Widerstand gegen Mini-Wasserkraftwerke auf dem Balkan | Europa | DW | 15.08.2018
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Flüsse

Widerstand gegen Mini-Wasserkraftwerke auf dem Balkan

Die letzten Wildflüsse Europas fließen auf dem Balkan. Nun droht ihnen die Zerstörung durch Mini-Wasserkraftwerke. Die sind wirtschaftlich kaum rentabel, werden aber von der EU finanziert. Fluss-Anwohner wehren sich.

Eines Morgens war die Baustelle da. "Zuerst wusste keiner in unserem Dorf, woran da gearbeitet wird", erzählt Tahira Tibold, Bürgermeisterin der zentralbosnischen Gemeinde Kruščica. Der Fluss, dessen Name die kleine Ortschaft trägt, liegt in einem Naturschutzgebiet und versorgt mehrere Orte mit Trinkwasser. Erst nach Tagen wurde klar, dass dort an einer Staustufe für ein sogenanntes Mini-Wasserkraftwerk 10 MVA gebaut wird.

Mini-Wasserkraftwerke sind Anlagen mit bis zu 10 Megavoltampere (MVA) Leistung. Sie funktionieren nach demselben Prinzip wie große Wasserkraftwerke - nur dass sie eben in kleine Flüsse hinein gebaut werden. Und solche Flüsse gibt es in ihrer ursprünglichen, natürlichen Form in Europa fast nur noch auf dem Balkan.

 Bosnien-Herzegowina Tsunami der Dämme auf den Balkan (Andrew Burr)

Frauen-Widerstand gegen Mini-Wasserkraftwerke entlang der Kruscica

Als die Einwohner von Kruščica realisierten, was "ihrem Fluss" bevorsteht, war ihnen sofort klar, dass der Bau das Ende ihrer bisherigen Lebensart bedeuten könnte. Deshalb besetzten die Frauen des Ortes am 24. August 2017 die einzige Zufahrt zur Baustelle. "50 von uns ketteten sich nachts auf der Brücke aneinander", berichtet Tahira. "Am nächsten Morgen erschienen 75 Polizisten, darunter Angehörige einer Spezialeinheit und räumten den Weg mit Gewalt."

Doch obwohl einige der Besetzerinnen bei der Räumung verletzt wurden, gaben die Einheimischen nicht auf. Im Gegenteil: Kaum waren die Polizisten wieder weg, wurden die Aktionen an der Brücke fortgesetzt - und die Bürger von Kruščica erstatteten Anzeige gegen den Betreiber der Baustelle.

Knapp ein Jahr später, im Juni 2018 annullierte das zuständige Gericht im nahen Novi Travnik die Genehmigung für den Bau des Wasserkraftwerks. Nach Überzeugung der Richter war die betroffene Bevölkerung im Genehmigungsverfahren weder ausreichend informiert noch mit einbezogen worden.

 Bosnien-Herzegowina Tsunami der Dämme auf den Balkan (Andrew Burr)

Nirgendwo in Europa gibt es noch so viele naturbelassene Wildgewässer wie auf dem Balkan

Die Aktivistinnen - von den Medien seit Beginn ihrer Aktionen "Die tapferen Frauen von Kruščica" genannt - sind nach wie vor skeptisch und behalten die Brücke rund um die Uhr im Auge. "Damit werden wir erst aufhören, wenn der Vertrag mit dem Investor für das Kraftwerk für ungültig erklärt wird", so Bürgermeisterin Tibold.

"Die Behörden lügen"

"Eigentlich fließt das Wasser der Flüsse für alle. Aber ab dem Moment, in dem die Konzession für die Nutzung an jemanden vergeben wird, fließt es nur noch für die Konzessionsinhaber. Das ist eine Privatisierung des Gemeinwohls - und auf dem Balkan findet zurzeit die größte derartige Privatisierung in Europa statt", warnt Ulrich Eichelmann von der NGO RiverWatch aus Wien.

"Der Bau von Mini-Wasserkraftwerken bedroht die letzten freien Flüsse Europas. 3.000 kleine Staudämme sind geplant oder schon im Bau, von Slowenien bis Griechenland", so Eichelmann. In Kooperation mit der deutschen Umweltstiftung EuroNatur und lokalen Partnern in den Balkanländern leitet er die Kampagne "Rettet das blaue Herz Europas", um die Welle der Zerstörung zu verhindern.

Bosnien-Herzegowina, Jelena Ivanic (Privat)

Jelena Ivanic, Zentrum für Umwelt in Banja Luka

Als ein Grund für die massenhafte Vergabe von Konzessionen gilt, dass private Interessen auf dem Balkan gegenüber öffentlichen bevorzugt werden. "Die lokalen Behörden hier bei uns machen ihre Arbeit nicht oder nicht richtig", erklärt Jelena Ivanić vom Zentrum für Umwelt im bosnischen Banja Luka, "die Wirkungsstudien, die sie vorlegen, sind oberflächlich und nichtssagend".

