sind viel zu weit weg. Man würde das Boot gar nicht sehen". 

Der Schutz der Grenze Thema Nummer 1

Auch aus Athen hört man kein Wort, um die Bevölkerung zur Ruhe und Besonnenheit aufzurufen. Das Thema Nummer 1 ist allein der Schutz der Grenze. Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis twitterte: "Griechenland wird keine illegalen Einwanderer tolerieren." Ioannis Plakiotakis, Minister für Maritim- und Inselpolitik, erkärte in Lesbos vor der Presse: "Gemeinsam mit dem Direktor der Küstenwache erklären wir entschieden, unsere maritimen Grenzen in höchstem Maße zu schützen."

Grenze Türkei Griechenland Flüchtlinge (picture-alliance/AP Photo/M. Varaklas)

Ankunft einer Flüchtlingsfamilie im Dorf Skala Sikaminias auf Lesbos.

Dramatische Bilder von einem Boot der griechischen Küstenwache, das ein Schlauchboot mit Flüchtenden gewaltsam zurück auf türkische Gewässer drängt und Schüsse ins Wasser abfeuert, werden von vielen Inselbewohnern gefeiert: "So muss man mit den falschen Migranten umgehen. Sie haben kein Recht, sich in unserem Land aufzuhalten", kommentiert ein Einheimischer den Vorfall.

Auf der Insel nehmen derweil einige Bürger den Grenzschutz selbst in die Hand. Sie blockieren die Straßen und bewerfen vorbeifahrende Autos mit Steinen. Stundenlang hinderten sie in den vergangenen Tagen Busse mit den Neuankömmlingen an der Durchfahrt. Die Bewohner der Dorfes Moria errichteten auf der Straße, die zum Flüchtlingslager führt, eine Barrikade und hielten Fahrzeuge an. Nicht-Einheimische durften nicht passieren. Auch hier lässt die Polizei den Bürgern freie Hand. Viele internationale Helfer und Journalisten haben Lesbos inzwischen verlassen. Zahlreiche Inselbewohner werten dies als Erfolg. Dabei ist sicher, ohne internationale Hilfe wird die Lage sich wohl nicht verbessern - und diese Hilfe erwartet man aus Brüssel.

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