Wenn Kinder sich verbrühen | Wissen & Umwelt | DW | 31.12.2013
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Wissen & Umwelt

Wenn Kinder sich verbrühen

Mehr als 30.000 Kinder unter 15 Jahren werden in Deutschland pro Jahr wegen Verbrühungen und Verbrennungen behandelt. Es passiert - auch wenn Eltern noch so vorsichtig sind.

Oft ist es eine einzige Sekunde im Leben, die alles verändert. Es ist die Sekunde, in der sich Mutter oder Vater nur kurz umdrehen, die Sekunde, in der das Kind an der Tischdecke zieht. Die Kanne rutscht vom Tisch, der heiße Tee verbrüht das Kind.

Bei Tom passierte das Unglück einen Monat vor seinem zweiten Geburtstag, am 10. November 2008. Sie hätten am Küchentisch gesessen, gebastelt und gemalt, erzählt seine Mutter, Sandra Strippel. "Ich hatte Wasser abgekocht, und irgendwie hat er den Wasserkocher runtergerissen. Das Wasser war zwar schon abgekühlt, aber noch immer heiß genug, um schlimme Schäden anzurichten. "Es ist ihm komplett über Hals, Arme und Oberkörper gelaufen."

Der Junge kommt ins Krankenhaus und wird für fünf Tage in ein künstliches Koma versetzt, kommt auf die Intensivstation. Die Diagnose: Verbrennungsgrad Zwei B, eine sehr häufige Einstufung bei Kindern, so Königs. "Dabei bilden sich Blasen, die zum Teil aufplatzen und auseinander gehen. Dann ist nicht nur die Oberhaut, sondern auch die Lederhaut mit betroffen." Das ist die zweite Hauschicht. Danach kommt die Unterhaut, dann Muskeln und Sehnen.

Ein Verein unterstützt Eltern und Kinder

Bei der medizinischen Versorgung werden die Wunden gesäubert, die Blasen abgetragen. Das passiert unter Narkose. Stellen die Ärzte tiefere Verletzungen fest, müssen sie eventuell Haut transplantieren. Dafür wird eine dünne Schicht Haut an anderen Stellen entnommen, zum Beispiel am Kopf oder am Oberschenkel. Die deckt dann die verbrühte oder verbrannte Stelle ab. Mehrmals täglich müssen die Narben eingecremt werden, damit sie nicht verhärten. Mit Rat und Tat steht betroffenen Kindern und deren Eltern der Verein "Paulinchen" zur Seite.

Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug Paulinchen Struwwelpeter (Foto: picture alliance / akg-pictures)

"Zu Hilf' ! Das Kind brennt lichterloh!" - Paulinchen, aus dem Struwwelpeter, ist Namensgeberin des Vereins für brandverletzte Kinder und Jugendliche

Der Name kommt nicht von ungefähr. Er beziehe sich auf eine Geschichte im Kinderbuch "Der Struwwelpeter" aus dem Jahr 1845, sagt Vereinsmitglied Susanne Falk. "Da ist ein Kind, Paulinchen, sie ist ganz allein zu Hause und sie spielt fatalerweise mit Streichhölzern. Das hat schlimme Folgen." Am Ende der schrecklichen Geschichte brennt das ganze Haus und das kleine Mädchen kommt in den Flammen um. Die Figur Paulinchen wird Namensgeberin für den Verein, der 1993 von zwei Familien gegründet wird. Beide haben brandverletzte Kinder. Das Ziel der Initiatoren sei es gewesen, eine Anlaufstelle für Betroffene zu sein, so Susanne Falk. "Konkrete Hilfe gibt es bei der Hotline. Wenn die Eltern anrufen, dann hören wir ihnen zu, geben ihnen Rat, wenn sie Fragen haben." Der Verein finanziert sich über die rund 800 Mitglieder und über Spenden.

Der Heilungsprozess ist sehr langwierig

Auch wenn die Erstversorgung nach Verbrennungen oder Verbrühungen gut verlaufen ist, die Narben bleiben und können gerade bei kleinen Kindern problematisch sein. Sie befinden sich im Wachstum und da kann es passieren, dass eine Narbe nicht richtig mitwächst und dass die Bewegung deswegen eingeschränkt ist. Physiotherapie ist dann eine Möglichkeit -oder auch ein chirurgischer Eingriff. "Dadurch dass Narben manchmal dick und aufwerfend sind oder an sehr exponierten Stellen, wie etwa dem Gesicht, kann immer mal wieder eine Korrektur nötig sein", erklärt Ingo Königs. Meist gibt es auch einen psychischen Schaden, ein Trauma, mit dem Kinder nach Verbrühungen oder Verbrennungen zu kämpfen haben. Hinzu kommen in schlimmen Fällen Hänseleien, die diese Verletzungen mit sich bringen.

"Mir passiert so etwas nicht"

Ein Junge beugt sich auf die Herdplatte (Foto: Fotolia/ photophonie).

Mit Wasserkochern oder Herdplatten passieren immer wieder Unfälle

Kleine Kinder im Alter von ein bis drei Jahren sind am häufigsten von Verbrühungen und Verbrennungen betroffen, weil sie einfach nur die Welt um sich herum entdecken wollen. Die Gefahrenquellen können sie nicht einschätzen. Und davon gibt es gerade in der Weihnachtszeit viele. Dann passierten viele Unfälle, so Susanne Falk und an Sylvester würden viele Jugendliche mit Feuerwerkskörpern einfach alleine gelassen und steckten sie zum Beispiel in die Hosentasche. Durch die Reibung könnten sie sich entzünden. " Dann kommt es an den Beinen, im Genitalbereich zu Verletzungen oder aber die Feuerwerkskörper werden noch in der Hand gehalten, wenn sie schon explodieren."

Lange Zeit hat sich Sandra Strippel immer wieder schwere Vorwürfe gemacht, dass sich ihr kleiner Sohn verbrüht hat. "Ich habe ja direkt daneben gestanden", sagt die siebenfache Mutter. "Warum habe ich nicht schneller reagieren können? Warum?"

Wie viele andere hatte auch sie geglaubt, dass Verbrühungen bei kleinen Kindern immer nur den anderen passieren.

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