Zudem stünden die Konzessionsinhaber oft den jeweiligen politischen Machthabern in Bosnien nahe, ist sich Eichelmann sicher. Umweltstudien würden sogar gefälscht. "Die Behörden besuchen nie die Orte, wo gebaut werden soll. Stattdessen schreiben sie ihre Berichte vom Schreibtisch aus. Dabei lügen und betrügen sie, um den Bau zu ermöglichen".

 Bosnien-Herzegowina Tsunami der Dämme auf den Balkan (Privat)

"Privatisierung von Gemeinwohl" - Ulrich Eichelmann von River Watch

Als Beispiel nennt Eichelmann den Fluss Vjosa, der in Albanien in die Adria mündet. Entlang der Vjosa sollen 38 Dämme entstehen. In ganz Albanien seien es mehr als 500, auf dem gesamten Balkan 3.000, 91 Prozent davon Mini-Wasserkraftwerke. Und davon liegen mehr als ein Drittel in Regionen, die eigentlich als Schutzgebiete ausgewiesen sind, etwa in den Nationalparks im mazedonischen Mavrovo, entlang des bosnisch-kroatischen Flusses Una, entlang der Krka in Kroatien oder der Tara in Serbien.

Wie funktionieren diese Projekte finanziell?

"Jeder, der genug Geld auftreibt, kann Eigentümer eines Mini-Wasserkraftwerkes werden", erklärt Jelena Ivanić und fügt hinzu, dass sich die Investition nach rund 7 Jahren zu lohnen beginnt. Die Finanzierung läuft über staatliche Subventionen und Kredite von Finanzinstitutionen wie der Weltbank, der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung EBWE oder der Europäischen Investitionsbank, Societe Generale aus Frankreich, Uni Credit aus Italien, Raiffeisen und Erste Bank aus Österreich, sowie der KFW aus Deutschland.

"Diese Institutionen finanzieren Wasserkraft-Projekte, weil sie die dort gewonnene Energie für erneuerbar halten. Aber Energie aus Wasserkraftwerken ist nicht erneuerbar, denn zerstörte Natur ist nicht erneuerbar", erklärt Eichelmann. Zusammen mit dem Outdoor-Unternehmen Patagonia hat die Blue Heart-Kampagne eine Petition gegen die Finanzierung von Staudammprojekten auf dem Balkan gestartet, die im Juni in London an die EBWE übergeben wurde. Mehr als 120.000 Menschen haben unterschrieben.

Infografik Hydropower Tsunami in the Balkans EN

Wasserkraftwerke auf dem Balkan

Neben der Naturzerstörung spricht gegen den Bau der Mini-Wasserkraftwerke, dass sie nicht wirtschaftlich sind. "Momentan gibt es sehr viel Energie, der Preis für eine Kilowattstunde beträgt gerade mal drei Eurocent", so Eichelmann. "Das ist so niedrig, dass niemand irgendetwas dafür bauen würde. Hier kommen Regierungen ins Spiel, die erneuerbare Energiequellen unterstützen wollen und daher subventionieren. In Bosnien werden dabei 9-10 Cent pro Kilowattstunde zugesagt - dreimal so viel wie der Marktpreis. Heißt: Ohne diese Subventionen würde niemand einen Damm bauen."

"Es gibt keinen anderen Platz, wohin Lobbyisten gehen könnten"

Der Balkan ist eine politisch instabile Region, in der Unternehmen Geld mit Projekten machen können, die in der EU nicht möglich wären. Die Flüsse im Rest Europas sind nahezu komplett mit Dämmen zugebaut. Es gibt keinen anderen Platz, wohin Wasserkraft-Lobbyisten gehen könnten, um noch mehr Geld zu machen", heißt es in dem Film "Blue Heart", der von Patagonia finanziert wurde und gerade weltweit anläuft  (https://blueheart.patagonia.com/intl/de/film)

Auf die Frage, wie solche Projekte die Annährung der Balkanstaaten an die EU behindern könnte, antwortet Eichelmann: "Aus Sicht der EU muss die Natur auf dem Balkan geschützt werden, wenn diese Länder ein Teil der EU werden wollen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn es gibt andere Interessen in der EU, die sich dafür einsetzen, dass bis zum Jahr 2020, 20 Prozent der Energiequellen in Europa erneuerbar sein sollen - und das um jeden Preis. Ihre Gegner sind Umweltschützer, aber diese sind zu schwach, die Investoren zu besiegen", so der Experte. "Die Europäische Kommission muss davon überzeugt werden, dass die Flüsse auf dem Balkan der wertvollste Schatz Europas sind."

Bis dahin werden neue Mini-Wasserkraftwerke geplant und gebaut. Einer der Hauptinvestoren ist der aus Bosnien stammende Basketballstar Mirza Teletović. "Er denkt wohl, dass seine Investition eine Hilfe für die lokale Gemeinschaft ist. Aber sie kann ihr nur schaden", warnt Jelena Ivanić aus Banja Luka.

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