Werners Highspeed-Gala in Gladbach: Wo soll das bloß hinführen? | Sport | DW | 30.08.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Bundesliga

Werners Highspeed-Gala in Gladbach: Wo soll das bloß hinführen?

Timo Werner schießt Leipzig zum Sieg in Mönchengladbach und für den Moment an die Spitze der Bundesliga-Tabelle. Es könnte sein, dass dies nicht nur eine Momentaufnahme seines Teams bleibt.

Julian Nagelsmann huschte das Grinsen über das Gesicht. Aber die Freude war nicht nur so zu spüren. Der neue Leipziger Trainer genoss den Moment in vollen Zügen: Gerade eben hatte Timo Werner das 1:0 für Nagelsmanns Leipziger erzielt - naturgemäß ein Grund zur Freude. Doch nicht nur der Torerfolg als solcher dürfte dem jüngsten Bundesliga-Trainer die Freude so deutlich ins Gesicht geschrieben haben, sondern zwei andere Dinge: der Zeitpunkt und die Entstehung des Treffers. 

Der Zeitpunkt: Das umjubelte Führungstor fiel nur Momente, nachdem Nagelsmann seinem Mittelstürmer Timo Werner an der Seitenlinie energisch Anweisungen gegeben hatte, die Werner mit einem kurzen, aber deutlichen Nicken zur Kenntnis genommen hatte. Was der Trainer seinem pfeilschnellen Offensivmann gesagt hat, ist nicht überliefert. Geschadet hat es ihm aber offensichtlich nicht, denn der Leipziger Führungstreffer war einer aus der Kategorie "Bilderbuch-Angriff". 

Nach einer starken Balleroberung durch Kampl zog Forsberg zunächst mehrere Gegenspieler auf sich, ehe er Werner technisch herausragend mit einem Zuspiel im exakt richtigen Moment bediente. Werner vollendete nach starkem Körpereinsatz eiskalt gegen Gladbachs Keeper Yann Sommer, den er auch noch bewusst tunnelte. Nicht nur Nagelsmann wird dieses tolle Tor gefallen haben. Auch die Gladbacher dürften zu diesem Zeitpunkt, spätestens jedoch nach der 1:3-Niederlage beeindruckt gewesen sein.

Lehrstunde für Gladbach  

Denn dieser überfallartige, präzise vorgetragene Fußball ist genau der, den der vom anderen Red Bull Klub aus Salzburg verpflichtete Gladbacher Trainer Marco Rose auch am Niederrhein spielen lassen will. An diesem Abend sah Rose diese Art des Fußballs zwar, allerdings eben als Lehrstunde vom Gegner. Sein Team hingegen tat sich nach dem Rückstand schwer, gegen kontrolliert abwartende Gäste ein Spiel aufzuziehen. Zwar hatten die Gastgeber vor dem Rückstand durch Plea (10. Minute), Embolo (11.) und eine Minute vor dem Rückstand erneut durch Plea brauchbare Möglichkeiten, allerdings sah Rose hierbei immer wieder Einzelaktionen, die zwar vom Willen, aber nicht vom Konzept geprägt waren. 

Die Brechstange brachte in diesem von Gladbach-Manager Max Eberl als "Standortbestimmung vor der Länderspielpause" titulierten Duell zweier ambitionierter Bundesliga-Teams unter der Leitung neuer Trainer nicht den gewünschten Erfolg. Und so bleibt die Borussia gegen Leipzig weiter ohne Liga-Erfolg, verlor gegen den Angstgegner zu Hause jedes bisherige Bundesliga-Spiel. Leipzig hingegen  feiert unter Julian Nagelsmann den vierten Sieg im vierten Spiel und steht nach drei Siegen aus drei Bundesliga-Partien mindestens vorübergehend an der Spitze der Tabelle. Eine Woche nach dem lockeren Sieg gegen den physisch und taktisch völlig überforderten Aufsteiger Union Berlin ist Nagelsmann und seiner neuen Mannschaft die "Standortbestimmung" auf beeindruckende Weise gelungen. "Ich würde jetzt nicht sagen, dass eine Mannschaft deutlich schlechter war als die andere. Die klaren Torchancen am Anfang hatte Gladbach, wir sind dann aber schon verdient in Führung gegangen. Auch in der zweiten Halbzeit waren wir die deutlich gefährlichere Mannschaft mit Ausnahme der letzten fünf Minuten", resümierte Nagelsmann den Erfolg seines Teams, der kurz vor dem Ende durch Embolos Treffer zum 1:2 in Gefahr schien, durch Werners 3:1 zwei Minuten später aber feststand. Am nachhaltigsten beeindruckte dabei Werner, der unter der Woche seinen Vertrag in Leipzig ein wenig überraschend verlängert hatte und der Vertragsunterschrift keinen besseren Auftritt hätte folgen lassen können. 

Werner macht den Unterschied 

Alles andere als die Bestnote verbot sich an diesem Abend für Leipzigs Matchwinner. Dass Werner just nach seiner Verlängerung drei Tore erzielt und dabei dreimal Spielintelligenz, Ballkontrolle, enorme Geschwindigkeit und perfekte Präzision im Abschluss in einer Art und Weise demonstriert, lässt auf eine große Zukunft von Werner und RB hoffen. 

In Anbetracht seines Auftritts könnte man fabulieren, dass es Werners Masterplan sei, nicht zum FC Bayern auf eine neue Reiseflughöhe gewechselt zu sein, um mit Leipzig das Steuerhorn so radikal hochzureißen, dass man die Bayern einfach überflügeln kann. Wahrscheinlich ist man im Fußball zu oft geneigt, davon zu sprechen, dass ein einziger Akteur in einem Spiel den Unterschied gemacht hat. An diesem Abend in Mönchengladbach traf das auf Timo Werner aber ganz sicher zu. Wie lange man auch drüber nachdenkt: Seinem Gala-Auftritt an diesem Abend kann selbst die Phantasie nicht viel hinzudichten. Werner hat alle anderen nicht nur sprichwörtlich, sondern auch tatsächlich abgehängt in diesen 90 Minuten, die auch beim Gegner glasklare Anerkennung des Gala-Auftrittes provozierten. "Er ist ein sehr guter Stürmer, hat unglaubliche Schnelligkeit, vor dem Tor ist er stark - das hat man heute gesehen. Er hat heute den Unterschied gemacht", sagte Gladbachs Torhüter Sommer nach der Partie im Streamingdienst DAZN. Selten, dass der Gegner ein so treffendes Fazit offen zieht. 

Die nächste Standortbestimmung

Wie passend, dass nach der erfolgreichen Standortbestimmung in Gladbach als nächstes Rekordmeister Bayern nach Leipzig kommt - das perfekte nächste Kapitel für das ambitionierte Team um Trainer Nagelsmann und Torjäger Timo Werner. Zwei, die sich der Rekordmeister sicher auch in seinen Reihen vorstellen könnte, im Fall von Werner schon seine Fühler ausgestreckt hatte. Die schlechte Nachricht für den Branchenprimus: Werner, Nagelsmann und Co. scheinen Leipzig, das auch schon in den letzten Jahren zu den ärgsten Bayern-Verfolgern gehörte, auf das nächste Level heben, den Abstand möglicherweise sogar weiter verringern zu können. Vielleicht denken sich Nagelsmann und Werner auch schlicht, dass man ja nicht nach München wechseln muss, um Meister zu werden. Wer weiß? Zuzutrauen wäre es ihnen. Wie so einiges andere auch.

Die Redaktion empfiehlt